Anwohner klagen über Gestank in Bad Rotenfels

Gaggenau (ama) – Anwohner in Bad Rotenfels beschweren sich über beißenden Gestank. Sie geben dem Kunststoffhersteller Avient im Gewerbegebiet die Schuld. Die Firma weist die Vorwürfe zurück.

„Müde, sich immer wieder als Firma rechtfertigen zu müssen“: Avient im Gewerbegebiet Bad Rotenfels versichert, den Gestank, über den sich mehrere Anlieger beschweren, nicht zu verursachen. Foto: Adrian Mahler

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„Müde, sich immer wieder als Firma rechtfertigen zu müssen“: Avient im Gewerbegebiet Bad Rotenfels versichert, den Gestank, über den sich mehrere Anlieger beschweren, nicht zu verursachen. Foto: Adrian Mahler

Martin Eisenrauch hat die Nase gestrichen voll. Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Bad Rotenfelser klagt über regelmäßige Geruchsbelästigung im Gaggenauer Stadtteil. „Es stinkt seit zwei Jahren immer wieder wie nach verbranntem Plastik – nur viel schlimmer. Es ist echt extrem!“, sagt Eisenrauch im Gespräch mit dieser Redaktion. Seine Frau bekomme davon Kopfschmerzen. Und manchmal ist der Gestank seiner Aussage nach so stark, dass er sogar durch seine bereits älteren Scheiben in die Wohnung drückt. „Lüften geht dann ja auch nicht“, betont er.

Zuletzt war der Geruch zweimal so intensiv, dass Eisenrauch sich auf der sozialen Plattform Facebook in der „Du bist Gaggenauer, wenn...“-Gruppe beschwert hat. Mehrere Anwohner aus Bad Rotenfels klagten daraufhin ebenfalls ihr Leid. Eine Nutzerin schrieb zum Beispiel, dass es nach einer Mischung aus Dioxin und Chlor rieche – sogar in der Nacht.

„Lebensqualität stark eingeschränkt“

Eine andere Frau berichtete, dass es seit vergangenen Montag jeden Vormittag stinke. Auch Michael Schmidt beschwerte sich auf der sozialen Plattform. „Normalerweise bin ich niemand, der gleich auf Facebook schreibt“, sagt er. „Aber der Gestank schränkt die Lebensqualität stark ein.“

Woher kommen die Ausdünstungen?

Manchmal sei dieser so beißend, dass man nicht lüften könne. Der Geruch verschwinde aber meist nach einigen Stunden, berichtete Schmidt. Zuletzt habe sich das Problem aber zugespitzt. Er sei besorgt, dass die Partikel in der Luft schädlich sein könnten. „Gesund ist das sicherlich nicht. Wenn meine Tochter mit anderen Kindern draußen ist, mache ich mir schon meine Gedanken.“ Die Frage, die sich allen stellt, ist: Woher kommen die Ausdünstungen?

In der Facebook-Gruppe vermutet eine Frau, dass jemand lackiertes Holz verbrennt. Mehrere Mitglieder verdächtigen dagegen die Kunststoff-Firma Avient (früher Poly One) im Bad Rotenfelser Gewerbegebiet. Ein Nutzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hatte sich nach eigener Aussage bereits 2021 beim Unternehmen beschwert. „Damals hat es wochenlang arg gestunken“, sagt er. Und das, obwohl er nach eigener Aussage rund 300 Meter Luftlinie von Avient weg wohnt. „Wir konnten nicht einmal mehr im Garten sitzen.“

Deshalb hat er mit einer Mitarbeiterin der Firma telefoniert. Die habe ihm gesagt, dass sie die Beschwerde weitergebe. „Am Tag darauf war der Geruch weg. Bis es zuletzt wieder anfing“, sagt der Bad Rotenfelser. Er vermutet, dass die Mitarbeiter des Unternehmens es gar nicht mitbekommen, wenn die Filteranlage oder das Abluftsystem ausfällt oder defekt ist.

Die Polizei hat die Situation vor Ort in den vergangenen Tagen überprüft. Das teilt Jens Vogel, Leiter des Polizeireviers Gaggenau, auf Nachfrage dieser Zeitung mit. Im Voraus hätten sich mehrere Anwohner über einen starken Kunststoffgeruch beschwert und als mögliche Ursache auf Avient hingewiesen. „Bei den Überprüfungen zeigte sich ein gemischtes Bild“, betont Vogel. Nach seiner Aussage stellten die Beamten zum Teil Geruchsbelästigungen fest, die Avient zuzuordnen waren. „Teilweise konnte der Ursprung aber nicht lokalisiert werden“, sagt Vogel. Bedeutet: Ob das Unternehmen wirklich für den heftigen Gestank verantwortlich ist, könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die Polizei hat die bisherigen Ergebnisse laut Vogel an das zuständige Amt für Umwelt und Gewerbeaufsicht des Landkreises Rastatt weitergegeben.

Von Seiten des Landratsamts heißt es auf Nachfrage, dass die Gewerbeaufsicht nun zunächst die Geruchsbeschwerden vor Ort prüfe. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man keine näheren Auskünfte geben. Avient äußert sich dagegen auf Anfrage dieser Redaktion nicht zur aktuellen Situation. In der Gaggenauer Facebook-Gruppe geht die Werkleitung aber auf die Vorwürfe ein.

Im Kommentar heißt es: Man werde so langsam müde, „sich immer wieder als Firma rechtfertigen zu müssen“. Avient verursache den Gestank nicht. 2021 sei das Gewerbeaufsichtsamt, das Ordnungsamt sowie die Polizei unangekündigt vor Ort gewesen – jedes Mal, als Avient auf Facebook als Verursacher beschuldigt worden sei. Die Beamten hätten im direkten Bereich der Firma einen leichten Kunststoffgeruch, aber zu keinem Zeitpunkt eine Geruchsbelästigung sowohl im Betrieb als auch im direkten Umfeld festgestellt, heißt es weiter. Schließlich sei Avient nicht der einzige Betrieb in dem Gewerbegebiet, der für Emissionen verantwortlich sein könnte.

Martin Eisenrauch hofft indes, dass die Ursache des Gestanks so schnell wie möglich gefunden wird. „Man muss auch endlich mal wissen, was das für Partikel in der Luft sind und wie schädlich die sind“, sagt er. Letztlich zähle für ihn und viele andere Anwohner vor allem eins: „Die Hauptsache ist, dass es endlich aufhört.“

Geänderter Firmenname

Avient hieß ehemals Poly One. Das US-amerikanische Unternehmen entstand 2000 durch eine Fusion der beiden Firmen The Geon Company und der M.A. Hanna Company. Im Jahr 2020 kaufte Poly One die Farbmasterbatch-Sparte des Unternehmens Clariant in der Schweiz. Zur Erklärung: Ein Farbmasterbatch ist ein Granulat zum Einfärben von speziellen Kunststoffen. Nach der Übernahme des Clariant-Bereichs wurde Poly One mit Standort in Bad Rotenfels in Avient umbenannt.

Großes Produktportfolio

Avient entwickelt und produziert verschiedene Kunststoffe, Additive und Druckfarben. Aus den Produkten des Standorts in Gaggenau werden beispielsweise das weiche Kunststoffelement an der Zahnbürste, die Schutzfolie auf dem Smartphone oder der Verschluss an der Windel gefertigt. Zugleich ist der Standort ein Innovationscenter des Unternehmens: In Gaggenau entwickeln die Mitarbeiter Lösungen, um etwa Kunststoffe wärme- oder stromleitfähig oder auch UV-beständig zu machen. Jedes Jahr meldet die Niederlassung mehrere Patente an.

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