Arzthelferinnen sind Mangelware

Karlsruhe/Rastatt/Baden-Baden (for/lsw) – Für Hausärzte in Baden-Württemberg wird es immer schwerer, Personal zu finden. Der Job der Medizinischen Fachangestellten ist für viele nicht mehr attraktiv.

Jutta Napiwotzky (Mitte), Vize-Landesvorsitzende des Verbandes medizinischer Fachberufe, nennt die schlechte Bezahlung als einen Grund für die Personalnot. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Jutta Napiwotzky (Mitte), Vize-Landesvorsitzende des Verbandes medizinischer Fachberufe, nennt die schlechte Bezahlung als einen Grund für die Personalnot. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Alle sprechen von Personalnot in Kliniken – doch auch in Hausarztpraxen werden Helfer knapp. Medizinische Fachangestellte (MFA) sind teils verzweifelt gesucht. Der Job scheint für viele nicht mehr attraktiv zu sein. Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Ärzteschaft Rastatt, kennt die Problematik.

„In der letzten Zeit hören wir aus den Praxen, dass es schwer ist, Personal zu finden“, sagt Manfred King, Sprecher des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Auch Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Ärzteschaft Rastatt, hört immer wieder von Praxen, die teils händeringend nach MFA suchen. „Es kann durchaus sein, dass man auf eine Stellenausschreibung manchmal keine Bewerbungen bekommt“, sagt er. Auch Dr. Patrick Fischer, Vorsitzender der Ärzteschaft Baden-Baden, kennt einige Hausärzte, die schon lange nach Arzthelfern suchen.

Viele Arzthelferinnen wandern in Kliniken ab

In Baden-Württemberg gibt es dem Verband medizinischer Fachberufe zufolge fast 52.000 Medizinische Fachangestellte, die bei niedergelassenen Ärzten oder in Kliniken arbeiten. Etwa die Hälfte ist demnach bei Hausärzten tätig. „Es gibt schon noch viele junge Arzthelferinnen“, sagt Fischer. Allerdings ziehe es viele ausgelernte MFA in Krankenhäuser, fügt Schönit hinzu. Nach Angaben des Verbands medizinischer Fachberufe sind bundesweit seit 2012 jährlich mehr als 2000 in den Arztpraxen ausgebildete MFA in Krankenhäuser abgewandert. Zwischen 2012 und 2018 habe sich die Zahl der im stationären Bereich arbeitenden MFA um 34 Prozent erhöht.

Zu geringe Bezahlung

Ein Grund dafür ist laut Jutta Napiwotzky, Vize-Landesvorsitzende des Verbandes medizinischer Fachberufe, eine nicht ausreichende Bezahlung: Mit rund 2500 Euro brutto verdiene eine Arzthelferin in Vollzeit bei einem Hausarzt in Baden-Württemberg zwar im Schnitt etwas mehr als Kolleginnen bundesweit. In der Klinik verdiene sie aber „einige Hundert Euro mehr“. Schönit kann das bestätigen: „In Kliniken fehlt ohnehin schon seit Jahren Personal, das führt dazu, dass viele Krankenhäuser, die selbst keine MFA ausbilden, Personal von Hausarztpraxen abtragen“, schildert er die Situation. Während Kliniken ihre Mitarbeiter aufgrund von Tarifverträgen und öffentlichen Geldern teilweise besser bezahlen könnten, sei der Spielraum für Gehaltserhöhungen bei niedergelassenen Ärzten eher gering. Das führe dazu, dass die Schere zwischen den Gehältern in Hausarztpraxen und jenen in Kliniken immer größer werde, so Schönit. Fischer fordert deshalb, Praxen finanziell besser auszustatten, sodass Ärzte die Gehälter ihres Personals ebenfalls aufstocken können. King sieht das ähnlich. Die Politik dürfe in der Diskussion um bessere Bezahlung nicht nur den stationären Bereich in den Blick nehmen. „Der ambulante Bereich der niedergelassenen Praxen darf nicht vergessen werden“, betont er.

Schwierige Arbeitszeiten

Fischer sieht derweil noch einen anderen Grund für die Abwanderung der MFA in Kliniken: Schwierige Arbeitszeiten. „Wenn bei uns eine halbe Stunde vor Feierabend noch das Wartezimmer voll ist, heißt das für mich und mein Team Überstunden.“ Zudem müsste in einer Hausarztpraxis oft eine Arbeitszeit von 7 bis 19 Uhr abgedeckt werden, fügt Schönit hinzu. „Nur vormittags arbeiten geht eigentlich kaum“, sagt er. Hinzu komme, dass die Corona-Pandemie in den Hausarztpraxen einen enormen Mehraufwand verursache: „Zwischen 80 und 90 Prozent der Corona-Fälle werden von uns niedergelassenen Ärzten abgefangen“, unterstreicht Schönit. Vor allem Arzthelferinnen, die die Corona-Patienten aufnehmen und ihre Daten einpflegen müssten, hätten damit besonders viel zu tun, fügt Fischer hinzu. „Ohne MFA wäre das nicht zu stemmen“, betont er.

Zunehmend aggressive Patienten

Die Wertschätzung für ihre Arbeit sei allerdings nicht bei allen Patienten gleich groß. In Corona-Zeiten klagen viele Angestellte zunehmend über aggressiv und fordernd auftretende Patienten. Dem Verband medizinischer Fachberufe (VMF) zufolge lassen diese teils ihren Frust – etwa wegen besetzter Telefonleitungen – an den Praxisteams aus. Fischer erzählt von Patienten, die aus Wut gegen Wände gespuckt oder Angestellten Gewalt angedroht hätten. Seiner Meinung nach hängt dieses Phänomen aber nur bedingt mit Corona zusammen. „Die Dünnhäutigkeit nimmt durch die Pandemie zu. Aber Aggressivität gegenüber Ärzten und MFA gab es auch schon vor Corona“, sagt er. Dass diese Tatsache ein Grund für den Mangel an MFA sein könnte, glaubt Fischer deshalb nicht.

Jutta Napiwotzky beobachtet das Phänomen schon seit Jahren mit Sorge: „Die Politik sieht noch nicht, dass MFA zum Mangelberuf geworden ist.“ Das müsse sich dringend ändern, sagt sie.


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