Arbeit und Migration Thema der Großen Landesausstellung

Mannheim (dk) – Das Kaleidoskop ist visuelles Leitmotiv der Ausstellung im Technoseum Mannheim: Hier kommen Menschen mit ihren persönlichen Geschichten zu Wort, die Migration erlebt haben.

Anweisungen auf vier Sprachen: Besucher können versuchen, am Fließband einen Traktor herzustellen. Foto: Daniela Körner

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Anweisungen auf vier Sprachen: Besucher können versuchen, am Fließband einen Traktor herzustellen. Foto: Daniela Körner

Winzige Schlümpfe nebst gehäkeltem Säckchen, Zeichnungen eines Jugendlichen, Bilder von Kindern mit Schultüte – eine ausgefranste „Aufenthaltserlaubnis für Angehörige der EWG“, ein Stockbett samt karierter Bettwäsche: Kleine und große Gegenstände sind es, die das Technoseum Mannheim zusammengetragen hat für die Große Landesausstellung „Arbeit & Migration – Geschichten von hier“. Gestern wurde sie eröffnet – und ist bis zum 19. Juni 2022 zu sehen. Etwa dreieinhalb Jahre haben sich die Museumsmacher um Kuratorin Dr. Anne Mahn auf die Suche gemacht nach Gegenständen und Geschichten, erzählt von den Menschen, die Migration erlebt haben.

Kuratorin Dr. Anne Mahn: „Wir sind doch alle hier“

Mit dem Sammelmobil, einem Lastenfahrrad, machte sich die Kuratorin auf den Weg, tingelte über die Märkte auf ihrer Suche nach „Objekten mit Migrationsgeschichte“ und kam ins Gespräch mit den Menschen, die in und um Mannheim eine neue Heimat gefunden haben. Es gab Workshops und Gespräche, Interviews wurden aufgezeichnet. Es geht um das Zusammenleben der Menschen. „Wir wollen kein ,wir‘ und ,die‘ denken – denn wir sind alle hier“, erklärt Mahn. „Wir wollten die positiven Erfahrungen mit Migration in den Vordergrund rücken“, ergänzt Professor Dr. Hartwig Lüdtke, Direktor des Technoseums.

Das „Freßkist’l“ in Mannheim wirbt mit Balkanplatte. Der Besitzer kam aus dem ehemaligen Jugoslawien. Foto: Unbekannt/Technoseum

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Das „Freßkist’l“ in Mannheim wirbt mit Balkanplatte. Der Besitzer kam aus dem ehemaligen Jugoslawien. Foto: Unbekannt/Technoseum

Ein zentraler Ort, an dem die Menschen zusammenkommen und zusammenwirken müssen, ist die Arbeit. Ob Eisenbahnbau, Fabrikarbeit oder Pflege – all das zeigt: Migration ist systemrelevant. Eisdielen und Balkan-Restaurant: Die Menschen, die aus anderen Ländern kamen und in der Region sesshaft wurden, bereichern die Gastronomie und sind nicht mehr wegzudenken. Doch längst nicht immer herrschte eitel Sonnenschein. Beispiele nicht nur aus der Arbeitswelt zeigen, wie viel Ungerechtigkeit Migranten erlebt haben. „Die Menschen begannen, sich dagegen zu wehren“, blickt ein ehemaliger Gewerkschaftler in einem der vielen Interviews zurück, die die Besucher hören und sehen können. Konkrete Mitmachangebote sollen dazu beitragen, dass die Besucher der Ausstellung „noch besser verstehen, was es bedeutet, zu emigrieren, hier zu arbeiten und schließlich anzukommen“, so Lüdtke. Es sind viele Geschichten, die die Ausstellung nun erzählt – hauptsächlich aus den vergangenen hundert Jahren – obwohl es Migration schon lange davor gab: Als „erster Migrant“ findet der Homo Heidelbergensis Erwähnung. Die Werkzeugfunde sind ungefähr 600.000 Jahre alt und lassen darauf schließen, dass dieser Mensch seine Wurzeln in Afrika hatte.

„Schneller! Der Customer hat Hunger“

Viele der visualisierten Geschichten sind brandaktuell: Es geht den Besuchern schon unter die Haut, wenn sie auf das Fahrrad eines Lebensmittelboten steigen. Auf einem Bildschirm wird eine Strecke durch Mannheim simuliert, auf dem Handydisplay erscheinen Kommandos des visuellen Chefs: „Wo bleibst du?“ – „Es muss schneller gehen, der Customer hat Hunger.“ Oft werden solche Jobs, die eigentlich typische Studentenjobs sind, von Menschen mit Migrationshintergrund ausgeführt – schlecht bezahlt und mit eigenem Equipment.

Immer unter Druck: So fühlt es sich an, wenn man schwerbepackt durch die Stadt radeln muss, um binnen Minuten die Kundenwünsche zu erfüllen. Foto: Daniela Körner

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Immer unter Druck: So fühlt es sich an, wenn man schwerbepackt durch die Stadt radeln muss, um binnen Minuten die Kundenwünsche zu erfüllen. Foto: Daniela Körner

Dass Bildung und Sprache als Türöffner dienen, wird in einem weiteren Bereich deutlich. Wie tragisch es sein kann, wenn Menschen die hiesigen Gepflogenheiten nicht kennen, wird anhand der bunten Schultüten sichtbar, die von der Decke baumeln. Eine Mutter erzählt, sie habe die Tradition nicht gekannt, dass Kinder an ihrem ersten Schultag eine Schultüte bekommen, und ihr Sohn sei mit leeren Händen in die Schule gegangen... Allerdings gibt es Wege, dass dieses Fremdheitsgefühl gar nicht erst aufkommt: indem bereits im Kindergarten Schultüten gebastelt werden. Und Poesie-Alben zeigen, wie gerade zwischen Kindern wertvolle Freundschaften entstehen.

Teddy dokumentiert Zerrissenheit zwischen den beiden Welten

Die Schlümpfe wiederum sind eine Erinnerung an die Kindheit des aus dem iranischen Isfahan stammenden Kinderbuch-Illustrators Mehrdad Zaeri-Esfahani. Seine Geschwister hatten diese etwa zwei Zentimeter großen Plastikfiguren im Kaufhaus in Berlin gekauft – von Geld, das sie gefunden und mühsam zusammengespart hatten. Die Erwachsenen im „Asylantenheim“, wie es damals genannt wurde, zeigten für diese Investition wenig Verständnis und lachten über die Kinder. Ein großer Teddybär war Tamara Labas’ ständiger Begleiter in den beiden Welten, in denen sie abwechselnd lebte: in Deutschland und in Kroatien. Poesiealben, Briefe, besprochene Kassetten und Telefone sind weitere Zeugnisse, die von der Beziehung zeugen, die die zugewanderten Menschen in ihrer neuen Heimat knüpften, die aber auch von der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat zeugen.

Auch die Sprache spielt eine Rolle: Die Schimpfwort-Soße heißt jetzt anders

Zu den vielschichtigen und vielseitigen Geschichten, Situationen und Menschen passt das visuelle Leitmotiv, das Kaleidoskop, wie Katharina Matthies erläutert. Sie war mit dem Design der Ausstellung beauftragt.

Die Ausstellung sensibilisiert auch dafür, wie man überhaupt über das Thema Zuwanderung spricht. „Wir verwenden das Wort Gastarbeiter nur mit Anführungsstrichen“, betont Mahn, dass die Ausstellungsmacher viel dazu gelernt hätten – aber auch, dass gesamtgesellschaftlich ein Prozess des Umdenkens eingesetzt hat. Ein Beispiel findet sich am Ende des Rundgangs im Kapitel „Aufgetischt“: Von „Schimpfwort-Soße“ spricht Ferda Ataman angesichts einer pikanten Soße, die von der Firma Knorr aufgrund ihres diskriminierenden Ursprungsnamens im vergangenen Jahr umbenannt wurde in „Paprikasauce Ungarische Art“: „Das Z-Wort stammt aus dem Mittelalter, ist rassistisch und wertet vor allem Sinti und Roma ab“, heißt es dazu in der Erklärung.

Kuratorin Dr. Anne Mahn ist über die Märkte getingelt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Foto: Technoseum

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Kuratorin Dr. Anne Mahn ist über die Märkte getingelt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Foto: Technoseum

Die Besucher werden auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen: Sie sehen Interviews, in denen Zeitzeugen zu Wort kommen. An Mitmachstationen erleben sie, was es bedeutet, von fremden Sprachen berieselt seine Arbeit verrichten zu müssen. In digitalen Bilderrahmen dürfen sie ihre eigenen Erinnerungsbilder vom ersten Schultag, vom (ersten) Auto oder von der Hochzeit hochladen – und damit selbst für eine Weile Teil der Ausstellung werden. Zudem gibt es Workshops, Vorträge, Lesungen und Konzerte.

Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es hier.

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Erstellt:
14. November 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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