Angst und Sorge unter Afghanen in Rastatt

Rastatt (BT/dm) – Angesichts der Lage in Afghanistan herrscht unter den aus dem Land Geflüchteten große Anspannung. Ein Rastatter Aktionskreis ruft zu einer Kundgebung und zum Handeln auf.

Verzweifelte Fluchtversuche am Flughafen in Kabul. „Wir müssen reagieren“, sagt ein Rastatter Aktionskreis. Er wünscht von der Stadt die zusätzliche Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Foto: Hons/AP

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Verzweifelte Fluchtversuche am Flughafen in Kabul. „Wir müssen reagieren“, sagt ein Rastatter Aktionskreis. Er wünscht von der Stadt die zusätzliche Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Foto: Hons/AP

Die Angst ist groß, nicht nur in Afghanistan. Bilder von verzweifelten Menschen, die sich vergeblich an startende Flugzeuge klammern, weil sie sich vor den Taliban retten wollen, erschüttern. Schicksale und Bilder, die nicht einfach nur von weit her kommen, sondern auch direkt Menschen betreffen, die hier in Rastatt leben. Flüchtlinge, die einst aus diesem Land geflohen sind und dort noch Familie haben. Ein Aktionskreis will handeln und ruft zu einer Kundgebung an diesem Freitag um 16 Uhr auf dem Rastatter Marktplatz auf.

Geflüchteten eine Chance geben

„Die Bilder sind so entsetzlich, wir müssen reagieren“, sagt Flüchtlingshelferin Silke Heimann zur aktuellen Lage. Der Aktionskreis wisse, dass er in Afghanistan nichts bewirken kann – aber für die Geflüchteten in der Region. Die Gruppe aus politisch Aktiven und Flüchtlingsbegleitern appelliert an die Rastatter Stadtverwaltung und den Gemeinderat, dass sie ebenso wie Umlandgemeinden ihre Bereitschaft zur zusätzlichen Aufnahme von afghanischen Geflüchteten erklären. Und richtet eine Botschaft an die Menschen in der Region: „Bitte geben Sie Geflüchteten eine Chance als Kollegen, Arbeitgeber, Vermieter, Nachbarn und Freunde.“

„Wir können nicht schweigen und einfach zur Tagesordnung übergehen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Gerade auch deshalb nicht, weil viele afghanische Geflüchtete in der Region leben und bei den Meldungen aus ihrer Heimat verzweifeln. Sie haben ein Netzwerk untereinander, informieren sich und reden mit Einheimischen über ihre Ängste und Sorgen, heißt es in der Mitteilung. Die Handys der Afghanen sind voller Todesnachrichten von Landsleuten. Ständig kommen neue verstörende Bilder hinzu.

Ständig neue verstörende Bilder und Nachrichten

Sakine Jafare, die mit ihren drei Kindern in Rastatt lebt, ist eine der Betroffenen. Am Sonntag habe sie zum letzten Mal mit ihrem Bruder telefoniert, berichtete sie dem Verein Junge Flüchtlinge Rastatt, dessen Mitglieder im ständigen Austausch mit afghanischen Geflüchteten stehen, die ihre Eindrücke und Sorgen berichten. „Er hat mich gebeten, nicht mehr anzurufen, weil die Taliban verfolgen, wer telefoniert.“ Ihre Angst sei unbeschreiblich. Die Schiitin konnte ihr Medizinstudium nicht beenden, hat gesundheitliche Probleme und kann nicht mehr schlafen. Die TV-Bilder aus Kabul verfolgen sie. Ähnliches berichten auch andere Geflüchtete aus Afghanistan; viele versuchten vergeblich, Familienmitglieder aus ihrem umkämpften Heimatland nach Deutschland zu holen.

Auch Wazir Ahmad Ahmadi leidet unter der Situation. Als Polizist und Helfer für das deutsche Militär musste er schon vor fünf Jahren vor den Taliban flüchten. Der junge Vater nehme jede Arbeit an, um eine Berechtigung für den Familiennachzug vorweisen zu können. Für ihn sei Leben „jeden Tag ein Kampf“, seit seiner Geburt habe er nur Krieg und Unsicherheit erlebt. Die Helfer des Vereins Junge Flüchtlinge sprechen von einer „unerträglichen Anspannung für die Geflüchteten“.

„Stellen Sie sich vor, Sie sind in der Situation“

Bei der Kundgebung am Freitag wollen auch Betroffene sprechen. Darüber, weshalb sie geflüchtet sind, was sie für ihr Land befürchten und was sie sich hier vor Ort erhoffen. Sakine Jafare steht auf der Rednerliste, Jama Maqsudi aus Kabul, der 1973 in Stuttgart angekommen ist und für sein Engagement für Vielfalt und Akzeptanz mit einer Verdienstmedaille der Bundesrepublik ausgezeichnet worden ist, der Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Hentschel, der Rastatter SPD-Gemeinderatsfraktionsvorsitzende Joachim Fischer, Claudia Peter von der IG Metall Gaggenau sowie Ute Kretschmer-Risché, Vorsitzende des Vereins Junge Flüchtlinge Rastatt.

Angesprochen werden soll auch, wie Hilfsbereite tätig werden können. Gerade die Kinder bräuchten Zuwendung und Förderung. SPD-Stadträtin und Flüchtlingshelferin Sybille Kirchner: „Wir hören von vielen Vorurteilen, die die Integration erschweren. Bitte stellen Sie sich vor, Sie sind in der Situation der afghanischen Flüchtlinge. Gerade als Frau bin ich fassungslos. Bitte helfen Sie.“

Der Aktionskreis bittet um Einhaltung der Corona-Regeln.

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