Anklage: Vergewaltigung im Sprechzimmer

Baden-Baden (hol) – Ein 56-jähriger Arzt aus Baden-Baden muss ein Berufsverbot befürchten. Er soll Patientinnen unsittlich berührt und missbraucht haben. Der Angeklagte bestreitet alle Vorwürfe.

Am Landgericht wird gegen den 56-jährigen Arzt (links) verhandelt.  Foto: Harald Holzmann

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Am Landgericht wird gegen den 56-jährigen Arzt (links) verhandelt. Foto: Harald Holzmann

Was ist 2015 und 2019 im Behandlungszimmer eines Baden-Badener Arztes vor sich gegangen? Wurden Patientinnen sexuell missbraucht? Oder gab es nur Missverständnisse um osteopathische Behandlungen und die überbordende Fantasie einer in den Mediziner verliebten Frau? Das muss die Große Strafkammer des Landgerichts klären.

Am Mittwoch eröffnete der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer das Verfahren. Auf der Anklagebank: ein 56 Jahre alter Mediziner, der seit über 30 Jahren als Arzt tätig ist und seit 2008 eine Praxis in Baden-Baden führt. Für ihn geht es im Verfahren um viel, denn die Staatsanwaltschaft will nicht nur eine Verurteilung erreichen, sondern auch ein Berufsverbot, wie Oberstaatsanwältin Beate Mendler zu Beginn des Verfahrens deutlich machte. Dem Arzt wird vorgeworfen, 2015 und 2019 in seiner Praxis in Baden-Baden Frauen unsittlich berührt und eine Frau vergewaltigt zu haben. Zur Verteidigung bot der Mediziner Edgar Gärtner auf, einen Anwalt aus Mannheim, der laut der Beurteilung einer Zeitschrift zu den Top-Strafrechtlern in Deutschland gehört.

Laut Anklage soll der Arzt eine Patientin 2015 während einer osteopathischen Behandlung mehrmals an die unbekleidete Brust gefasst und dabei auch fünf bis zehnmal die Brustwarze berührt haben. Die Frau, die wegen Beschwerden an der Wirbelsäule vier Termine hatte, hat die Behandlung daraufhin abgebrochen und sich an die Ärztekammer gewandt. Der zweite Anklagepunkt betrifft eine Frau, die den Mediziner 2019 wegen Schmerzen im Bein und im Becken konsultiert hatte. Sie soll von dem Arzt im Schambereich berührt worden, sodann zu einem Kuss gezwungen und auf der Liege im Behandlungszimmer missbraucht worden sein. Die Frau tritt als Nebenklägerin auf. Weitere vier ähnlich gelagerte Ermittlungsverfahren gegen den Arzt sind von der Staatsanwaltschaft mangels Beweisen eingestellt worden.

“Spitzenpolitiker und Oligarchen“ als Patienten

Am ersten Verhandlungstag wurde lediglich der angeklagte Arzt gehört. Wortreich äußerte er sich mehr als vier Stunden lang zu seinem persönlichen Werdegang und den Vorwürfen. Laut eigener Aussage behandelt er pro Jahr 1.500 bis 2.500 Patienten aus aller Welt – „Spitzenpolitiker, Oligarchen, Stars und ihre Frauen“ seien darunter, viele Stammgäste, die immer wieder kämen und zufrieden seien. Er leide unter Anfeindungen und Neid von anderen Therapeuten in der Stadt. Zudem beklagte er – geboren in Nordafrika – immer wieder auftretende rassistische Diskriminierung gegen ihn, warf der Polizei zudem vor, schlecht ermittelt zu haben und unterstellte einem im Verfahren eingesetzten Gutachter mangelndes Fachwissen.

Er erklärte, dass eine osteopathische Untersuchung ausschließlich mit den Händen, am ganzen Körper des Patienten durchgeführt werde und dieser in der Regel bis auf die Unterwäsche ausgezogen sei. „Da können Missverständnisse auftreten“, so der Arzt. Den Frauen, die ihm die Vorwürfe machen, die zum Verfahren geführt haben, warf er eine „unerträgliche Sexualisierung“ seiner therapeutischen Arbeit vor. Überhaupt halte er die Gesellschaft für „übersexualisiert“. Alle Vorwürfe stritt er ab. „Ich bin glücklich verheiratet, habe kein sexuelles Interesse an anderen Frauen“, so der Mediziner, dessen Ehefrau in der Praxis arbeitet. Die Patientin, die angibt, von ihm missbraucht worden zu sein, sei in ihn verliebt gewesen und habe sich die sexuellen Handlungen nur eingebildet.

Die Frau, die als Nebenklägerin auftritt und von der Darmstädter Familienrechtlerin Brigitte Gugerel vertreten wird, wird bei der Fortsetzung des Verfahrens am kommenden Montag gehört. Insgesamt sind bis 6. Dezember sieben weitere Verhandlungstage angesetzt und zehn Zeugen geladen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
10. November 2021, 19:29 Uhr
Lesedauer:
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