Arztpraxen am Limit: „Die Nerven liegen blank“

Rastatt (schx) – Ansteckendere Omikron-Variante und saisontypischen Erkältungskrankheiten: Die Hausarztpraxen in der Region stehen seit Wochen unter Druck. Laut Ärztesprecher arbeiten sie am Limit.

Corona, Grippe- und Erkältungskrankheiten: „Alle Praxen in der Region arbeiten am Limit“, stellt Jürgen Schönit, Vorsitzender der Rastatter Ärzteschaft, fest. Foto: Xenia Schlögl

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Corona, Grippe- und Erkältungskrankheiten: „Alle Praxen in der Region arbeiten am Limit“, stellt Jürgen Schönit, Vorsitzender der Rastatter Ärzteschaft, fest. Foto: Xenia Schlögl

Die Sprechstundenhilfe einer Hausarztpraxis in Rastatt klingt gestresst und auch hilflos am Telefon: „Nein, wir können keine Interviewanfragen entgegennehmen, bei uns sind drei Mitarbeiter ausgefallen, und wir müssen den Laden am Laufen halten.“ Immer mehr Corona-Infektionen, überlastetes medizinisches Personal und ungeduldige Patienten: Die Hausarztpraxen in der Region stehen seit Wochen unter Druck.
Die deutlich ansteckendere Omikron-Variante ist bundesweit vorherrschend und trifft alle Bereiche. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) berichtet von starken Auslastungen in der hausärztlichen Versorgung. Seit Beginn der Pandemie gibt es die höchste Anzahl an Covid-19-positiven Patienten in den Praxen. Da es bei Omikron zu weniger schweren Krankheitsverläufen kommt, wird der Großteil der Erkrankten ambulant behandelt.

Was sich für die Covid-19-Patienten erfreulich anhört, bedeutet für das medizinische Personal einen Ausnahmezustand: Seit Wochen werde die Omikron-Welle mit Inzidenzen jenseits der 1.000er Grenzen in den Praxen aufgefangen. Laut Allgemeinmediziner Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Rastatter Ärzteschaft, „arbeiten alle Praxen in der Region am Limit“.

Hohes Arbeitsaufkommen, weniger Personal

„Wir erleben aktuell neben Covid-19-Infektionen zusätzlich viele Grippe- und Erkältungskrankheiten, die typisch sind in der Wintersaison“. Auch das Personalproblem sei größer als in den früheren Wellen, infolge der hochansteckenden Omikron-Variante erkranken mehr oder fallen quarantänebedingt aus. „Das schon jetzt hohe Arbeitsaufkommen verteilt sich damit auf noch weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so Schönit.

Die Kapazitäten der Labore, die PCR-Tests auswerten, sind begrenzt. Wann testet Schönit? „Jeder, der symptomatische Beschwerden hat, die auf eine Corona-Infektion hinweisen, bekommt einen PCR-Abstrich.“ Wer jedoch symptomfrei sei oder nur eine rote Warn-App vorweisen könne oder auf besonderen Wunsch des Arbeitgebers einen PCR-Test verlange, der sei bei ihm an der falschen Stelle: „Wir müssen in der Praxis priorisieren.“ Die Versorgung akut Erkrankter sei gewährleistet, aber man habe das medizinische Angebot runterfahren müssen. Das bedeutet, dass momentan in seiner Praxis keine klassischen Vorsorgeuntersuchungen oder individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) erbracht werden können.

Auch Patienten machen ihrem Unmut Luft

Die Ausnahmebedingungen und die längeren Wartezeiten – das will nicht jeder Patient verstehen und macht seinem Unmut auf vielfältige Weise Luft. Für Schönit und sein Team, das zur Bewältigung der Pandemie an der vordersten Front steht, ist so ein Verhalten sehr bedenklich: „Das geht auf Dauer nicht gut.“

Auch für den Mediziner und Pandemiebeauftragten der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. Martin Holzapfel, ist die Mehrbelastung aufgrund gestiegener Atemwegsinfektionen in seiner Praxis in Ottersdorf deutlich spürbar. „Die Krankmeldungen unter den Patienten haben zugenommen.“ Wie Schönit kritisiert er die wachsende Ungeduld und die Anspruchshaltung seitens der Patienten.

Dennoch zeigt er Verständnis: „Nach zwei Jahren Pandemie-Erfahrung liegen eben die Nerven blank.“ Holzapfel, der in Zusammenarbeit mit der Stadt Rastatt Impfaktionen im Rossi-Haus organisiert hatte, freut sich, dass nicht nur sein medizinisches Personal inzwischen dreifach geimpft sei, sondern auch der Großteil seiner Patienten. Er bietet weiterhin regelmäßige Corona-Schutzimpfungen in seiner Praxis an, auch für Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Für ein falsches Zeichen hält er die neuen Impfmöglichkeiten in den Apotheken: „Was ist bei allergischen Reaktionen nach einer Impfung?“ Eine Schulung allein reiche seiner Meinung nach nicht aus, am Ende werde doch ein Arzt gerufen.

„Die Genesenen-Karte sticht nicht mehr“

Von der Politik fühlt sich Schönit als Arzt im Stich gelassen. Die Impfpflicht komme zu spät, wenn sie denn komme. In seiner Praxis behandle er Patienten, die wenige Monate zuvor an der Delta-Variante erkrankt waren und nun Atemwegsinfektionen aufgrund der Omikron-Variante zeigen. „Die Genesenen-Karte sticht nicht mehr.“ Auch wenn es Impfdurchbrüche gebe, seien die Folgen in der Regel deutlich milder als bei den Ungeimpften. Er ist überzeugt, dass die Pandemie nur durch das Impfen beherrscht werden könne. Die für März beschlossenen Lockerungen befürwortet Schönit, dieser Schritt zur Normalität im Alltag sei wichtig. Dennoch müsse die Politik mit Augenmaß handeln, um für die nächsten Wellen gewappnet zu sein.

Wie sein Kollege sieht auch Holzapfel den Höhepunkt der Omikron-Welle in ein oder zwei Wochen überwunden, „wenn keine neue Subtypen auftauchen“. Die vierte Impfung für ältere Personen sehen beide als notwendig an, eine jährliche Auffrischungsimpfung für alle als unumgänglich.

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Erstellt:
20. Februar 2022, 19:00 Uhr
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