Amerikanerin spielt für SC Sand

Baden-Baden (mi) – Die Amerikanerin Patricia George spielt in der Frauen-Bundesliga für den SC Sand. Es ist ihre zweite Deutschland-Station nach ihrem Debüt in Cloppenburg.

Ist mit der Platzierung des SC Sand und ihrer Torbilanz nicht zufrieden: Patricia George aus Chicago. Foto: Borscheid

Ist mit der Platzierung des SC Sand und ihrer Torbilanz nicht zufrieden: Patricia George aus Chicago. Foto: Borscheid

Wenn Patricia George an ihre Heimatstadt Chicago und ihre erste Deutschland-Station Cloppenburg denkt, weiß sie nur zu gut, dass sie im Schwarzwald bestens aufgehoben ist. „In Chicago kann es verdammt kalt sein, sogar jetzt noch schneien. Und in Cloppenburg hat es ständig geregnet.“ Patricia George ist als Amerikanerin also wettertechnisch einiges gewohnt. Von daher genießt sie den Frühling in Baden umso mehr. Nur beim Blick auf die Tabelle kommt der 24-Jährigen dann auch mal ein „Shit“ über die Lippen.
Patricia George jagt in der Frauen-Bundesliga beim SC Sand dem Ball nach, und es ist auch für sie nicht so toll, wenn man auf dem Tableau ziemlich weit nach hinten schauen muss, um ihren Verein zu finden. Die Mittelfeldspielerin und ihre Kolleginnen stecken mitten im verschärften Abstiegskampf. Duisburg, Meppen, Sand – zwei von den drei Sorgenkindern werden in den sauren Apfel beißen, das heißt in der nächsten Saison eine Etage tiefer ihrem Fußwerk nachgehen.

„Ich bin natürlich nicht zufrieden, da ich auch immer gewinnen will. Dabei haben wir gute Spielerinnen, die alle Talent haben. Unser Problem ist aber, den Fokus über die 90 Minuten zu halten“, sagt George. In die Kritik schließt sie sich explizit mit ein: „Ich habe erst ein Tor geschossen.“ Es klingt aus ihrem Mund wie ein „big sorry“. Diese Torbilanz ist für sie so erwärmend wie die Millionenstadt Chicago im Januar. „Wir müssen uns da unten rauskämpfen.“

Dabei ist sie schnell angekommen, was die Integration betrifft, obwohl sie nach 13 Monaten hierzulande noch kein Deutsch spricht. Nicht zuletzt, da in Phoenetia Browne, Adrienne Jordan und Summer Lynn Green gleich drei Landsfrauen Mitspielerinnen sind. Quasi ein Klein-Amerika im Willstätter Dunstkreis. „Wir sind eine gute Community, können über alles Mögliche reden“, spricht sie über den Wohlfühlfaktor Zehntausende Meilen von der Heimat entfernt. Zum Erlernen der für Ausländer gewöhnlich schweren deutschen Sprache hat SC-Trainerin Nora Häuptle das US-Girl aber extra in eine WG mit zwei deutschen Kolleginnen gesteckt. Es hängen sogar Zettel mit deutschen Begriffen und Vokabeln an Türen oder dem Kühlschrank.

Eine internationale Truppe

Auf dem Rasen sitzen die Fachtermini. „Da wir eine internationale Truppe mit Spielerinnen auch aus Polen oder den Niederlanden sind, sprechen die meisten bei uns auch gutes Englisch“, sagt Häuptle, die als Schweizerin gleich mehrere Sprachen beherrscht.

Die Trainerin kann sofort die „Riesenstärke“ ihres Schützlings benennen: „Sie ist wahnsinnig schnell und auch handlungsschnell. Sie hat extrem viel Potenzial. Sie muss aber noch Fortschritte machen, dass die Technik ihrem Speed folgt. Ihr fehlt noch etwas die direkte Linie zum Tor.“ Häuptle ist aber überzeugt: „Sie entwickelt sich in Schritten weiter. Das ist wichtig.“

Im norddeutschen Cloppenburg beim ersten Deutschland-Abenteuer war das Heimweh bei Patricia George doch noch stark ausgeprägt: Nur zwei Spiele stand sie dort für den Zweitligisten auf dem Platz, kurz danach sorgte Corona für den schnellen Schlusspfiff. Keine Spiele, keine näheren Bezugspersonen, nur der Regen peitschte beständig vom Himmel: Nach drei Monaten zog sie die Reißleine, über den Tipp eines Insiders landete sie in Baden.

Corona wütet noch immer durchs Land, doch nach nervigen Spielabsagen und „Kaffeefahrten“ über Hunderte Kilometer ohne Kick kann jetzt endlich auch beim SC Sand wieder um Punkte gespielt werden. „Das ist eine Erleichterung für alle Beteiligten“, sagt George. In ihrem Heimatland können in bestimmten Städten sogar wieder Zuschauer ins Stadion. Und im Gegensatz zum Männerbereich sind die US-Frauen eine Weltmacht, sprich Vierfach-Weltmeisterinnen. „Ich schaue auch zu Megan Rapinoe auf, sie nutzt ihre Plattform perfekt“, bewundert sie die Kapitänin, Leaderin,

Für Nigeria im Nationalteam

Menschenrechtlerin, Trump-Bekämpferin, Frontfrau für die Gleichstellung von Mann und Frau. Speziell gehaltstechnisch. George: „Das macht sie schon gut.“Überhaupt bemerkt sie, dass der europäische Fußball, Soccer genannt, immer populärer in ihrer Heimat wird. „Schon an der Highschool wurde viel darüber diskutiert, dass immer mehr Kids Soccer dem Football vorziehen, der so viele gesundheitliche Probleme mit sich bringt.“

Obwohl sie die US-Staatsbürgerschaft besitzt, tritt die Bundesliga-Legionärin international nicht im Sternenbanner-Trikot an. Da die Mutter aus Venezuela und der Vater aus Nigeria stammt, die beide mit einem Sport-Stipendium in die Staaten an die Wichita-Uni kamen, hatte sie gar die Qual der Wahl. Sie entschied sich für das afrikanische Land.

Daran ist wiederum hauptsächlich ihre Schwester Regina „schuld“. Die ist Leichtathletin und zwar eine richtig gute über die 400 Meter. Regina George hat Nigeria bei den Olympischen Spielen 2012 in London vertreten, Einzel-Silber und Staffel-Gold bei den Afrika-Meisterschaften 2012 und 2014 gewonnen. „Regina ist mein Vorbild“, sagt Patricia über ihre sechs Jahre ältere Schwester. Sie hat noch vier weitere Schwestern. Regina wiederum hat die Gene von ihrer Mutter geerbt, die einst ebenfalls die 400 Meter lief.

Patricia George, in einer Sport-Großfamilie wohlbehütet aufgewachsen, hat bislang einmal für Nigeria gespielt, bereut hat sie es nicht. „Die Unterstützung dort ist groß, gerade auch in den sozialen Medien.“ Sie fühlt sich also auf gleich mehreren Kontinenten irgendwie zu Hause.

Da sie Sportmanagement an der Universität von Illinois studiert hat, steht ihr auch beruflich die Welt offen. „Ich möchte später gerne auch im Sportbusiness arbeiten. Ich werde sehen, ob sich in Zukunft etwas ergibt. Ich weiß aber noch nicht, wann ich zurückkehre. Ich will zunächst in Europa bleiben und noch einige Jahre spielen.“ Als kluger Kopf mit extrem schnellen Beinen wird irgendwann auch ein wichtiger Anruf für die zweite Karriere kommen. Patricia George ist vom Soccer infiziert.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
31. März 2021, 18:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 51sec

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