„Atlantis“ geht nicht unter

Gaggenau/Gernsbach (ham) – Die Kino-Betreiber im Murgtal leiden wie die gesamte Branche unter den Schließungen wegen der Corona-Pandemie – aber diese sind für die kleinen Betriebe in Ottenau und Gernsbach nicht existenzgefährdend.

Cineastisches Flair vergangener Tage: Das „Atlantis“ in Gernsbach lockt nostalgische Filmfans an. Foto: Juch

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Cineastisches Flair vergangener Tage: Das „Atlantis“ in Gernsbach lockt nostalgische Filmfans an. Foto: Juch

„Keine Zeit zu sterben“ sollte die James-Bond-Fans jetzt in Scharen in die beiden Kinos im Murgtal treiben. Wegen der Corona-Pandemie rettet 007 aber erst im Herbst die Welt. Stattdessen fühlen sich die beiden Betreiber der kleinen Lichtspielhäuser in Ottenau und Gernsbach wie in einem schlechten Film ... Gute Nachricht immerhin: Trotz der Krise ist es für die Kinos nicht an der Zeit zu sterben.

Ines Merkel gibt Entwarnung für das seit 1949 bestehende „Merkur-Film-Center“, und Roland Julius stellt für das Gernsbacher Kino klar: Das „Atlantis“ geht nicht unter!

Beide Kleinbetriebe sehen es jetzt als Vorteil, dass sie im Gegensatz zu den aus dem Boden gestampften großen Filmtempeln semiprofessionell betrieben werden. Sowohl die Familie in Ottenau als auch der Betreiber murgaufwärts verdienen ihre Brötchen auch in Berufen fern der Kultur. „Oft war das für uns eine Zerreißprobe. Nun ist es jedoch ein Segen, dass wir beide etwas Anderes haben“, verweist Ines Merkel auf den Job ihres Bruders „beim Benz“ und ihre Arbeit als Grafikdesignerin, obwohl „das natürlich jetzt auch schwierig ist“. Anders als die Riesen unter den 700 Kinos mit ihren rund 4 000 Leinwänden sieht Julius bei sich als „Teilzeit-Jobber“ auch „keine Existenzgefährdung, gleichwohl es noch nie so schlecht war wie jetzt. Aufs und Abs gab es aber immer schon“. Der Film-Enthusiast ist zwar nicht in der „glücklichen Lage“ wie die Familie Merkel, der das Kino-Gebäude gehört. Doch Pacht und Strom summieren sich bei ihm lediglich auf einen „niedrigen vierstelligen Betrag im Monat“. Julius vertraut nun vor allem auf ein Entgegenkommen der Stadt Gernsbach als Eigentümerin, schließlich hat sie auch großes Interesse, dass ihr Pächter das „Atlantis“-Kinocenter am Leben hält. Zudem will er Zuschüsse und Unterstützungen für Betriebe rasch beantragen.

Sonderförderung für „Merkur-Film-Center“

Merkel befindet sich diesbezüglich ebenso in Gesprächen mit ihrem Steuerberater. Einen ersten unerwarteten Zuschuss kündigte die Medien- und Filmgesellschaft (MFG) des Landes Baden-Württemberg am Ende vergangener Woche schon an: Sie stockt ihre Förderung für alle Kinos, die 2019 einen Preis der MFG für ihr Programm bekommen haben, nachträglich um 5 000 Euro auf. Merkel will sich auch darum kümmern, dass das runde Dutzend der Minijobber – meist Schüler und Studenten – eine Kompensation vom Arbeitsamt erhalte. Um überhaupt ein paar Einnahmen zu generieren, bietet das „Merkur-Film-Center“ „Kino on demand“ an. So können Cineasten bundesweit für vier bis zehn Euro aktuelle Streifen ohne Abo daheim auf den Bildschirm holen. Auf dieses Angebot setzt auch das „Atlantis“.

Zusätzlich erhalten dabei Besteller Gutscheine über fünf Euro für den nächsten Kino-Besuch. Wer die beiden kleinen Häuser liquide halten will, sollte jetzt zudem Gutscheine erwerben. „Die verfallen bei uns nicht! Manche brachten uns schon welche von vor zehn Jahren“, wirbt Merkel schmunzelnd für das „kontaktlose Bestellen und Ausliefern per E-Mail oder Post“. Die Ottenauer Kino-Betreiber freuen sich überdies über „viele aufmunternde Nachrichten, Zuspruch und Wünsche“ von treuen Kunden.

„Terminator“-Spruch soll sich bewahrheiten

Julius, der sonst nur an Heiligabend und Silvester auf Vorführungen verzichtet, „hofft, dass wir früher aufmachen können als 15. Juni“. Bis dahin hat die Stadt Gernsbach die Schließung verfügt. Kurz danach droht bereits die saisonübliche Sommer-Flaute. Der Gernsbacher spendet sich selbst „Ein Quantum Trost“ und glaubt, dass sich die Säle nach langer Enthaltsamkeit füllen, denn: „Die Leute haben Lust auf Kino.“ Am wichtigsten ist jedoch für die Murgtal-Kinos, dass sich der berühmteste „Terminator“-Spruch für sie bewahrheitet: „I’ll be back!“


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