Anwohner wundern sich über Gutachter-Fokus

Rastatt (sie) – Für den Lärmaktionsplan wurden viele Straßen in Rastatt untersucht. Die Baldenaustraße nicht, dafür eine sehr viel kleinere Nachbarstraße - wo OB Hans Jürgen Pütsch wohnt.

Genervte Nachbarschaft: Die Anwohner der Baldenaustraße klagen über Verkehrslärm. Sauer stößt ihnen auf, dass ein Gutachten zu dem Thema ihren Straßenabschnitt ausgespart und stattdessen die benachbarte Richard-Strauß-Straße untersucht hat.Foto: Holger Siebnich

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Genervte Nachbarschaft: Die Anwohner der Baldenaustraße klagen über Verkehrslärm. Sauer stößt ihnen auf, dass ein Gutachten zu dem Thema ihren Straßenabschnitt ausgespart und stattdessen die benachbarte Richard-Strauß-Straße untersucht hat.Foto: Holger Siebnich

Silke Freudenberger sitzt auf der Terrasse. Auf dem Tisch vor ihr steht ein Milchkaffee, die Sonne strahlt. Vogelgezwitscher würde diese Szene perfekt untermalen, doch statt „Tschilp Tschilp“ dringt immer wieder ein „WUUUSCH“ ans Ohr. Schon wieder ist ein Auto vorbeigefahren. Freudenberger wohnt seit vergangenem Sommer in der Baldenau. Sie hat es sich idyllischer vorgestellt.
Freudenbergers Nachbar Erich Wölfle hat an diesem Nachmittag einige Bewohner des Quartiers auf seine Terrasse eingeladen. „Als wir das Haus besichtigt haben, war das zu einer ruhigen Zeit“, sagt sie. Aber zwei Monate nach dem Einzug war der Tunnel gesperrt. Der Schwerlastverkehr musste auf die Baldenaustraße ausweichen: „Da haben wir die halbe Nacht kein Auge zugemacht“, sagt sie. Aber auch im Alltag hätte sie nicht erwartet, „dass es so viel ist“.

Ihre neuen Nachbarn haben schon in der Vergangenheit mehrfach für mehr Ruhe gekämpft. Zuletzt sorgte das Thema 2018 für Diskussionen, als der Tunnel wegen Umbauarbeiten am Knotenpunkt B462/B36 für längere Zeit gesperrt war. In der Zwischenzeit hat die Stadtverwaltung zwei Fußgängerüberwege geschaffen. Andere Wünsche wie Tempo 30 oder stationäre Blitzer blieben aber offen.

Neue Hoffnung setzten die Betroffenen auf den Lärmaktionsplan der Stadt Rastatt. Dessen Ziel ist es, Anwohner vor Lärm zu schützen, der ihre Gesundheit gefährdet. Seine Auswirkungen sind mittlerweile in zahlreichen Straßen zu spüren, wo Tempo 30 gilt, zum Beispiel in der Kapellen- und Bahnhofstraße.

Damit der Gemeinderat entscheiden kann, an welchen Stellen die Stadt handeln muss, hat ein Karlsruher Büro für Stadt- und Verkehrsplanung in mehreren Schritten das Rastatter Straßennetz unter die Lupe genommen. Als FDP-Stadtrat hat Wölfle die Untersuchungen des Lärmaktionsplans aufmerksam verfolgt.

Kopfschütteln bei Anwohnern

Als er im vergangenen Jahr die neueste Version des Plans auf den Tisch bekam, traute er seinen Augen nicht. Den Abschnitt der Baldenaustraße, in dem die Betroffenen wohnen, hatten sich die Planer gar nicht angesehen. Stattdessen hielten sie die Richard-Strauß-Straße für relevant, die von der Baldenaustraße abzweigt und mitten durch ein Wohngebiet zum Berliner Ring führt.

Bei Wölfle und seinen Nachbarn sorgt das für Kopfschütteln. Günter Hummel, der ebenfalls betroffen ist, sagt: „Das versteht keiner. Dort fährt doch niemand durch.“ In der Richard-Strauß-Straße gelten Tempo 30 und rechts vor links. Im Lärmaktionsplan steht, dass dort zwischen 200 und 1.000 Fahrzeuge am Tag unterwegs sind.

Mit diesen Daten sticht die Richard-Strauß-Straße im Lärmaktionsplan heraus. Auf allen anderen untersuchten Straßen ist deutlich mehr los. Dazu zählen zum Beispiel die Ludwigsfeste mit einer Frequenz von 7.300 bis 11.500 Fahrzeugen, der Richard-Wagner Ring mit bis zu 9.200 Fahrzeugen oder der Ötigheimer Weg mit einer Höchstbelastung von 3.700 Fahrzeugen. All diese Strecken wertet der Plan als „Hauptstraßen“, auch die Richard-Strauß-Straße.

Trotz der geringen Belastung war diese den Planern offenbar wichtiger als die deutlich stärker befahrene Verbindung Berliner Ring/Baldenaustraße. Im Gemeinderat hat Wölfle mehrfach eine Begründung dafür eingefordert und auch schon öffentlich eine Vermutung formuliert. OB Hans Jürgen Pütsch lebt in der Richard-Strauß-Straße. Als sich der Gemeinderat Ende Januar mit dem Lärmaktionsplan befasste, brachte Wölfle das Thema erneut aufs Tapet und sagte in Richtung OB: „Jeder weiß, dass Sie dort wohnen.“ Pütsch reagierte mit einer Gegenfrage: „Was wollen Sie damit sagen?“ Einen Zusammenhang wies er brüsk von sich.

Wie die Auswahl der untersuchten Straßenzüge zustande kam, erläutert Frank Gericke, Geschäftsführer des beauftragen Büros auf Nachfrage unserer Redaktion so: „Die Auswahl der Straßen erfolgt in Zusammenarbeit von uns als Verkehrsplaner der Stadt und der Stadt in Bezug auf die Straßen mit vermutlich maßgeblicher Belastung.“ Grundlage sei ein Verkehrsmodell, das als Gesamtmodell der Stadt in den Wohnquartieren nicht jede Straße differenziert abbilde und einige Straßen stellvertretend für mehrere enthalte.

Einen Nutzen haben Pütsch und andere Anwohner aus der Untersuchung derweil nicht. Der Lärmaktionsplan schlägt für die Richard-Strauß-Straße keine Maßnahmen vor.

Trotzdem fordern die Bewohner in der Baldenaustraße, dass Stadt und Planer auch ihre Bedürfnisse als relevant einschätzen. Wenn schon kein Tempo 30 wünschen sie sich eine konsequente Überwachung. Anwohnerin Annette Hagen sagt: „Es ist beängstigend, wie nah Autos und Lkw mit 60, 70 oder mehr an uns vorbeibrettern.“ Die Straße sei als „Rennstrecke“ bekannt.

Die Stadtverwaltung sieht das anders. Pressesprecherin Heike Dießelberg verweist auf Daten von Geschwindigkeitsüberwachungen und der Unfallstatistik. Ihre Bilanz lautet: „Nach unseren Informationen und nach regelmäßigen Messungen in dem Bereich gibt es im Bereich der Baldenaustraße keine signifikante Verkehrsbelastung.“


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