Atemlos Richtung Regenbogen

Cusco (rap) – BT-Redakteur Christian Rapp besteigt die Rainbow Mountains in Peru, die auf 5060 Metern liegen. Dabei stößt er an seine körperlichen Grenzen, wird aber mit einem atemberaubenden Panorama belohnt.

Besteigung erfolgreich bewältigt: Jutta, Christian, Simon und Stephanie (von links) posieren vor den Rainbow Mountains. Foto: Paco

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Besteigung erfolgreich bewältigt: Jutta, Christian, Simon und Stephanie (von links) posieren vor den Rainbow Mountains. Foto: Paco

Mein Herz rast. Die Halsschlagader pocht wie wild. Ich versuche zu atmen, doch die Luft, sie scheint einfach weg zu sein – auf 4 600 Metern, mitten in den peruanischen Anden. Fast keine Spur der wertvollen und überlebenswichtigen Kost. Die ersten Zweifel kommen in mir auf, ob ich die Rainbow Mountains, eine in den Regenbogenfarben leuchtende Gebirgskette auf 5 060 Metern, je zu Gesicht bekommen werde. Dabei habe ich doch erst einige hundert Meter Wegstrecke hinter mir, drei Kilometer warten noch auf mich und meine drei Mitstreiter – meine Freundin Jutta, ihre Schwester Stephanie und Kumpel Simon –, bis wir den Gipfel erreichen. Wir sind erst eine knappe Viertelstunde unterwegs, doch es kommt uns bereits wie eine halbe Ewigkeit vor.

Also Zeit für eine kurze, erste Pause. Mein Gesicht knallrot, den Körper keuchend auf dem gelb-roten Wanderstock gestützt, kommt Paco, unser Tourguide, freudestrahlend auf uns zu. Trotz Minustemperaturen genießt er die warmen Sonnenstrahlen an diesem wolkenlosen Tag. So, als würde er gerade gemütlich durch Baden-Baden flanieren. Von Anstrengung in seinem Gesicht keine Spur, während wir, das Quartett aus dem Murgtal, mitten in den Hochanden nach Luft japsen und uns insgeheim fragen, auf was für einen Höllentrip wir uns da eigentlich eingelassen haben.

„Versucht das!“, sagt Paco und öffnet eine Plastikflasche, deren Inhalt eher nach Kloake denn Wundermittel aussieht. Doch deren Substanz darin überrascht: Kokablätter, Eukalyptus, eine Auswahl feinster peruanischer Kräuter. Aufgefüllt mit Wasser. Paco verreibt das Gemisch, das bereits die Inka verwendeten, um sich die zweite Luft zu verschaffen, auf seinen Händen und klatscht in die eisige, glasklare Luft. Drei kräftige Züge soll ich nehmen. Ich atme tief ein. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen, als der Zaubertrank, der nach einer Mischung aus Omas Kräutergarten, 4711 Echt Kölnisch Wasser und einem hochprozentigen Schnaps vom Barkeeper meines Vertrauens riecht, die Atemwege erreicht. „Und das soll mir helfen?“, denke ich und nehme mit dem Mute der Verzweiflung zwei weitere Züge. Und tatsächlich, weitere Tränen folgen zwar, doch die Beschwerden vergehen. Das natürliche Dopingmittel erfüllt seinen Zweck. Weiter geht’s, den drei Kilometer langen Aufstieg zum Gipfel. Zwar immer noch mit einem roten Kopf, dafür mit einer Extraportion frischer Luft.

Rückblende: Unsere Mission „Bergsteiger für einen Tag“ beginnt bereits mitten in der Nacht. Um 2.30 Uhr schellt in Cusco (3 400 Meter), der „Inka-Hauptstadt“, der Wecker, um 3.45 Uhr werden wir von Paco und seinem Team abgeholt. Nachdem wir weitere Mitstreiter aus allen Herren Länder (Frankreich, USA, Uruguay) eingesammelt haben, ist allein die zweieinhalbstündige Fahrt in einem klapprigen Transporter, der sich Richtung Basislager (4 500 Meter) auf schmalsten Serpentinen direkt am Abgrund entlang schlängelt, purer Nervenkitzel. Am Ausgangspunkt angekommen, ist mein T-Shirt bereits feucht – vom Angstschweiß während der Fahrt.

Motivationsrede à la Jürgen Klopp

Bevor wir aber die Tour starten, hält Paco uns noch eine Motivationsrede à la Jürgen Klopp: „Ihr schafft das! Glaubt an euch, geht euer Tempo. Ihr seid alles Superhikers!“ Ich schaue mich um, Pacos „Superhikers“ sind zwischen 25 und 60 Jahre alt, manche mit Bierbauch (natürlich die US-Amerikaner), andere ziehen noch geschwind ihr Make-up nach. „Na das kann ja lustig werden“, denke ich und mache mir keine großen Sorgen, als Fußballer und Jogger sollte ich genug Ausdauer haben.

Dass ich mich irre, wird mir schnell klar. Jeder Schritt ist anstrengend, die Luft dünn, das Herz pocht wie wild. Nach der Stärkung durch Pacos Wundermittelchen setzen wir unseren Aufstieg zunächst gemeinsam fort. Uns bleibt sogar die Kraft – und die Sinne –, dieses atemberaubende Panorama zu genießen, trotz Hunderter „Gipfelstürmer“ kurz innezuhalten und die Natur um uns herum wirken zu lassen: Links schneebedeckte Ungetüme, die in den Himmel ragen, rechts ein Bergmassiv, das in orange, türkis und weiteren Farben erstrahlt. Ein Paradies auf 5 000 Metern Höhe!

Ein Natur-Schauspiel wie ein Gemälde: Das Valle Rojo in den peruanischen Anden. Foto: Debelt

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Ein Natur-Schauspiel wie ein Gemälde: Das Valle Rojo in den peruanischen Anden. Foto: Debelt

Danach setzen wir unseren Weg fort. Zunächst als Quartett, doch mit jedem Höhenmeter, den wir zurücklegen, wird jeder mehr und mehr zum Einzelkämpfer. Von nun an geht, besser gesagt schleicht, jeder sein eigenes Tempo. Der Treffpunkt ist ja klar: der Gipfel bei den Rainbow Mountains. In den folgenden zwei Stunden und zwei Kilometern bin ich allein mit mir. Ich summe „Eye of the tiger“, stelle mir den Schwarzwald vor, denke an Fußballspiele, die bereits lange zurückliegen. Die dünne Luft vernebelt mir anscheinend meine Sinne. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Immer langsamer, immer bedächtiger – bis ich endlich oben angekommen bin. Simon wartet bereits auf mich. Auf 5 060 Metern, die Rainbow Mountains direkt vor der Nase. Was ein herrlicher Anblick! Wenig später haben es auch Jutta und Stephanie geschafft und ihren persönlichen Wettstreit gewonnen. Abgekämpft, aber unendlich glücklich klatschen wir uns ab. 30 Minuten können wir die Gebirgskette auf uns wirken lassen, wobei an Ruhe nicht wirklich zu denken ist. Heerscharen von Touristen kraxeln den Weg entlang. Also bloß weg hier.

Bewegende Quechua-Zeremonie mit Paco

Nächstes Ziel – das Valle Rojo (Rotes Tal), direkt neben den Rainbow Mountains. Aber die Truppe ist bereits ziemlich dezimiert, nur wir Vier und ein französisches Pärchen, Carla und Clement, wagen mit Paco gemeinsam den längeren Rückweg übers Rote Tal. Doch bereits beim ersten Anstieg ist der Weg für Jutta und Stephanie zu Ende. Die Höhenkrankheit – stechende Kopfschmerzen, Atemnot und Schwindel – macht sich bemerkbar. Schweren Herzens müssen sie den Rückweg antreten. Simon und ich dagegen setzen die Tour fort und werden nach einem weiteren kräftezehrenden Aufstieg mit einem atemberaubenden Panorama belohnt: Die von Eisen und Magnesium geprägten roten Berge strahlen im Sonnenlicht und bilden einen wundervollen Kontrast zum grünen Gras der Talebene. Eine Schönheit, die ihresgleichen sucht! Und vor allem eine Ruhe. Keine Menschenseele außer Simon, Carla, Clement, Paco und mir hat sich ins Rote Tal verirrt. Ab jetzt geht’s nur noch bergab, mehrere Kilometer Richtung Basislager. Jetzt ist endlich Zeit, die Seele baumeln zu lassen.

Selfie nach der bewegenden Quechua-Zeremonie im Valle Rojo: Christian, Simon, Guide Paco, Carla und Clement (von links). Foto: Rapp

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Selfie nach der bewegenden Quechua-Zeremonie im Valle Rojo: Christian, Simon, Guide Paco, Carla und Clement (von links). Foto: Rapp

Plötzlich stoppt Paco und lädt uns zu einer Zeremonie ein, um eins mit dem Berg zu werden – schließlich sind Berge für Peruaner hochheilig. Unser Guide spricht ein Gebet auf Quechua, der Sprache der Inka. Wir sprechen die Sätze nach, vergraben Kokablätter unter einen Steinturm. Eine Minute der Stille folgt. „Jetzt seid ihr für immer mit dem Berg verbunden“, sagt Paco. Ich bekomme eine Gänsehaut, Unmengen von Glücksgefühlen durchfluten meinen Körper. Völlig losgelöst von den bisherigen Strapazen machen wir uns auf den restlichen Weg.

„Wie hoch ist der höchste Berg in Deutschland?“, fragt mich Paco. „Fast 3 000 Meter“, antworte ich. „Ich war noch nie in meinem Leben unter 3 000 Meter“, erwidert Paco. Und grinst.

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Erstellt:
18. April 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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