Anekdotenhafte Zeitreise in der Franziskanergruft

Rastatt (mak) – Ein interessantes Relikt der Franziskanerzeit ist die Mönchsgruft, die sich unter dem Chorraum der evangelischen Stadtkirche befindet. Sie ist bei Stadtführungen zu besichtigen.

Die Stadtführer Werner Hudelmaier und Irmgard Stamm in der Gruft unter der evangelischen Stadtkirche. Foto: Frank Vetter

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Die Stadtführer Werner Hudelmaier und Irmgard Stamm in der Gruft unter der evangelischen Stadtkirche. Foto: Frank Vetter

Die Kirche des im Jahr 1717 eingeweihten Franziskanerklosters in der Herrenstraße wurde im Rahmen der Säkularisation 1807 der evangelischen Stadtpfarrei überlassen. Die Krypta unter dem Chorraum umfasst 54 Grabkammern, die im Rahmen von Stadtführungen zu besichtigen sind. Wer sich neugierig und gespannt der Rückseite des ehemaligen Konventsgebäudes nähert, muss sich etwas gedulden, bevor es in den Untergrund geht. Zunächst entfernt der Stadtführer vier große Holzdielen, mit denen die Kellertreppe abgedeckt ist. Ex-Landrat Werner Hudelmaier, der seit rund sechs Jahren Gruppen durch die Barockstadt führt, holt einen Schlüsselbund aus der Tasche und schließt zunächst das Gittertor auf, bevor er mit dem nächsten Schlüssel die schwere Holztür unter der Eingangskuppel öffnet. Bereits nach wenigen Schritten kommt eine graue Metalltür. Hudelmaier schließt sie auf, knipst den Lichtschalter an und der Blick des Betrachters geht zunächst auf einen langen Gang, dessen rechte Seite mit Regalen und alten Sachen zugestellt ist. Nach einigen Metern geht es rechts ab in einen kurzen Gang, dann blickt der Betrachter in die Gruft mit den offenen Grabkammern, die beidseitig in drei Ebenen verlaufen. Sechs Grabplatten sind noch erhalten, ein paar davon wurden restauriert. Der Raum ist von zwei hellen Lampen gut beleuchtet. Am Ende des Gangs steht eine alte Holzbank, auf die ein Kreuz gestellt ist. Das Arrangement wirkt etwas deplatziert. „Wenn die Besucher die Gruft betreten, dann sind sie relativ ruhig. Die Begräbnisstätte hat bis heute ihre Wirkung“, berichtet der 80-Jährige über die Reaktionen seiner Gruppen.

Gruft ist relativ trocken

In der Gruft ist es nicht kühl, die Luft ist relativ trocken, ein leichter Kellergeruch steigt in die Nase. „Wahrscheinlich ist es hier relativ warm, weil gleich nebenan der Heizraum liegt“, vermutet der Stadtführer. „Das Franziskanerkloster wurde einst auf Erlenpfählen gegründet, ich finde es sehr erstaunlich, dass alles nach wie vor noch so trocken ist“, urteilt Hudelmaier. Die Gruft ist zwölf Meter lang und drei Meter hoch, die einzelnen Kammern weisen eine Länge von 2,75 Meter auf. Die Krypta wurde einst angelegt, weil man aufgrund des Verwesungsgeruchs niemanden im Chorraum bestatten wollte. Dennoch gibt es im Chorraum die Gräber von zwei Patres, die während der Bauphase dort bestattet wurden. Ausnahmen von diesem Bestattungsverbot wurden auch gemacht, als 1744 Oberlandeschirurg Anton Lambert verstarb sowie 1753 für den Mediziner Anton Reis und danach für dessen Eltern, berichtet Hudelmaier. Zunächst war die Gruft nur Klosterbrüdern und Adligen des Hofs vorbehalten, danach fanden aber auch Bürger ihre letzte Ruhe in den Grabkammern, die das Kloster finanziell unterstützten. Während die Verstorbenen aus gut situiertem Hause im Eichensarg bestattet wurden, schob man die toten Franziskanermönche lediglich auf einem Brett in die Grabkammer, berichtet Hudelmaier. Ob alle Kammern belegt waren, lasse sich nicht mehr rekonstruieren, es seien nur 24 Patres gewesen, die im Kloster gelebt hätten.

Mönchsleiche zerfällt zu Staub

Und wie es sich für eine gute Führung gehört, hat Hudelmaier für den Besucher auch eine Anekdote parat. Die Franziskanermönche hatten im Jahr 1805 die Zugänge zur Gruft geschlossen. Als man dann 1890 die Kirche und den Turm renovierte, wurde sie geöffnet: „Es war ein offizieller Akt, bei dem neben dem Pfarrer auch der Bürgermeister und der Schutzmann Gromer dabei waren. Es lagen überall Knochen, Holz- und Kleiderreste herum, wahrscheinlich wurde die Gruft von französischen Besatzungstruppen geplündert, die sich Wertsachen erhofft hatten“, erläutert der Stadtführer. In einer Grabkammer entdeckte der Polizist im Schein seiner Laterne die Leiche eines Franziskanermönchs. Sie war mit Sandalen und einer braunen Kutte bekleidet und hielt einen Rosenkranz in ihren Händen. „Neugierig zog der Schutzmann die auf einem Brett liegende Leiche heraus, die vor den Augen aller Anwesenden zu Staub zerfiel“, erzählt Hudelmaier. Gromer, der ein kräftiges Mannsbild war, habe den Schock seines Lebens bekommen und sei noch mehrere Tage danach benommen gewesen. Die Gruft wurde anschließend geschlossen und geriet in Vergessenheit, bis sie 1946 im Rahmen von Wasserleitungsarbeiten neu entdeckt wurde. „Die restlichen Knochen wurden nun zusammengetragen und in einer Grabkammer bestattet“, erzählt der Stadtführer, der von seiner Kollegin Irmgard Stamm begleitet wird. Sie leitet seit zehn Jahren Gruppen durch die Stadt und möchte sich mehr in das Themengebiet Kirchen einarbeiten. „Bislang habe ich mich auf die Revolutionszeit, die Kasematten und Cavalier I spezialisiert, mit Kirchengeschichte habe ich mich noch nicht so befasst“, erläutert Stamm. Werner Hudelmaier hat sich aus persönlichem Interesse eingehend mit den Rastatter Kirchen befasst, neben der Krypta unter der evangelischen Stadtkirche hat es ihm die Bernharduskirche besonders angetan: „In dieser Kirche steckt so viel Geschichte, außerdem birgt sie noch jede Menge Geheimnisse“, erzählt der 80-Jährige, dem die Stadtführungen insgesamt Spaß machen: „Rastatt ist erst auf den zweiten Blick schön – und diesen Blick muss man bei den Besuchern wecken.“

Die Inschriften einiger Grabplatten in der Franziskanergruft sind restauriert. Foto: Frank Vetter

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Die Inschriften einiger Grabplatten in der Franziskanergruft sind restauriert. Foto: Frank Vetter

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Erstellt:
10. Januar 2021, 21:00 Uhr
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