Audienz beim Eichenkönig

Lichtenau/Achern (jo) – Von der Gamshurster Storchenkirche zum Muckenschopfer Baumriesen führt eine insgesamt zweistündige Wanderung. Joachim Eiermann war für das BT für eine Stippvisite vor Ort.

Mit 33 Meter Baumhöhe ein imposantes Naturdenkmal: Der Eichenkönig im Muckenschopfer Strietwald.  Foto: Joachim Eiermann

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Mit 33 Meter Baumhöhe ein imposantes Naturdenkmal: Der Eichenkönig im Muckenschopfer Strietwald. Foto: Joachim Eiermann

Der kleine Lichtenauer Stadtteil Muckenschopf hat nicht nur einen Ortsvorsteher, sondern auch – was nicht viele wissen – einen wahrlichen König. Dieser versteckt sich tief im Wald, hält aber jederzeit Hof. Die Rede ist vom Eichenkönig, einem 300 bis 350 Jahre alten Naturdenkmal, das in der Region einzigartig ist.
Als Ausgangspunkt für eine insgesamt zweistündige „Flachland“-Wanderung auf breiten Wegen bietet sich die Ortsmitte von Gamshurst an, ist dort doch ein einzigartiges Naturschauspiel geboten. Auf Kirche und Pfarrhaus des Acherner Stadtteils thront Meister Adebar so zahlreich, dass eine Anwohnerin bei der Frage nach der Gesamtzahl der Nester schulterzuckend passen muss. Ein gutes Dutzend davon hat eine stattliche Kolonie von klappernden Weißstörchen auf den Dächern beider Gebäude errichtet. Die eleganten Vögel holen sich ihr „Bauholz“ aus den nahen Wäldern und beherrschen die großflächigen weitläufigen Wiesen als ihre Jagdgründe.

Südlich der Kirche führt die Seitengasse „Am Bachsteg“ zu selbigem, wo die Gamshursterinnen einst an Treppenstufen zur Acher die Klamotten wuschen. Seit dem Bau eines vor dem Ort abzweigenden Flutkanals ist der Fluss aus dem Achertal hier zum simplen Feldbach degradiert. Wanderer und Spaziergänger erfreuen sich stattdessen am Anblick einer idyllischen Bachpartie mit Ökozonen, die unseren Weg begleitet.

Baumallee und Eichenkönig

Ein kurzes Stück nach dem Steg folgen wir dem Schild „Baumallee entlang der Acher“ nach rechts in nördlicher Richtung, queren die Kreisstraße 5372 und setzen rechts des unmerklich fließenden Gewässers unseren Weg fort. Dieser führt am Ortsrand entlang – linker Hand Wiesen und Äcker bis zum Waldrand, rechts landwirtschaftliche Anwesen und große Gärten. Da Gamshurst ein Straßendorf und dessen Bebauung deshalb der Ortsdurchfahrt zugewandt ist, blicken wir sozusagen in grüne Hinterhöfe, passieren den einmaligem Nadelbaum mit Storchennest und genießen den schönen Blick auf die Kulisse des Nordschwarzwalds.

Bei der Gabelung am Ende der Besiedelung halten wir uns links. Der breite Weg, nun ganz im Grünen, ist von einer kurzen Baumreihe gesäumt, führt weiter an Äckern und prächtigen Wiesen vorbei und nähert sich sodann wieder dem Bachufer an. Schließlich führt er in einen dichten Laubwald hinein: den Muckenschopfer Strietwald. Kurz darauf gehen zwei Abzweigungen nach links weg, die wir ignorieren. Danach heißt es: Aufgepasst! Kurz vor der Querung eines Grabens führt ein Pfad nach links. Nach nur insgesamt rund 3,5 Kilometern ist das Objekt der Begierde erreicht. Eine Holztafel gibt Auskunft über den Eichenkönig, der jüngst ein bisschen Berühmtheit erlangte im Zusammenhang mit Bürgerprotesten gegen ein geplantes Schwarzwildgatter (das BT berichtete). Eine kleine Menschenkette umringte den fast zwei Meter dicken Stamm der Stieleiche. Als sie gepflanzt wurde (oder als Sämling das Licht der Welt erblickte), regierte in Frankreich noch „Sonnenkönig“ Ludwig XIV.

Nest an Nest auf dem Kirchdach: In Gamshurst hat sich eine Kolonie von Weißstörchen niedergelassen.  Foto: Joachim Eiermann

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Nest an Nest auf dem Kirchdach: In Gamshurst hat sich eine Kolonie von Weißstörchen niedergelassen. Foto: Joachim Eiermann

Kay Karius, der frühere Bezirksleiter des Bühler Forstamts, wusste bei Waldbegehungen zu erläutern, dass der Eichenkönig noch Zeuge der alten Form der Mittelwaldwirtschaft ist. Jene wurde einst intensiv betrieben, um einen hohen Bedarf an Bau- und Brennholz zu decken. Wie es dem Baumriesen gelang, nicht eingeschlagen zu werden, und wie er alle Notzeiten, Dürrejahre und Schädlinge überlebte, ist für die heutigen Förster schlichtweg nicht nachvollziehbar. Seine Ausmaße imponieren: Mit dem Rücken zum Stamm und den Blick hoch zur Krone gerichtet, lässt das 33 Meter hohe Naturdenkmal keinen kalt.

Um wieder zum Ausgangspunkt zu kommen, bieten sich zwei Varianten an. Zum einen derselbe Weg zurück, zum anderen eine nicht ausgeschilderte Route durch die offene Flur, die gute Chancen bietet, Störche bei der Jagd beobachten zu können. An der Weggabelung, die wir kurz vor Erreichen des Eichenkönigs passiert hatten, geht es nach rechts zu einem von Raupenfahrzeugen aufgewühlten Weg, der bereits nach wenigen Metern zu einem Stellwerk am Acher-Feldbach führt. Nach Überqueren des schmalen Stegs (Vorsicht, kein Geländer!) halten wir uns links, gleich darauf rechts, um diesem Wirtschaftsweg in südwestlicher Richtung etwa zehn Minuten zu folgen – bis zur zweiten Abzweigung nach links mit prächtiger Kugel-Eiche. Dieser Feldweg knickt rechts ab zur Kreisstraße 5372. Nach Überqueren der Fahrbahn führt der Radweg nach links in Richtung Gamshurst zurück. Nach Passieren der Grillhütte folgen wir der Einmündung bei einem kleinen alten Stellwerk nach rechts bis zu einem auffälligen Hochsitz mit Tarnnetz. Der hier links abzweigende Grasweg führt fast kerzengerade zurück zur Kirche.

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Erstellt:
7. Mai 2020, 12:44 Uhr
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