Apotheken springen in die Bresche

Gaggenau (stj) – Wegen des Coronavirus hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eine Allgemeinverfügung zur Herstellung von Händedesinfektionsmittel erlassen, von der unter anderen die Vital-Apotheke in Gaggenau Gebrauch macht.

Bianca Mahler von der Vital-Apotheke in Gaggenau bei der Herstellung von Händedesinfektionsmittel. Foto: Juch

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Bianca Mahler von der Vital-Apotheke in Gaggenau bei der Herstellung von Händedesinfektionsmittel. Foto: Juch

Hautdesinfektionsmittel zur nicht-medizinischen Anwendung sind derzeit im Handel nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar. Grund ist das Coronavirus. Um dem Engpass zu begegnen, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Ende vergangener Woche eine Allgemeinverfügung erlassen, die es Apotheken erlaubt, selbst entsprechende Händedesinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen. Damit hat zum Beispiel die Vital-Apotheke im Gesundheitszentrum in der Hildastraße jetzt begonnen. „Die Nachfrage ist extrem, wir sind schon wieder ausverkauft“, informierte Tatjana Zambo am Montagnachmittag im BT-Gespräch.

Sie hoffte vorgestern, dass der Vorrat bis zum heutigen Mittwoch wieder aufgefüllt werden kann. „Wir bekommen jeden Tag Nachschub an Lösungsmittel“, betonte Zambo. Zur Herstellung im Labor durch pharmazeutisches Fachpersonal (Pharmazeutisch-technische Assistenten oder Apotheker) gesellt sich ein erhöhter bürokratischer Aufwand, berichtete die Apothekerin: Auch wenn es sich dabei nicht um eine Arznei handelt, sind Händedesinfektionsmittel beim BAuA registrierungs- und meldepflichtig, zudem ist die Produktion Ethanol-haltiger Desinfektionsmittel unverzüglich dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mitzuteilen – mit Angaben zum Handelsnamen, zur Zusammensetzung des Produkts, zur Kennzeichnung, zur Verwendung sowie zu Empfehlungen über Vorsichtsmaßnahmen beim Verwenden und zu Sofortmaßnahmen bei Unfällen. „Der Aufwand ist schon groß“, betont Zambo, die Vizepräsidentin des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg ist.

Sie verweist darauf, dass die Politik in Person von Gesundheitsminister Jens Spahn im Zuge der Corona-Krise auf den Bundesverband Deutscher Apotheker zugekommen sei mit der Frage, wie die Apotheken helfen könnten. Ein Ergebnis dessen ist die Ausnahmeregelung über die Bereitstellung auf dem Markt und die Verwendung von Biozidprodukten, die vorerst bis zum 31. August 2020 für die Apothekerschaft und die pharmazeutische Industrie gilt.

Zambo rät Privatpersonen dazu, nicht in Panik zu verfallen, auch wenn sie kein Desinfektionsmittel mehr vorrätig haben. So lange man daheim keinen Coronavirus-Verdachtsfall hat, sei „Desinfektionsmittel im häuslichen Gebrauch nicht erforderlich“, betont die Expertin. Außer Haus sehe sie dafür allerdings sehr wohl Bedarf – zum Beispiel wenn man längere Zeit mit dem Öffentlichen Personennahverkehr unterwegs ist und nicht die Möglichkeit hat, sich die Hände zu waschen. Auch bei größeren Menschenansammlungen sei es sinnvoll, sich die Hände zu desinfizieren, weil man ja schließlich nicht wissen könne, wo sich die anderen zuletzt aufgehalten haben und ob sie vielleicht infiziert seien. Die BAuA rät dazu, vorrangig Arztpraxen, Gesundheitseinrichtungen, Alten- und Pflegeheime mit Desinfektionsmittel zu versorgen und nur haushaltsübliche Mengen an Privatpersonen abzugeben (zum Beispiel Packungsgröße von 100 Millilitern).

Diese Empfehlung hält Zambo für sinnvoll. Sie und ihre Kollegen stünden jederzeit auch für die Beratung der Kunden zur Verfügung. Von Hamsterkäufen rät sie entschieden ab. Nur chronisch Kranken empfiehlt sie, sich vorsorglich mit ausreichend Medikamenten einzudecken – für den Fall dass sie wegen eines Corona-Verdachts in Quarantäne müssen.

Unsinnig sei es, sich mit Mundschutzmasken einzudecken, schließlich brächten die nur etwas, wenn sie ein Infizierter trägt.

Apotheken übernehmen wichtige Funktion vor Ort

Zambo warnt Privatpersonen eindringlich davor, Desinfektionsmittel selbst herzustellen. Im Internet kursieren ob des aktuellen Versorgungsengpasses diesbezüglich viele Tipps und Handlungsanleitungen. Diese sollte man grundsätzlich sehr kritisch hinterfragen, weil sie oft falsch seien und vor dem Coronavirus nicht schützen, erklärt die Vizepräsidentin des Landesapothekerverbands: „Die Apotheken übernehmen eine wichtige Funktion vor Ort: Wir können in die Bresche springen, wenn die Industrie nicht mehr liefern kann“, betont Tatjana Zambo, während eine ihrer Pharmazeutisch-technischen Assistentinnen im Labor der Vital-Apotheke daran arbeitet, den Versorgungsengpass an Händedesinfektionsmittel für den häuslichen Gebrauch zu entschärfen.


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