Amelie kann sehen

Rastatt (kba) – Dank vieler Spenden konnte die Behandlung der fast blinden zweijährigen Amelie beginnen. Erste Erfolge zeigen sich.

„Wo Licht ist, ist oft auch mehr“: Die Hilfsbereitschaft gegenüber Amelie und ihrer Mutter ist groß. Foto: Privat

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„Wo Licht ist, ist oft auch mehr“: Die Hilfsbereitschaft gegenüber Amelie und ihrer Mutter ist groß. Foto: Privat

Wo Licht ist, ist auch mehr. So ließen sich mit einem Zitat der Mutter von Amelie, kurz und ohne medizinischen Jargon zu bemühen, die positiven Effekte der ersten von mindestens vier Behandlungen in einer Spezial-Augenklinik in Berlin zusammenfassen. Die zweijährige Tochter wurde mit einer schweren septooptischen Dysplasie, kurz SOD, geboren, bei der der Sehnerv unterentwickelt ist, Nervenfasern und -zellen dezimiert sind. Zwar können Nerven, egal ob beschädigt oder insuffizient, nicht wieder hergestellt, dank einer neuartigen Behandlung aber selbst abgestorbene Nervenzellen reaktiviert und gestärkt werden.
Die Hoffnung ist, das Gehirn so stimulieren zu können, dass es einen Teil der Sehkraft durch alternative Verbindungen wiederzustellen versucht. „Ich hatte schon immer den Eindruck, dass Amelie auf Licht reagiert“, erklärt Annette F. hinsichtlich der neuesten Erkenntnisse zum Sehvermögen ihrer Zweijährigen.

Bis dato galt Amelie, deren Sehvermögen ihre Ärzte auf unter zwei Prozent einstuften, per medizinischer Definition als blind. Erst die erweiterten Tests einer Orthopistin in der Fedorov Restore Vision Clinic, einer Spezialklinik im Sana Gesundheitszentrum „Dr. Karl Kollwitz“ in Berlin mit einer besonderen Therapie für Augenleiden, konnten dies widerlegen. Beim TAC-Test etwa, bei dem der Patient auf eine Art Schachbrett-Muster blickt, erkannte Amelie erst nur zwei Felder, am Ende sechs. Tendenz steigend.

„Wo Licht ist, ist oft auch mehr“, hörte Annette F. als Begründung, als sie mit Amelie zu der ersten von mindestens vier der zehntägigen Elektrostimulationsbehandlungen antrat. „Das war unheimlich anstrengend“, für sie beide, meint sie rückblickend. So groß sei die Aufregung gewesen, dass Amelie – und damit auch sie – kaum noch Schlaf gefunden hätten. Und noch immer sei die Unruhe ihr täglicher Gast, doch allein die Aussicht, dass bis zu drei Monate lang noch weitere Verbesserungen erwartet werden dürfen, ließ sie das alles hinnehmen. „Jeder, der Amelie kennt, kann sehen, wie toll sie sich seitdem entwickelt hat.“

Bei allen Strapazen ist die Mutter mehr als froh, dass unter anderem durch Spenden von Lesern dieser Weg nun möglich wurde. Sie wünscht sich, dass auch andere Betroffene die Chance erhielten.

Über die Praxis der Physiotherapeutin Karin Heinke, die Amelie quasi vom ersten Tag an begleitet, haben sich schon mehrere Mütter an sie gewandt. „Ich versuche zu helfen, wo ich kann“, auch wenn neben den aktuellen Herausforderungen im Alltag kaum Zeit bleibt, auch, weil die Alleinerziehende, nebst Terminen und Fürsorge, immer auch für ihre alleinstehende und seit einer schweren Corona-Erkrankung pflegebedürftige Mutter da sein muss. „Amelie merkt natürlich auch, dass etwas anders ist.“ Sie war erst mal unsicher, noch anhänglicher und kränkelte. Dann aber wieder war es die pure Freude, zu sehen, was sie alles neu konnte: den Blick auf einen Gegenstand richten, ehe sie danach greift, sich aufrichten, laufen üben. „Als die in Berlin sagten, Amelie würde in zwei Tagen zu sprechen beginnen, konnte ich es nicht glauben“, erinnert sich Annette F., „doch genau so war es.“ Das oft ängstliche und schüchtern wirkende Mädchen fing spontan an zu brabbeln, probierte Silben und Laute. Und: „Die Kleine lacht seitdem auch viel mehr“, freut sie sich.

Therapie wird angepasst

Ihre neuen Freunde im Antiquariat Thelen in Baden-Baden, wo Gertrud Thelen gleich nach dem ersten Artikel vor rund drei Monaten begann, Annette F. mit Rat und Tat und engagierten Spendenaufrufen den Rücken zu stärken, haben sie gleich nach ihrer Rückkehr wieder besucht, um die Freude zu teilen. Für sie sei es wie ein Wunder, schwärmt auch die Physiotherapeutin Heinke von Amelies Fortschritten. Zusammen mit den Kolleginnen von der Logotherapie ist sie bemüht, ihre Therapie nun bestmöglich auch an Amelies neue Möglichkeiten anzupassen. Damit das Sehvermögen weiter wachsen kann, braucht Amelie nun zeitnah auch hier einen Orthopisten, der mit einer Sehschule hilft, die bislang kaum geforderten Sehmuskel effektiv zu stärken. Nach lediglich vier statt der zunächst geplanten sechs Monate kann dann im Juni bereits die zweite Einheit der Elektrostimulationstherapie in der Klinik folgen, so Annette F.. Je jünger ein Kind dabei ist, desto größer sind die Chancen und in der Regel auch die Schritte. Mit dem siebten Lebensjahr schließt sich dann das Entwicklungsfenster für immer. Amelie hat die ersten Hürden genommen, nun heißt es dran bleiben.

Immer wieder denkt Annette F. auch an die große Unterstützung aus Rastatt und Umgebung, die ihrer kleinen Tochter in den letzten Monaten zuteil wurde. Nur dadurch sei es gelungen, bereits zwei weitere der rund 8.000 Euro teuren Behandlungseinheiten sicherzustellen, von deren Kosten die Krankenkassen nichts übernehmen.

Auch für die Kita, in die Amelie nun an zwei Vormittagen gehen darf, hat sich eine gute Lösung gefunden. Eine zusätzliche Erzieherin in Teilzeit begleitet Amelie und kann, wenn diese nicht da ist, das Team der Kita Sternchen verstärken.

Vieles hat sich verbessert seit dem ersten Aufruf zur Hilfe in der Zeitung zum Jahresanfang. Doch der Weg, der noch vor Amelie und ihrer Mama liegt, ist sehr viel länger als der hinter ihnen.

Zum ersten Mal wagt Annette zu hoffen, dass Amelie vielleicht irgendwann mit Brille richtig sehen könnte – ihr Licht ganz am Ende des Tunnels. „Dafür mach ich einfach alles“, gibt sich die Mutter erneut kämpferisch.


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