Anti-Gewalt-Training für Politiker

Bühl (jo) - „Wir haben das Problem einer Verrohung unserer Gesellschaft“, sagt der Bühler Martin Gerstner. Deshalb hat er ein Seminar konzipiert, das Mandats-. und Amtsträgern in ganz Deutschland zeigen soll, wie sie sich wehren oder eine Eskalation verhindern können.

Martin Gerstner (rechts) und Bernhard Schölzel: „Wir haben das Problem einer Verrohung unserer Gesellschaft.“ Foto: Eiermann

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Martin Gerstner (rechts) und Bernhard Schölzel: „Wir haben das Problem einer Verrohung unserer Gesellschaft.“ Foto: Eiermann

Spätestens mit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wurde es zur traurigen Gewissheit: Angriffe auf Amts- und Mandatsträger kennen keine Grenzen mehr. Drohungen und Beleidigungen sind inzwischen Alltag. Aber wie können die Opfer sich wehren? Wie können sie die Eskalation verhindern? Darauf versucht jetzt der Bühler Martin Gerstner in einem speziellen Seminar für Politiker Antworten und Anleitung zu geben.

„Meines Wissens gibt es ein solches Angebot bundesweit bislang noch nicht“, erklärt der frühere Einsatztrainer beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Dabei scheint durchaus Bedarf angezeigt angesichts 1241 politisch motivierter Straftaten, die im vergangenen Jahr in diesem Bereich aktenkundig wurden. Für den Polizeihauptkommissar stellen diese aber nur die Spitze des Eisbergs dar. „Viele Vorfälle liegen unterhalb der strafrechtlich relevanten Norm oder sind nicht zu beweisen.“

Aber auch schon Respektlosigkeiten, Provokationen, das Nichteinhalten der Distanz sowie versteckte Drohungen – im Alltag oder im Internet – können zu psychischen Belastungen führen. Gerstner: „Die Betroffenen fühlen sich dann oft allein gelassen.“ Die Politik versuche, auf dem gesetzgeberischen Weg gegenzusteuern, aber sie könne die Menschheit nicht ändern: „Wir haben das Problem einer Verrohung unserer Gesellschaft.“

Der gestandene Polizist und leidenschaftliche Kampfsportler, der das Bühler Budo-Zentrum Dokan gegründet und 18 Jahre geleitet hat, weiß, worüber er spricht. Seit 1986 gibt er Präventivkurse zur Abwehr von An- und Übergriffen. Er ist Spezialist auf dem Gebiet physischer und psychischer Gewalt mit der praktischen Erfahrung aus seinem langjährigen Polizeidienst und dem Wissen aus zahlreichen Zusatzqualifikationen. Die Beamten der Steuerfahndung Baden-Württembergs zählen ebenso zu seinen Klienten wie Bankangestellte, Anwälte, Juristen oder Bedienstete in Jobzentren.

Zum Fundament theoretischer Grundlagen gehört die Einschätzung, welche Drohungen gefährlich sind und welche eher nicht. Gerstner will kommunikative Möglichkeiten zur Deeskalation und deren Grenzen aufzeigen. Die Politiker erfahren, wie sie mit Provokationen umgehen und sich bei körperlichen Übergriffen verhalten. Im praktischen Seminarteil werden dazu in Rollentrainings Lösungsvorschläge erarbeitet. Gerstner selbst mimt dann vor der Videokamera den Aggressor. Dieser Prozess könne für die Teilnehmer durchaus belastend sein, schildert er, da die Abwehrstrategie darauf hinauslaufe, das eigene Verhalten zu hinterfragen und zu verändern, um aus der Opferrolle herauszutreten.

Möglichst frühzeitig entschlossen reagieren

Welche Frühwarnzeichen gibt es? Wer sich Respektlosigkeiten nicht verbitte, sehe sich bald der Provokation ausgesetzt, zeigt Gerstner eine verhängnisvolle Spirale auf. Daraus erwachse die Beleidigung, dann die Distanzlosigkeit, die schließlich zum Übergriff führen könne. Deshalb gelte es frühzeitig, entschlossen zu reagieren und klare Grenzen zu ziehen. Gerstner betont: „Wer sich nicht wehrt, sendet ein falsches Signal aus.“ Ein solches Verhalten könne maßgeblich dazu beitragen, dass die Sache eskaliere. Wenn sich der Angegriffene als Opfer füge, dann „hat der Täter sein Ziel erreicht“.

Da Politiker häufig über das Internet attackiert werden, ist Bernhard Schölzel von der Cybergruppe des Polizeipräsidiums Offenburg in die Tagesseminare involviert. Der Polizeioberkommissar berichtet von einer deutlichen Zunahme der gesamten Palette von Internet-Straftaten, viele durch eine mangelnde Medienkompetenz der Opfer begünstigt. Diese Kompetenz gelte es zu stärken und die Nutzer dafür zu sensibilisieren, wie auf die zumeist anonymen Drohungen und Beleidigungen am geeignetsten reagiert werden kann – auch dann, wenn die Schmähung unterhalb der strafrechtlichen Schwelle liege. Die Social-Media-Provider hätten ein Interesse daran, dass ihre Plattformen sauber bleiben: „Im Regelfall reagieren sie, wenn eine Beschwerde kommt, und löschen den Eintrag“, so Schölzel. Wer indes eine Morddrohung erhält, sollte sofort die Polizei einschalten.

Ein wichtiger präventiver Schutz sei es, mit der Preisgabe der eigenen Daten sorgsam umzugehen. Wer sich auf Facebook oder Instagram ausbreite, und sei es nur mit Urlaubsfotos, biete eine Angriffsfläche, erläutert Schölzel. „Der größte Feind des Datenschutzes ist der Bürger selbst.“

Sollten sich Politiker bewaffnen, um im Notfall extremistische Täter abwehren zu können? Das Für und Wider (in den meisten Fällen rät Martin Gerstner davon ab) ist ebenfalls Bestandteil des Seminars wie auch die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse.

Weitere Infos im Internet und unter (0179)4638436.

www.martin-gerstner.de

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Erstellt:
6. Februar 2020, 14:44 Uhr
Lesedauer:
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