Angeklagter aus Bühl räumt Missbrauchsvorwürfe ein

Baden-Baden (for) – Ein 64-jähriger Angeklagter aus Bühl musste sich am Mittwoch vor dem Landgericht Baden-Baden wegen teils schweren sexuellen Missbrauchs an mehreren Kindern verantworten.

Im Zeitraum von 2005 bis 2019 soll sich ein 64-jähriger Angeklagter aus Bühl an mehreren jungen Mädchen vergangen haben. Ihm drohen bis zu neun Jahre Haft. Foto: Uli Deck/dpa

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Im Zeitraum von 2005 bis 2019 soll sich ein 64-jähriger Angeklagter aus Bühl an mehreren jungen Mädchen vergangen haben. Ihm drohen bis zu neun Jahre Haft. Foto: Uli Deck/dpa

Nervös krallt die 21-Jährige auf der Nebenklägerbank ihre Finger in das Kuscheltier, das sie in ihren Händen hält, immer wieder sucht sie den Blickkontakt zu ihren Eltern im Zuhörerbereich. Gegenüber sitzt der Mann, der sie über Jahre hinweg missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft warf dem mittlerweile 64-jährigen Bühler vor, sich im Zeitraum von 2005 bis 2019 in 180 Fällen an insgesamt sechs jungen Mädchen vergangenen zu haben. Zum Prozessauftakt gestern im Landgericht Baden-Baden räumt der Angeklagte einen Großteil der Taten ein.

Opfer waren zwischen fünf und elf Jahre alt

Es sind verstörende Szenen, die sich in dem Anwesen des Angeklagten in Bühl über Jahre hinweg ereignet haben sollen. Immer wieder soll er dort – in der Scheune, im Garten und später auch in seinem Büro in der oberen Etage – ein Mädchen aus der Nachbarschaft sowie fünf Freundinnen seiner Enkelinnen teilweise schwer sexuell missbraucht haben. In dem Zeitraum der Taten waren die Opfer zwischen fünf und elf Jahre alt.

Die heute 21-Jährige – eine der Betroffenen – soll der in Steinbach geborene Angeklagte 2005 zum ersten Mal zu sich in den Schopf gerufen haben, um ihr dort in die Hose zu fassen, wie die als Zeugin geladene Kriminalhauptkommissarin aussagt.

Intensität der sexuellen Handlungen nahm im Verlauf zu

Dabei blieb es jedoch nicht, die Übergriffe wiederholten sich und „im weiteren Verlauf nahm die Intensität der sexuellen Handlungen immer mehr zu.“

Mit dem Vorwand, er brauche Hilfe bei Technikproblemen am Computer, lockte er das Opfer in sein Haus. Zunächst fasste er dem Mädchen an die Scheide, später soll es dann auch zum vaginalen und analen Eindringen seines Fingers gekommen sein. Außerdem habe er das Mädchen aufgefordert, sein Glied zu stimulieren, während am PC pornografische Inhalte abgespielt wurden. Auch bei einem Ausflug in den Karlsruher Zoo gemeinsam mit seinen Enkeltöchtern soll er das Mädchen unsittlich berührt haben.

„Vertrauensverhältnis massiv ausgenutzt“

Neben der ehemaligen Nachbarin sind fünf weitere Freundinnen seiner Enkelinnen unter den Opfern. Immer wieder lud der Angeklagte diese zum Spielen in seinen Garten ein – ein Kinderparadies mit Planschbecken und Trampolin. Es soll regelmäßig zu Übergriffen gekommen sein. „Er war als Erwachsener die Bezugsperson, dieses Vertrauensverhältnis hat er massiv ausgenutzt“, wirft die Staatsanwaltschaft dem Bühler vor.

Die Kriminalhauptkommissarin, die die Betroffenen vernommen hat, schildert vor Gericht, wie der Angeklagte den Mädchen etwa unter die Badehose griff oder sie – unter dem Vorwand, ihnen das Schachspielen zu erklären – auf seinen Schoß zog.

„Taten kommen erst im Januar 2020 ans Licht“

Ans Licht kamen die Missbrauchsvorwürfe erst im Januar 2020, als die heute 21-jährige Hauptgeschädigte und ehemalige Nachbarin bei einem zufälligen Aufeinandertreffen mit dem Angeklagten zusammenbrach und sich daraufhin ihren Eltern anvertraute. Der Vater der 21-Jährigen zeigte die Taten daraufhin an. Seitdem sitzt der 64-jährige Angeklagte in Untersuchungshaft. Er lässt durch seinen Verteidiger bereits am ersten Prozesstag verkünden, dass er rund 140 der ihm vorgeworfenen 180 Taten einräumt.

Verteidiger: „An der Grenze zur Haftunfähigkeit“

Zu den Vorwürfen selbst äußert sich der bisher nicht vorbestrafte Angeklagte allerdings nicht. Stattdessen schildert er in aller Ausführlichkeit sein eigenes Leid. So habe er seit Jahren mit einer schweren Augenerkrankung zu kämpfen, sei auf einem Auge blind, weshalb er 2003 frühzeitig die Rente antreten musste. Außerdem habe er Blutdruck- und Herzrhythmusbeschwerden und er sei Diabetiker. All das würde in der Haftanstalt nur unzureichend behandelt. Sein Verteidiger sieht den Angeklagten deshalb „an der Grenze zur Haftunfähigkeit“. Wegen seines Geständnisses setzt er auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren.

Urteilsverkündung am Freitag

Die Staatsanwaltschaft fordert dagegen eine Gesamtfreiheitsstrafe von neun Jahren. Da das Geständnis erst bei der Hauptversammlung erfolgt sei, habe der Angeklagte den Opfern im Verfahrensverlauf keine Last abgenommen. „Die geschädigten Mädchen haben über all die Jahre schweres Leid erfahren und unangenehme Situationen über sich ergehen lassen müssen“, betont Katrin Behringer, Anwältin der Nebenklage, nach Verkündung der Plädoyers. Für die anwesende 21-Jährige nehme „dieses Martyrium“ heute hoffentlich ein Ende. „Aber stellen Sie sich vor, Sie tragen dieses Schicksal jahrelang in sich, ohne sich mitzuteilen“, richtet sie ihre Worte an den Richter. „Bitte nehmen Sie in die Urteilsberatungen mit auf, dass nicht nur die Taten schlimm sind, sondern auch alles, was danach noch folgt“, betont sie.

Der Angeklagte versucht am Ende des Prozesstags, Reue zu zeigen: „Es tut mir leid, ich entschuldige mich bei allen.“ Seine Worte wirken jedoch emotionslos. Die Urteilsverkündung ist für morgen angesetzt.


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