Amt droht mit Aufnahmestopp für Vogelstation

Rastatt (dm) – Das Landratsamt wirft der Vogelstation Fingermann Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vor und droht mit befristetem Aufnahmestopp. Die verärgerten Vogelretter sehen sich schikaniert.

Sehen sich und ihre Wildvogelstation zu Unrecht im Visier des Landratsamts Rastatt und wollen auf jeden Fall weitermachen: Kevin und Pierre Fingermann. Foto: Daniel Melcher

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Sehen sich und ihre Wildvogelstation zu Unrecht im Visier des Landratsamts Rastatt und wollen auf jeden Fall weitermachen: Kevin und Pierre Fingermann. Foto: Daniel Melcher

Kevin Fingermann ist „stinksauer“. Der Ärger mit dem Landratsamt um die Wildvogelauffangstation in Rastatt reißt nicht ab und hat nun eine neue Eskalationsstufe erreicht. Das Veterinäramt will ihm zumindest zeitweise „die Aufnahme von weiteren Haus- und Wildvögeln“ untersagen. Zusammen mit seinem Großvater Pierre Fingermann, der seit 28 Jahren für den Vogelschutz im Einsatz ist, spricht er von Schikane und gibt sich kämpferisch. „Wir machen weiter“ – auch wenn am Ende dafür ein Umzug auf ein Areal in einem Nachbarkreis erforderlich sein müsste.
Die Vorwürfe aus dem Amt wiegen schwer. Von „wiederholten gravierenden Verstößen gegen das Tierschutzgesetz“ ist in dem an Kevin Fingermann adressierten Schreiben die Rede, das den beiden am Freitag ins Haus flatterte. Die von ihnen aufgenommenen Vögel würden zum Beispiel „nicht immer die notwendige medizinische Versorgung“ erhalten, bekämen „meist kein artgerechtes Futter“ und würden „unter schlechten hygienischen Bedingungen gehalten“. Man beabsichtigt eine Aufnahme-Untersagung bis einschließlich 30. September und gibt Fingermanns die Gelegenheit, sich bis zum 30. Juli zu äußern.

Kevin Fingermann sieht Existenz bedroht

Diese weisen die Vorwürfe zurück, haben inzwischen einen Anwalt eingeschaltet und gehen in die Öffentlichkeitsoffensive: Ein in den sozialen Netzwerken veröffentlichter Post Fingermanns, der das Schreiben aus dem Amt zeigt, wurde bis gestern Mittag offenbar bereits knapp 42.000 Mal aufgerufen – und hat entsprechende Wogen entfacht. Und am Samstag, 31. Juli, ab 13 Uhr sowie Sonntag, 1. August, ab 14 Uhr laden die Vogelretter alle Interessierten dazu ein, sich selbst ein Bild von der Außenanlage zu machen.

Wie berichtet, hatte Pierre Fingermann im Mai 2020 aus Frust über behördliche Auflagen nach 27 Jahren als ehrenamtlicher Vogelschutzbeauftragter des Landkreises Rastatt das Handtuch geworfen und die Vogelstation seinem Enkel übergeben. Inzwischen wurde ein Verein gegründet – „Wildvogelauffangstation Fingermann“ –, an dessen Spitze Pierre Fingermann steht. Enkel Kevin absolvierte eine Ausbildung zum Tiernotfallsanitäter beim UNA-Tierrettungsdienst (mit Sitz in Dobel), für den er nun auch im Landkreis Rastatt und in Karlsruhe im Einsatz ist. Und nach wie vor, so die beiden, werden sie von der Polizei, Rettungskräften und Bürgern gerufen, wenn es Wildvögel zu retten gilt. Alles in allem sei er mit Rettungsaktionen, Pflege der Vögel und dem Saubermachen bis zu 14 Stunden am Tag beschäftigt, sagt Kevin Fingermann. Er sei kooperativ, versuche, die amtlichen Auflagen stets umzusetzen – und doch drohe man nun, seine Existenz als Wildvogelretter zu vernichten. 28 Jahre lang soll alles okay gewesen sein, verweist er auf die Erfahrung seines Großvaters, und jetzt nicht mehr? Hoch dekoriert ist Pierre Fingermann, 2019 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt, im selben Jahr zeichnete ihn der Zoo Karlsruhe als Tierbotschafter aus. „Aber jetzt möchte man uns nicht mehr haben“, meint sein Enkel. Als man die Arbeit noch kostenlos gemacht habe, sei man gut genug gewesen.

„Haben hier keinen OP-Betrieb“

Nachdem die Fingermanns mit ihren Einlassungen in die Öffentlichkeit gegangen sind, will das Landratsamt heute in einer Pressekonferenz reagieren. Veterinäramt und Naturschutz hätten die Vogelstation der Familie seit vielen Jahren begleitet. Doch: „Leider haben die Entwicklungen der vergangenen Monate dazu geführt, dass ein befristeter Aufnahmestopp für Tiere in Betracht gezogen werden muss“, hieß es vonseiten der Behörde gestern. Die Betroffenen sehen das anders: Während Vertreter anderer Institutionen die Lage in der Station nicht beanstanden würden, habe man sie im Rastatter Veterinäramt offenbar auf dem Kieker. Man habe hier „keinen OP-Betrieb“, sondern es mit Wildtieren zu tun, die wieder freigelassen werden sollen, sieht Pierre Fingermann die Verhältnismäßigkeit nicht gegeben.

„Eine der besten Wildtierstationen“

Unterstützung kommt er von der NABU-Ortsgruppe Rastatt. Man wünsche sich eine Fortführung der Vogelhilfe im Landkreis „mit aktiver Unterstützung des Landratsamts für die Familie Fingermann“, so Vorsitzender Karl-Ludwig Matt. Verwundert zeigt man sich auch beim UNA-Tierrettungsdienst, der überregional mit verschiedenen Wildtierstationen zusammenarbeitet – und die der Fingermanns sei eine der besten, wie UNA-Vorsitzender Uwe Lässig sagt. Kritik übt er in eine ganz andere Richtung: Im ganzen Bereich, in dem die UNA tätig ist, seien der Landkreis und die Stadt Rastatt die einzigen, die nichts für Wildtiereinsätze bezahlen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
21. Juli 2021, 18:17 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 08sec

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