Auch auf dem E-Bike schmelzen die Kilos dahin

Karlsruhe (BNN) – Ist E-Bike-Fahren überhaupt Sport? Ein Selbstversuch gibt eine eindrucksvolle Antwort: Am Ende sind mehr als 50 Kilogramm gepurzelt.

Benedikt Spether hat nach etwas mehr als einem Jahr E-Bike-Fahren mehr als 50 Kilo abgenommen. Foto: Benedikt Spether

© red

Benedikt Spether hat nach etwas mehr als einem Jahr E-Bike-Fahren mehr als 50 Kilo abgenommen. Foto: Benedikt Spether

Es ist eine kleine Sucht geworden. Dabei war der Anfang richtig schwer. Und zwar wortwörtlich. Als ich das erste Mal auf ein E-Bike gestiegen bin, wog ich deutlich mehr als 160 Kilogramm.

Vor knapp zwei Jahren war klar, dass mich mein massives Übergewicht gesundheitlich früher oder später einholen wird. Ich musste und wollte etwas tun. Meine Motivation, als ich mich das erste Mal in den Sattel „schwang“, war ganz klar: Ich wollte abnehmen.

Die ersten Kilometer waren auch mit Motorunterstützung eine große Strapaze. Mein Akku war deutlich schneller leer als der des E-Bikes. Und am Berg erinnere ich mich an die grinsenden Gesichter von Radfahrern, die mich überholten – und zwar ohne Hilfsmotor. Immer wieder werde ich seither mit einer Frage konfrontiert: „Ist E-Bike fahren überhaupt ein Sport? Kann man damit abnehmen und fit werden?“

Der Drang nach Bewegung wächst

Das Fahrrad hat in den vergangenen zwei Jahren einen Boom erlebt. Das hatte vor allem mit Corona zu tun. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass der Drang nach Bewegung gewachsen ist. Und das Fahrrad ist eine einfache Möglichkeit, die eigene Region zu erkunden. Ausflüge auf dem Drahtesel waren vor allem in Lockdown-Zeiten sehr beliebt.

4,7 Millionen Fahrräder wurden nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) 2021 verkauft. Rund zwei Millionen davon mit einem elektrischen Antrieb. Der Marktanteil von E-Bikes kletterte auf 43 Prozent. Fahrradhändler kamen an ihre Grenzen.

Aber die Pandemie hat auch in diesem Bereich ihre Schattenseiten. Seit Ende 2020 kämpfen Händler mit Lieferschwierigkeiten, einige Teile sind nur noch schwer oder gar nicht mehr zu bekommen. Kunden müssen zum Teil lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Der Anfang war schwer: Zunächst war der Akku von Benedikt Spether schneller leer als der des E-Bikes. Foto: Benedikt Spether

© red

Der Anfang war schwer: Zunächst war der Akku von Benedikt Spether schneller leer als der des E-Bikes. Foto: Benedikt Spether

Dass das E-Bike so schnell so beliebt wurde, ist eigentlich kein Wunder. Denn mit dem motorisierten Zweirad sind anspruchsvolle Touren möglich, ohne sportlich trainiert zu sein. Aber es steigt auch die Unfallgefahr, vor allem dann, wenn man die eigene Fitness und das fahrerische Können überschätzt.

Dass Touren mit dem E-Bike viel Energie verbrennen, kann ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Aber nicht mit voller Motorunterstützung. Weit über 70 Prozent von den insgesamt über 11.000 Kilometern, die ich bis heute gefahren bin, habe ich im Eco-Gang gemeistert. Also mit geringster Motorunterstützung.

Über 50 Kilogramm habe ich in 15 Monaten abgenommen, das ging natürlich auch mit einer Anpassung meiner Ernährung einher. Da habe ich mich für das Intervallfasten entschieden, also ich esse an acht Stunden des Tages, an den restlichen 16 aber nicht.

Das Zusammenspiel von körperlicher Aktivität (um den Kalorienverbrauch zu erhöhen) und Ernährung (wie hoch ist die Kalorienaufnahme?) ist entscheidend für eine Gewichtsabnahme. Abnehmen funktioniert nur, wenn die Kalorienaufnahme geringer ist als der Kalorienverbrauch. Vor allem aber gehört eiserne Disziplin dazu.

Ist das nun also Sport, was ich da seit einigen Monaten mache? Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sieht das durchaus so. Es gibt dafür natürlich auch Fachbegriffe. „Im Englischen, das hier sprachlich feinere Differenzierungen aufweist, würde man eher von physical activity oder Fitness-Training sprechen“, sagt Woll.

Purer Genuss: Die Bergtour wird mit schöner Aussicht und Sonnenuntergang belohnt. Foto: Benedikt Spether

© red

Purer Genuss: Die Bergtour wird mit schöner Aussicht und Sonnenuntergang belohnt. Foto: Benedikt Spether

In der Wissenschaft ist von einem kombinierten gesundheitsorientierten Fitness-Programm die Rede, um mit den zwei zentralen Elementen Bewegung und Ernährung die Zielgröße Gesundheit und Körpergewicht anzusteuern. Damit die Kilos purzeln, ist eine negative Energiebilanz entscheidend. Deshalb ist es auch sehr unterschiedlich und abhängig von meinem Ernährungsverhalten, wie viel ich mich bewegen muss, um abzunehmen.

Aber es gibt auch Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wie viel Sport dazu führt, dass man einen gesundheitlichen Effekt spürt. Die Empfehlung der WHO: Eine halbe Stunde täglich zusätzliche körperliche Aktivität ist das Minimum für Erwachsene, wie Woll erklärt.

Das heißt, wenn man die 150 Kilometer, die ich in der Woche im Durchschnitt fahre, mit einem Durchschnittstempo von 20 Stundenkilometern hochrechnet, komme ich mit dem E-Biken locker auf die halbe Stunde Sport am Tag.

Auch wenn es die Radfahrer ohne Motor jetzt vielleicht nicht gerne hören werden: Ja, das Fahren mit dem E-Bike zählt zu den sportlichen Aktivitäten. Nicht zum Leistungssport, aber es ist Bewegung, die Kalorien verbrennt. Und dazu noch großen Spaß macht.

Wichtig ist aber vor allem, dass man dem Motto „Jeder Meter ist ein guter Meter“ treu bleibt. Jeder sollte das machen, worauf er Lust hat und was ihm Spaß macht, denn nur dann bleibt man auch am Ball.

Spannend bleibt es, wie sich die motorisierten Fahrräder in Zukunft weiterentwickeln werden. „Der Trend geht in Richtung stärkere Akkus, die Reichweite der Räder wird größer und das E-Bike der Zukunft wird sich stärker mit dem Handy vernetzen“, sagt Julian Öncü. Er ist bei Canyon Bicycle Market Manager für den deutschsprachigen Teil Europas.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

unserem Mitarbeiter Benedikt Spether

Zum Artikel

Erstellt:
26. April 2022, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 37sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.