Anna kann fast alles alleine

Karlsruhe (naf) – Die neuen autonom fahrenden „EVA-Shuttle“ können seit dem heutigen Donnerstag in Karlsruhe von Passanten getestet werden.

Ungewohnter Ausblick: Anstelle des Fahrersitzes ermöglicht in den Shuttle-Bussen ein Panorama-Fenster den Blick auf die Fahrbahn. Foto: Nadine Fissl

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Ungewohnter Ausblick: Anstelle des Fahrersitzes ermöglicht in den Shuttle-Bussen ein Panorama-Fenster den Blick auf die Fahrbahn. Foto: Nadine Fissl

Die Menschen bleiben stehen und blicken neugierig auf das recht ungewöhnliche Bild, das sich im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld-Dammerstock bietet. Ein Mann zieht sein Handy aus der Hosentasche und macht ein Video. Er filmt den fahrerlosen Bus, der sich an ihm vorbeibewegt. Das autonom fahrende Fahrzeug „Anna“ ist auf den Straßen unterwegs – seit heute für jeden testbar. Das Karlsuher Projekt ist auch von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer begleitet worden. Er war bei der Online-Vorstellung vor der ersten Probefahrt des Shuttles gestern live zugeschaltet.

Ein leises Surren kündigt das elektrische, futuristisch aussehende Gefährt an. Vier Räder, große Fenster, sechs Sitze und eine elektrische Schiebetür erinnern an einen kleinen Bus – nur der Fahrersitz fehlt. „Anna“ kommt als Hingucker daher, und sie kommt nicht alleine. „Ella“ und „Vera“ vervollständigen das Trio, sie alle sind Teil des Forschungsprojekts EVA-Shuttle. Entwickelt wurden die Fahrzeuge von den Verkehrsbetrieben Karlsruhe, dem Forschungszentrum Informatik (FZI), der Robert Bosch GmbH und der Deutsche Bahn Tochter ioki.

Auf Passagierbetrieb „sehnsüchtig gewartet“

Das Projekt startete bereits 2018. Nach der Planung, Herstellung, verschiedenen Testphasen auf einem Testgelände sowie ohne Passagiere auf den Straßen darf nun jeder einsteigen. „Ein Schritt, auf den wir sehnsüchtig gewartet und hingearbeitet haben“, wie Alexander Pischon, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe betont. Das Besondere an dem Projekt? „Das ist das erste Mal, dass ein autonomes Fahrzeug ohne virtuelle Schiene am regulären Straßenverkehr teilnehmen kann“ – ein Novum in Deutschland. Die Shuttle-Busse sollen „sinnvolle Ergänzung für den Nahverkehr“ sein und als Bindeglied zwischen Zuhause und der Bus- oder Bahnhaltestelle dienen.

Per „EVA-Shuttle“-App kann man kostenfrei eines der Fahrzeuge buchen, Start- und Zieladresse eingeben und sich an einer virtuellen Haltestelle abholen lassen. Die Buchungsnummer muss dann nur noch vorgezeigt werden.

Ein leiser Gong ertönt, und das Shuttle fährt langsam los. Auch wenn „Anna“, „Ella“ und „Vera“ sich selbstfahrend bewegen, ein Sicherheitsfahrer des Karlsruher Verkehrsverbunds begleitet immer die Fahrt. Er steht neben dem an der Innenseite befestigten Monitor, konzentriert sich auf die Straße und hat seine Hand in der Nähe des Schalters, der auf die manuelle Bedienung umstellt.

Fahrer kann bei Bedarf übernehmen

„Mit seiner SAE-Level 4 Fahrfunktion ist der Automatisierungsgrad zwei Stufen weiter als bei jedem anderen Fahrzeug, das man in Deutschland erwerben und auch so nutzen kann“, erklärt der Geschäftsführer der TÜV SÜD Division Mobility, Patrick Fruth. Die Aufgabe des TÜVs sei es, Menschen vor schädlichen Auswirkungen der Technik zu schützen, darum habe man ein Sicherheitskonzept für dieses Projekt entwickelt. Der eigens dafür ausgebildete Sicherheitsoperator, der Fahrer, ist ein Teil davon.

Für den Fall, dass er das Steuer übernehmen muss, hängt um seinen Hals ein Controller, mit dem er lenken kann. Wenn „Anna“ ihm zu schnell wird, bremst er ein wenig, die Vorsicht ist noch groß und der selbstfahrende Bus ungewohnt. Dass ein Fahrer in sicherheitskritischen Situationen wirklich eingreifen müsse, passiere allerdings maximal einmal am Tag, sagt der Projektleiter des FZI, Daniel Grimm. Im Schulungsbetrieb für Sicherheitsfahrer sei es einmal zu einem kleinen Unfall gekommen, wie Marius Zöllner, ebenfalls vom FZI, bestätigt. „Daraus haben wir gelernt und darum auch keine Angst, dass das nochmal passiert.“

Daniel Grimm hat als Projektleiter im Forschungszentrum Informatik maßgeblich an den EVA-Shuttles mitgewirkt. Foto: Nadine Fissl

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Daniel Grimm hat als Projektleiter im Forschungszentrum Informatik maßgeblich an den EVA-Shuttles mitgewirkt. Foto: Nadine Fissl

Entsprechende Projekte sollen künftig vereinfacht werden

Auch „Anna“ selbst drosselt ihre Geschwindigkeit. Mal fährt sie durch schmale, vollgeparkte Straßen, mal huscht ein Fahrradfahrer knapp vorbei. Und wenn überraschend etwas vor den Bus springt? „Bei den rund 12,5 Kilometer pro Stunde“, die sie aktuell maximal fährt, „würde sie noch rund 80 Zentimeter bis zum Stillstand fahren“, erklärt TÜV SÜD-Teilprojektleiter Dirk Fratzke.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagt gestern online: „Bei den technischen Fragen mische ich mich nicht ein.“ Beim Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) setzte er sich jedoch dafür ein, dass das Vorhaben im Rahmen des Forschungsprogramms Automatisiertes und Vernetztes Fahren mit 2,52 Millionen Euro gefördert wurde. Diese „Zukunftsvision moderner Mobilität“ sei ein „riesen Technologiesprung, um Arbeitsplätze von morgen zu schaffen“, so Scheuer. Ein kürzlich im Bundeskabinett beschlossener Gesetzentwurf zum autonomen Fahren soll solche Projekte zukünftig noch vereinfachen. Neun von zehn Unfällen seien schließlich auf menschliches Versagen zurückzuführen, betont Scheuer. Wie schnell „Anna“ reagiert, demonstriert sie, als sie zum ersten Mal etwas abrupter bremst, um dann langsamer an einer Familie mit Hund vorbeizufahren, die am Straßenrand entlang läuft.

Auch Karlsruhes OB Frank Mentrup liegt das Projekt am Herzen: „Sie können sich vorstellen, wie stolz ich bin“. Man solle die einzelnen Mobilitätsarten nicht getrennt voneinander betrachten, sondern miteinander verbinden – mit EVA-Shuttle mache man das. Laut Berthold Huber, Vorstand beim Personenverkehr Deutsche Bahn, sei das Projekt „bahnbrechend, wenn wir an dem Ziel der starken Schiene weiterarbeiten wollen“.

Nur noch ein paar Meter, dann ist die Zieladresse erreicht. „Anna“ stoppt und lässt ein Fahrschulauto vor dem Abbiegen vorbeifahren. Schüler und Lehrer in dem Wagen schauen erstaunt hinter der Windschutzscheibe hervor. Ob sie wohl Segen oder Fluch in der neuen Technik sehen?


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