Anwohner in Schiffstraße: „Es ist der Horror“

Rastatt (dm) – Raser, Poser, Lieferdienst: Anwohner klagen über nächtliche Störungen in der eigentlich verkehrsberuhigten Schiffstraße in Rastatt. Die Stadt prüft Maßnahmen. Kommen nun Poller?

In der Schiffstraße wird mehr gerast als gespielt. Auch Jahre nach ihrer Umgestaltung gibt es Klagen wegen nächtlichen Poser-Lärms Foto: Daniel Melcher

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In der Schiffstraße wird mehr gerast als gespielt. Auch Jahre nach ihrer Umgestaltung gibt es Klagen wegen nächtlichen Poser-Lärms Foto: Daniel Melcher

Fast sechs Jahre ist es her, dass die Schiffstraße in der Rastatter Innenstadt nach langer Sanierung und Umgestaltung in neuem Glanz erstrahlte, als „Prachtstück“, wie OB Hans Jürgen Pütsch damals sagte, dank Bewirtung rund um den Faneser Platz ohnehin mit mediterranem Flair und fortan im Kernstück als „Spielstraße“ auch verkehrsberuhigt. In der Theorie. Autoposer und Lieferverkehr lassen Anwohner zum Teil verzweifeln, wie dem BT berichtet wird.

„Es ist der Horror“, sagt ein Ehepaar, das seit über 20 Jahren in der Schiffstraße wohnt, gerade nachts. Dabei ist das Thema nicht neu; die Poser- und Raser-Problematik um den Bereich Faneser Platz, Schloss- und Herrenstraße hatte bereits 2019 auch den Gemeinderat erreicht. Zwei Jahre später schwelt es offensichtlich noch immer, Schilderungen von Anwohnern zufolge werde die parallel zu Schloss und Marktplatz verlaufende Strecke immer wieder lärmend heimgesucht. Auch das BT hat darüber berichtet. Geändert habe sich bislang nichts. Man habe den Eindruck, als würde das Thema niemanden wirklich interessieren, zeigen sich Betroffene frustriert.

„Autos, die wie Panzer klingen“

Aufgemotzte Autos, die selbst wenn sie langsam fahren, „wie Panzer klingen“, Raser, die laut Berechnungen eines Anwohners wohl mit annäherend 100 „Sachen“ durch die Spielstraße donnern, in der eigentlich nur Schrittgeschwindigkeit (sieben km/h) erlaubt ist – und dann noch ein Pizza-Lieferdienst, der in den vergangenen Monaten bis 3 Uhr nachts durch Geschirrklappern oder andere Betriebsgeräusche bei offenen Fenstern, Autoanfahrten und Türenknallen die Sache verschärft hat. „Es ist schlicht unerträglich“, sagt eine Anwohnerin und überlegt sich, ob sie letztlich wegziehen muss, wenn keine Abhilfe geschaffen werden kann.

Die Stadt sieht sich nachts nicht zuständig, die Polizei hat meist Wichtigeres zu tun, als einen nächtlichen Einsatz wegen „Geschirrgeklappers“ zu fahren, wie ihr jedenfalls schon mitgeteilt wurde, und beim bisherigen Betreiber des Lieferdiensts habe sie auch nichts erreichen können. Die Betroffenen wundern sich, warum ein solches Geschäft in diesem Bereich überhaupt die Erlaubnis habe, so spät noch tätig zu sein, während andere Wirte ihre Lokale längst geschlossen haben müssen. Weil, so die städtische Pressestelle, der Lieferservice eben keine Gaststätte sei, die entsprechende Genehmigungen dafür benötigen würde. Er sei aber mehrfach darauf hingewiesen worden, dass er die Nachtruhe einhalten müsse. Ein Gebot, das sich bislang offenbar als zahnlos erwiesen hat.

Pizzadienst: Neuer Betreiber verspricht Besserungen

Liegen die schlimmsten Tage nun dennoch hinter den Betroffenen? Besserung ist versprochen: Der Pizza-Dienst hat seit wenigen Tagen einen neuen Betreiber, und der betont gegenüber dem BT, sich der Problematik bewusst zu sein. „Wenn ich hier wohnen würde, würde ich auch nicht wollen, dass unter mir Lärm gemacht wird.“ Er will darauf achten, dass es nach 22 Uhr keine der beklagten Belästigung mehr gibt, und plane, die Fahrzeugflotte mit E-Autos auszustatten, die keinen Motorenlärm von sich geben, wie er berichtet.

Was wiederum die Raser und Poser angeht, sagt die Stadt immer wieder, dass man Zeugen benötige. „Man muss sie auf frischer Tat ertappen“ – wobei Ordnungshüter dort nicht Tag und Nacht unterwegs sein können –, oder eben den Vorfall gut dokumentieren. Wie aber soll man etwa ein Kennzeichen notieren, wenn man nachts aus dem Schlaf geschreckt wird?, fragen sich Betroffene. Die Raser seien ja längst auf und davon, bis man am Fenster ist.

So stellt die Polizei allein aufgrund der Anzeigenlage denn auch keinen Schwerpunkt in der Schiffstraße fest, bestätigt aber, dass es allgemein immer wieder zu Beschwerden im Innenstadtbereich komme.

Auch Poller werden nun geprüft

Das Thema beschäftige die Stadtverwaltung weiter, heißt es aus dem Rathaus. Dass in dem Bereich Ruhe einkehre, sei auch das Ziel des OB, eine entsprechende Prüfung habe er in Auftrag gegeben. Häufige Tempomessungen seien jedoch schwierig, weil die betroffene Strecke für den Radarwagen zu kurz sei. In der Bußgeldstelle prüfe man, ob man eine LED-Geschwindigkeitsanzeige wie diejenige im Münchfeld installiert, um deutlich zu machen, dass im Kernbereich der Straße Schrittgeschwindigkeit gilt. Der Tiefbau prüfe, inwieweit Poller eine Lösung bringen könnten; Bodenschwellen, wie sie ein Anwohner zur Sprache gebracht hat, sieht man eher kritisch, weil Fahrer oftmals davor abbremsen und dann wieder Gas geben und der Effekt daher bezweifelt wird.

Fest steht: In der Schiffstraße wartet man nun schon lange darauf, „dass sich was tut“. Einem Problem kommt man jedoch allein durch Tempobremsen nicht bei: Das unerlaubte Aufmotzen eines Fahrzeugs ist zwar rechtswidrig. Ein Anwohner wundert sich indes darüber, welche Geräusche Autos offenbar erlaubterweise von sich geben dürfen. Manchmal, das habe er schon beobachtet, müssen ertappte Poser ihre Kisten auch zurückbauen. „Doch ein paar Tage später fahren die mit demselben Lärm wieder durch die Gegend.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
28. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 25sec

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