Anonyme Bestattung – wenn keiner was erfahren darf

Gaggenau (tom) – Bei anonymen Bestattungen bleiben Freunde und Kameraden oft ratlos zurück. Dabei kann man die Modalitäten zu Lebzeiten regeln.

„Nur ein Schatten sind unsere Tage auf Erden“ steht wenig ermutigend auf dieser Stele. Sie markiert das Grabfeld für anonyme Urnenbestattungen auf dem Waldfriedhof.  Foto: Senger

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„Nur ein Schatten sind unsere Tage auf Erden“ steht wenig ermutigend auf dieser Stele. Sie markiert das Grabfeld für anonyme Urnenbestattungen auf dem Waldfriedhof. Foto: Senger

Ihre Schulkameraden, mit denen sie sich immer wieder getroffen hatte, sie standen ratlos da: Keine Todesanzeige in der Zeitung, keine Meldung im Aushangkasten am Rathaus. Denn sie hatte keine Angehörigen mehr, die Gaggenauerin, die vor einigen Wochen gestorben ist.

Sie war halt einfach nicht mehr da, die Kameradin. Beinahe so, als ob sie niemals dagewesen wäre. Angeblich gestorben – und weg. Wann sollte sie beerdigt werden? Wer würde sie auf ihrem letzten Weg begleiten? Wo sollte sie begraben sein? Nichts. Nach mehr als acht Lebensjahrzehnten: einfach nicht mehr da. Eine schlimme Situation für die Freunde, mit denen sie wenige Wochen zuvor noch beim Viertele beisammengesessen war.

Hintergrund

Immer wieder gibt es Menschen, die nach ihrem Tod anonym bestattet werden, bestätigt das Standesamt in Gaggenau. Eine Information der Öffentlichkeit gibt es dann weder über das Ableben selbst, noch über den Ort und den Termin der Beisetzung. Denn: Die Verwaltung ist bei diesem Thema äußerst zurückhaltend, was Informationen angeht. „Es ist nicht Pflicht der Verwaltung, die Öffentlichkeit über Todesfälle zu informieren“, betont man im Rathaus, deshalb sei gerade im Hinblick auf das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen Vorsicht mit Aushängen geboten. Der Aushang in der Schautafel des Rathauses ist ein freiwilliger Service der Verwaltung für die Bürger. Und weiter gibt Sprecherin Judith Feuerer zu bedenken: „Im Übrigen gibt es nicht nur anonyme Beisetzungen bei ortspolizeilich angeordneten Bestattungen, sondern auch viele anonyme Bestattungen, bei denen die Anonymität und damit auch keine öffentliche Bekanntmachung von den Verstorbenen selbst oder von Angehörigen ausdrücklich gewünscht ist.“

Und das bedeutet in der Praxis: Bei allen Bestattungen oder Beisetzungen – ob anonym oder nicht anonym – erfolgt nur dann ein Aushang, wenn die verantwortlichen Angehörigen ausdrücklich einer Veröffentlichung zustimmen. Bei ortspolizeilich angeordneten und veranlassten Bestattungen erfolgt aus diesen Gründen generell kein Aushang.

Bei Menschen, die überhaupt keine Hinterbliebenen haben, richtet die Stadt eine anonyme Bestattung aus. Feuerer versichert: „Zuvor wird sehr aufwendig recherchiert, ob es nicht doch noch Verwandte gibt.“ Etwa fünf bis sechs dieser Fälle zähle man pro Jahr in der Großen Kreisstadt. Für diesen Personenkreis gibt es einen Bereich auf dem Waldfriedhof.

Mit ihrer zurückhaltenden Sichtweise liegt die Stadtverwaltung nicht falsch. Dies geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine entsprechende BT-Anfrage hervor: „Freunde, Schulkameraden haben gegenüber dem Standesamt keinen Anspruch auf Herausgabe der Sterbedaten, sofern sie nicht auch ein rechtliches Interesse glaubhaft machen können“, erläutert die Behörde. Maßgeblich sei hier das Personenstandsgesetz (PStG), und da sind es insbesondere die Paragraphen 61 ff.

„Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs wird auch die Persönlichkeit des Menschen über den Tod hinaus geschützt“, erläutert das Ministerium weiter und räumt gleichwohl ein: Eine generelle Beantwortung der Frage sei nicht möglich.

Man kann es zu

Lebzeiten regeln

„Ob die Veröffentlichung von Todesfällen an sich die Menschenwürde der Verstorbenen beeinträchtigt, ist nur im Wege der Auslegung im Einzelfall zu ermitteln. Zu prüfen ist, in welchem Kontext die Veröffentlichung erfolgt, ob die schutzwürdigen Interessen des Betroffenen überwiegen oder die Veröffentlichung des Todesfalls an sich den Verstorbenen in seinem Achtungsanspruch verletzt, oder ob es sich bei der Veröffentlichung allein um wertneutrale Daten handelt.“

Es ist unwahrscheinlich, dass sich Freunde oder Schulkameraden auf so eine juristische Fragestellung einlassen werden. Wer also will, dass im Fall seines Ablebens der Freundeskreis über dieses Ereignis und über die Bestattung informiert wird, der sollte dies zu Lebzeiten in die Wege leiten. Auf BT-Anfrage erläutert Rechtsanwalt Andreas Werth aus Gaggenau: „Regeln kann man, dass das Standesamt den Tod und die Daten veröffentlichen darf.“ Denn das Persönlichkeitsrecht wirke über den Tod hinaus.

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Erstellt:
19. Mai 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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