Arbeitslos in den Ferien

Stuttgart (bjhw) – Viele Junglehrkräfte und Aushilfen werden im Sommer arbeitslos. Das Land setzt die viel kritisierte Praxis auch dieses Jahr fort.

Mit Theresa Schopper ist erstmals eine Grünen-Politikerin Kultusministerin. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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Mit Theresa Schopper ist erstmals eine Grünen-Politikerin Kultusministerin. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Wie üblich sind auch 2021 Junglehrkräfte am Ende ihrer Ausbildung und des Schuljahres erst einmal ohne Anstellung, ehe sie im günstigen Fall ab Herbst einen Vertrag erhalten. Die Bildungsverbände kritisieren die Praxis, nach der auch Aushilfen arbeitslos werden, seit Jahrzehnten.

Die Haltung der Schulpolitiker hängt vor allem davon ab, ob ihre Partei in der Opposition oder der Regierung ist. Zum Start in die Sommerferien 2001 nannte die damalige Karlsruher Grünen-Abgeordnete Renate Rastätter das Vorgehen der CDU/FDP-Landesregierung „haarsträubend“ und verlangte, „den unerträglichen Zustand“ abzustellen. Gelungen ist das in zehn Jahren grün-geführter Koalition nicht.

Wer verliert warum seinen Job?

Kultusministerin Theresa Schopper legt wie alle Vorgänger Wert auf die Feststellung, dass Lehrkräfte nicht entlassen werden. Vielmehr geht es um Pädagogen mit befristeten Arbeitsverträgen, die abgeschlossen werden, um auf Krankheiten, Ausfälle aufgrund von Schwangerschaft oder anderen kurz- oder mittelfristigen Vertretungsbedarf zu reagieren. Kennzeichnend für befristete Verträge sei „stets, dass nur ein vorübergehender Bedarf besteht, etwa um ausgefallene Stammlehrkräfte vorübergehend zu ersetzen“. Vor diesem Hintergrund würden die Verträge „überwiegend befristet bis zu den Sommerferien abgeschlossen“.

Wie viele Lehrkräfte sind betroffen?

Insgesamt unterrichten im Land rund 117.000 Pädagogen an öffentlichen Schulen. Davon sind etwa 90 Prozent verbeamtet. Rund sieben Prozent sind unbefristet im Angestelltenverhältnis beschäftigt. Demnach haben also etwa drei Prozent befristete Arbeitsverhältnisse. Darunter seien auch Pensionäre, Helfer ohne grundständige Lehramtsausbildung „sowie Lehrkräfte, die bewusst eine befristete Stelle gewählt haben und sich dabei auch bewusst auf besetzbare, unbefristete Stellen nicht beworben haben oder ein solches Angebot ausgeschlagen haben, weil dies ihrem Ortswunsch nicht entsprach“. Gegenwärtig können sich aus diesem Kreis Interessierte für die Mitarbeit an den „Lernbrücken“ oder für das Nachhilfeprogramm „Lernen mit Rückenwind“ im kommenden Schuljahr bewerben.

Warum keine Verträge, die die Sommerferien einschließen?

Auch SPD-Kultusminister Andreas Stoch war in der vorvergangenen Legislaturperiode mit heftiger Kritik aus der seinerzeit oppositionellen CDU und der FDP konfrontiert. Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl sprach von einer Schande für Baden-Württemberg, angesichts der Personalpolitik „nach dem Motto Hire and Fire“. Die damalige GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz erinnerte Stoch mehrfach daran, dass er selber als Oppositionspolitiker Versprechungen gemacht und Erwartungen geweckt hatte, gegen diese Praxis vorzugehen. Der heutige Oppositionsführer argumentierte damals mit den fünf bis zehn Millionen Euro, die eine durchgehende Weiterbeschäftigung kosten würde, und den Sparzwängen auf dem Weg zur Schuldenbremse.

Was könnte sich unter der neuen Regierung ändern?

Der SPD-Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei verlangt in diesem zweiten Corona-Sommer, dass den Betroffenen „ein wertschätzendes Angebot“ gemacht wird. Der Lehrerverband VBE nennt die bisherige Praxis zwar „ein altes, aber kein bewährtes Verfahren“. Baden-Württemberg müsse verhindern, dass angehende Lehrkräfte „in Nachbarländer abwandern und das Land sie für teures Geld umsonst ausgebildet hat“. Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag ist zumindest vereinbart, „zielorientiert“ zu prüfen, wie Lehrkräfte mit einem befristeten Vertrag „in den folgenden Sommerferien weiterbezahlt werden können, sofern sie nach den Sommerferien wieder eingestellt werden“.

„Offenes Ohr“ für Kinder und Jugendliche

Eine halbe Million Euro hat das Land zur Verfügung gestellt. 450 Studierende sind gegenwärtig an 300 Schulen im Land eingesetzt, um einerseits Kinder und Jugendliche beim Überbrücken von Corona-Lücken zu helfen und andererseits Erkenntnisse für die Ausgestaltung der weiteren Nachhilfeprogramme zu gewinnen. Das sei das Hauptziel, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums auf BT-Anfrage und verweist darauf, dass für die „Lernbrücken“, wie sie schon im vergangenen Sommer zum Ferienende angeboten wurden, Lehrkräfte, Pensionäre, Referendare und eben auch Studierende gesucht werden, um die Unterstützung in Mathe, Deutsch und einer Fremdsprache organisieren zu können. Die Personalgewinnung starte derzeit, heißt es. Erwartet wird, dass mindestens 60.000 Schüler und Schülerinnen an dem Angebot interessiert sein werden. Zur Verfügung stehen rund acht Millionen Euro. Eine weitere Million fließt in die traditionellen Sommerschulen ebenfalls am Ferienende für rund 3.000 Interessierte. 130 Millionen Euro an Bundesmitteln stehen in Baden-Württemberg für „Lernen mit Rückenwind“ bereit. Nach Angaben des Kultusministeriums könnten bis zu einem Viertel der Kinder und Jugendlichen fachliche Lücken und/oder Defizite im sozial-emotionalen Bereich haben. Geplant sind Nachhilfeangebote in Deutsch, Mathematik und Englisch sowie dem Profilfach an beruflichen Schulen. „Die Schüler sollen in Lage versetzt werden, möglichst rasch wieder selbstständig dem regulären Unterricht zu folgen“, sagt der Ministeriumssprecher. Auch spiele der sozial-emotionale Bereich eine wichtige Rolle, deshalb „müssen Kinder und Jugendliche auf ein offenes Ohr in der Schule treffen“.


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