Auch in Baden-Baden muss sich niemand alleine fühlen

Baden-Baden (sga) – Betroffene finden auch in Zeiten von Corona Zuflucht im Frauen- und Kinderschutzhaus. Und das ist auch wichtig, denn Gewalt macht keine Pause, das sagt auch die Hausleiterin.

Ein fliegender Teller oder eine Ohrfeige: Viele Frauen leiden unter aggressivem Verhalten ihrer Partner. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Ein fliegender Teller oder eine Ohrfeige: Viele Frauen leiden unter aggressivem Verhalten ihrer Partner. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Erst sind es nur wenige am Arm. Dann verteilen sie sich über den Rücken, Bauch und die Beine. Sie erzählen von traurigen Momenten und legen sich wie Schatten über den Körper – blaue Flecken sind in einigen Partnerschaften keine Seltenheit.

Im Gegenteil. 2019 veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Auswertung, die von etlichen Fällen erzählt, in denen Gewalt vielleicht schon zur Normalität geworden ist. Demnach hat es in dem aufgeführten Jahr insgesamt 141.792 Menschen gegeben, die von ihrem Lebensgefährten unter anderem (schwer) verletzt, vergewaltigt, sexuell genötigt oder bedroht wurden. 114.903 der Opfer waren weiblich.

Doch nicht jede Betroffene spricht über die Szenen, die sich hinter verschlossener Tür abspielen. „Viele haben Angst davor, dass es dadurch noch schlimmer wird“, weiß Barbara Schmitz. Allerdings betont die Leiterin eines Frauen- und Kinderschutzhauses, in dem Opfer aus Baden-Baden und dem Landkreis Rastatt Zuflucht finden können, auch: „Es muss sich niemand alleine fühlen. Für solche Fälle gibt es das Frauenhaus.“

Aber es ist nicht einfach, Vertrauen zu einer fremden Person aufzubauen. „Schon gar nicht, wenn man aus derartigen Situationen entfliehen möchte“, so Schmitz. Deshalb gebe es auf der Homepage der Einrichtung viele Tipps und Hinweise zu dem Thema. „Im Akutfall sollte die Betroffene jedoch die Polizei sofort alarmieren“, betont die Hausleiterin. Kommt es schließlich tatsächlich zu einem Aufenthalt in dem Frauen- und Kinderschutzhaus, findet in der Regel vorab ein Telefonat und ein Treffen an einem neutralen Ort statt – und zwar so, dass der Lebensgefährte nichts davon mitbekommt. Die Anonymität muss immer gewahrt werden. „Das bedeutet auch, die Ortungsdienste im Smartphone abzuschalten“, erklärt Schmitz. Sicher ist sicher.

In der Einrichtung ist Platz für bis zu 20 Personen, viele Frauen kommen mit ihren Kindern. Vor Ort haben feste Berater ein offenes Ohr für die Betroffenen. „Manche sind relativ gefasst und sachorientiert, wenn sie hier ankommen. Andere müssen erst zu sich kommen“, hat die Hausleiterin in der Vergangenheit beobachten können. In jedem Fall handele es sich aber um eine Solidargemeinschaft: „Die Frauen profitieren voneinander.“

Auch dann, wenn wegen Corona genug andere Sorgen auf einen einprasseln. „Zu Beginn der Pandemie war unser Haus voll belegt“, erklärt Schmitz im BT-Gespräch. Hygienekonzept, Abstandsregelung und Mundschutz gelten immer, bei der Aufnahme finde eine räumliche Trennung statt, damit eventuell infizierte Frauen nicht mit den bereits negativ getesteten in Kontakt treten können. Doch auch wenn die Pandemie die Gesellschaft gezwungen hat, monatelang mehr oder weniger zuhause zu bleiben: Ob Frauen nun noch öfter unter dem Gewalteinfluss des Partners leiden müssen, kann Schmitz nicht mit Sicherheit bestätigen. „Was unsere Zahlen betrifft, sind die Anfragen während der Pandemie sogar zurückgegangen“, erklärt die Leiterin.

Trotzdem könne niemand mit Sicherheit sagen, ob diese Werte den tatsächlichen Stand von häuslicher Gewalt spiegeln: „Wir können hier nur Mutmaßungen aufstellen. Denkbar wäre aber, dass viele Frauen Angst hatten, sich in der Einrichtung mit Corona zu infizieren.“ Außerdem gebe es durch das „dauerhafte Daheimsein“ kaum Möglichkeiten, unbeobachtet Kontakt zu Unterstützungsangeboten aufzunehmen. Schlussendlich, so Schmitz, ist es aber so: „Jede betroffene Frau kann sich, auch in Zeiten von Corona, bei uns melden.“ Denn Gewalt macht keine Pause. Auch dann nicht, wenn eine Pandemie die Welt in Atem hält.

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Erstellt:
25. Juni 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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