Aspichhof und Startup Haemp fahren erste Hanfernte ein

Ottersweier (fvo) – Von berauschender Wirkung ist nur das Projekt: Kürzlich haben der Aspichhof und das Startup Haemp ihre erste Ernte hinter sich gebracht.

Hübsches Gebilde mit vielfältigem Potenzial: Hanfpflanzen wachsen nun auch in Mittelbaden. Foto: Franz Vollmer

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Hübsches Gebilde mit vielfältigem Potenzial: Hanfpflanzen wachsen nun auch in Mittelbaden. Foto: Franz Vollmer

„So viele Zuschauer habt ihr normalerweise nicht“, ist Juniorchef Simon Glaser schon frühmorgens zu Flachs aufgelegt. Wobei es gar nicht um Flachs geht, sondern um den ersten Hanf, den der Aspichhof angebaut hat. Eineinhalb Hektar auf Initiative eines Start-up-Projekts aus Bühl namens Haemp. Kürzlich war erstmals Ernte mit interessierten Zaungästen.

11.05 Uhr war es genau, als die grüne Riesen-Minna zur Tat schritt, ein umgebauter Mähdrescher einer schwäbischen Firma aus dem Raum Biberach, die sich eigens auf solche Projekte spezialisiert und dafür ein straßentaugliches, dreieinhalb Meter breites Geschoss mit kuriosem Mähwerk entwickelt hat. Eine ganze Armada von horizontal und vertikal verlaufenden Schnittmessern, die mehr von einem Horrorfilmmonster als von einem Arbeitsgerät haben. Die komplexe Schnitttechnik macht aber Sinn, der festfaserige Hanf wird schließlich nicht einfach zusammengehäckselt, sondern feinsäuberlich getrennt. Zuletzt war die per Tieflader angekarrte Dreschmaschine noch im Elsass zu Gange, berichtet Disponent Sebastian Stolz, derweil sein Mitarbeiter das viereinhalb Meter breite Mähwerk ausfährt. Einige Handgriffe und schon setzt Fahrer Anel Samardic das Gefährt in Gang. Simon Glaser tuckert derweil mit Traktor und Anhänger neben her, um über das Auslegerrohr die Blätter aufzunehmen, der gedroschene Samen kommt in einen Tank, in dem sonst Maiskolben landen. Der Rest der Pflanze kommt dem grünen Ungetüm quasi zum Hinterteil raus, was allerdings kein Abfall ist.

Aus eins mach drei: Simon Glaser nimmt mit seinem Hänger die Blütenblätter auf, die Hanfsamen landen in einem Tank der Dreschmaschine, die Stängel erstmal am Boden. Foto: Franz Vollmer

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Aus eins mach drei: Simon Glaser nimmt mit seinem Hänger die Blütenblätter auf, die Hanfsamen landen in einem Tank der Dreschmaschine, die Stängel erstmal am Boden. Foto: Franz Vollmer

„Das Schöne bei Hanf ist, dass alles verwertet werden kann“, so Initiator und Start-up-Gründer Stefan Karcher. Die Blütenblätter werden nach zügiger Trocknung in einem kostspieligen Extraktionsverfahren mit Kohlendioxid als Katalysator gelöst, ein sogenanntes Überdruck-CO2-Verfahren, um daraus das medizinisch so wertvolle, weil schmerzlindernde und entzündungshemmende CBD (Cannabidiol) zu gewinnen. Aus den ebenfalls separat geernteten Samenkörnern wird, sofern sie nicht als knackige Müsli-Grundlage verwertet werden, Öl gewonnen, mit einem nussigen Geschmack und vor allem mit wertvollen Omegasäuren.

Die Stängel der mannshohen dünnen Pflanze, die Anfang Mai ausgesät bis zu drei Meter Höhe schafft, wird gleich doppelt genutzt. Die sogenannten Schäben kommen in den Hanfkalk, der als Baumaterial taugt, die Fasern finden mögliche Verwendung bei Kleidung oder Dämmung. Laut Karcher hat etwa die Zeller Mühle ihr neues Trockenlager für Getreide auf Hanfbasis ausgestattet, mit exzellenten Dämmwirkungen – und das im Winter wie im Sommer. Langfristig kann sich Karcher auch vorstellen, dass Hanf funktionell in die Rolle von Plastik- oder Styroporverpackung schlüpft.

Ein weitere bereits praktizierte Alternative ist die Verwendung als Einstreu für Tierhaltung. „Hanf hat ein gutes Saugvermögen und ist absolut staubfrei“, schwärmt Geschäftsführer Ewald Glaser, was erklärt, warum solcherlei auf dem Aspichhof verwendet wird. Nicht zuletzt kann es der Eiweißgewinnung dienen, das allerdings eher als Nebenprodukt und nicht wirklich konkurrenzfähig zu Alternativen wie Soja.

„Man braucht überhaupt keine Spritzmittel“

Der weitere große Vorteil: „Man braucht überhaupt keine Spritzmittel“, kommt Karcher förmlich ins Schwärmen über das an eine Minipalme gemahnende Gewächs mit der tannenbaumartigen Blütenkrone.

Die euphorische Wirkung bezieht sich aber allenfalls auf das Projekt selber. „Sich an unseren Pflanzen zu berauschen, ist unmöglich“, sagt Karcher schmunzelnd. „Der THC-Gehalt wird streng kontrolliert und darf den Grenzwert von 0,2 Prozent nicht überschreiten“, erklärt Karcher. Ein Grenzwert, der bereits über die Sortenauswahl gesteuert wird. Sobald die Pflanzen in voller Blüte stehen, in der Regel um die Tag- und Nachtgleiche der Fall, kommt ein Kontrolleur vorbei und nimmt Proben, dass die ominösen weißen Knöpfe auf den Blütenblättern auch wirklich im Limit sind.

Die Perspektive für nächstes Jahr steht jedenfalls: „Mein Gedanke ist, eine größere Fläche, idealerweise bei unterschiedlichen Landwirten anzusäen und dann eine Art Streckenachse für den Mähdrescher zu bilden“, so Karcher, um das Ganze profitabler zu gestalten. Letztlich ging es jetzt darum, erste Erfahrungen zu sammeln auch über den perfekten Standort. So war etwa der Boden an der Stelle am nördlichen Ortsrand von Lauf nicht ideal. „Der Boden hier ist schwer. Das mögen die Hanfpflanzen nicht so. Aber es war auch zu nass“, erklärt der Kulturwissenschaftler, der zuvor auch schon in der Gastronomie als Betriebsleiter tätig war.

„Hanf bietet unheimlich viele Möglichkeiten“

Ein weiterer Versuchsballon steigt derweil auf dem Areal vom Biohof Decker, wo eine Zwischenfrucht ganz spät ausgesetzt wurde, die eine kürzere Laufzeit hat. Hier wurde zudem ein PFC belasteter Boden bepflanzt mit dem Ziel, die reinigende Kraft von Hanf zu testen. Ein Spektrum, an dem aktuell das Landwirtschaftliche Technische Zentrum (LTZ) forscht. „Wir wollen sehen, welche Stoffe die Pflanze binden kann“, so Karcher. Überhaupt versteht er sein Startup als Netzwerk für sämtliche Interessenten, Kunden, Verbraucher oder Anbieter in Sachen Hanf, einschließlich der BAFA, mit der er in Kontakt steht. „Wir brauchen nachhaltige Rohstoffe. Und hierfür bietet Hanf einfach unheimlich viele Möglichkeiten“, so Karcher.

Nach zweieinhalb Stunden ist die Ernte am Aspichhof beendet. Resultat: 400 Kilo Samen und ein halber Hänger voll Blattmasse, die gleich in den Trockner kommen. Die Unkosten will man später ausklamüsern – auf Vertrauensbasis. Der schwäbische Tross nimmt den zweiten Tagesstopp ins Visier: der Girrlenhof in Ottersdorf, wo Karcher weitere eineinhalb Hektar angepflanzt hat auf weitaus besserem Boden und mit weit höherem Wuchs. Die Riesen-Minna wird sie sicher klein bekommen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
27. September 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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