Auf KAT-Bike-Tour: Petrus schubst mit Donnergrollen

Baden-Baden (km) – Einfach laufen lassen, diesem Rat kann BT-Redakteurin Kathrin Maurer auf ihrer auf KAT-Bike-Tour durch die Kitzbüheler Alpen erst spät folgen. Ein Beitrag aus der Reihe Ego-Trip.

Viele Bauernhöfe in den Kitzbüheler Alpen haben sich ihren historischen Charme bewahrt. Foto: Kathrin Maurer

© Kathrin Maurer

Viele Bauernhöfe in den Kitzbüheler Alpen haben sich ihren historischen Charme bewahrt. Foto: Kathrin Maurer

Langsam streife ich die Handschuhe über meine zitternden Hände, den schmalen, steilen, kurvigen Schotterpfad vor mir lasse ich nicht aus den Augen. Sattel runter bis zum tiefsten Punkt – sitzen ist nicht. Im Kopf lausche ich Sabines Tipps, die sie mir noch entspannt bei Kaffee, Almdudler und Kaiserschmarrn auf der Wiegalm (1.507 Meter) mit auf den Weg Richtung Tal gegeben hat. Denn dieser führt nicht über breiten, gemütlich befahrbaren Asphalt, sondern über steile, ruckelig-kurvige Trails mit Wurzelpassagen und kleinen Schanzen.

„Flowen“ mit dem Trail

Bergabfahren mag ja für viele Radler das Highlight einer Tour sein, nach dem man sich mühsam nach oben gekämpft hat. Ich stehe diesem Unterfangen – je nach Untergrund – meist skeptisch gegenüber und habe nicht nur eine Bremse im Kopf, sondern halte zwei verkrampft gedrückt in den Händen, bis meinen Fingerknöcheln die Farbe entweicht. „Genau das auf keinen Fall machen“, hatte mich Sabine ermahnt, „lieber laufen lassen, als zu viel bremsen, das ist viel gefährlicher.“ Na dann. Dabei solle ich noch locker in Knien und Ellenbogen bleiben und so richtig schön mit dem Trail „flowen“. Klingt einfach und entspannt. Wie das gehen soll, wenn alles am Körper unkontrolliert wackelt und absolut gar nichts an mir locker ist!? Aber egal, ich muss ja irgendwie runterkommen ins Tal, kann ja nicht ewig auf 1.500 Metern bleiben – auch wenn der Kaiserschmarrn hier oben vorzüglich schmeckt. Petrus tritt mich außerdem ziemlich unsanft mit fiesen Gewitterwolken, Donnergrollen und ersten fetten Regentropfen in den Hintern.

170 Kilometer rauf und runter

Meine Begleitung Sabine und ich befinden uns auf der zweiten von drei Etappen unserer KAT-Bike-Tour durch die Kitzbüheler Alpen. Knapp 45 Kilometer, mehr als 1.000 Höhenmeter stehen heute auf der Agenda und führen uns von Westendorf im Windautal nach Oberndorf in Tirol.

Auf knapp 170 Kilometern führt die KAT-Bike-Tour seit 2016 durch das Reich von Hoher Salve (1.829 Meter) und Kitzbüheler Horn (1.996 Meter). Wählbar sind zwei Varianten: die zahmere „E-njoy“-Tour, die auch mit einem E-Bike befahrbar ist, oder die ambitioniert-wilde Sport-Tour, die nur mit Eigenantrieb gestemmt werden kann, da es einige Tragestrecken im Gebirge gibt.

Sabine ist neben Motivatorin und Sicherheitscoach auch als Mechanikerin im Einsatz. Foto: Kathrin Maurer

© Kathrin Maurer

Sabine ist neben Motivatorin und Sicherheitscoach auch als Mechanikerin im Einsatz. Foto: Kathrin Maurer

Sabine und ich entscheiden uns für eine Mischung aus zahm und wild – einerseits aus sportlichem Ehrgeiz, schließlich habe ich mir als Begleitung eine Semi-professionelle Enduro-Fahrerin eingepackt, die nur mit Muskelkraft in die Pedale tritt. Außerdem haben im August die Regenfälle auch Österreich nicht verschont und die eine oder andere Passage der Bike-Tour im Tal unpassierbar gemacht. Da wir den Trip gemeinsam genießen wollen, bleibt größtenteils auch mein Akku aus, oder pusht mich bergauf höchstens im geringesten Modus.

Will man es hart, schweißtreibend und adrenalingeladen oder lieber etwas gemächlicher, aber längst nicht ohne Anstrengung? Höchstens, man setzt es sich zum Ziel, am Ende einer jeden Etappe mit den allerletzten Reserven des Akkus in die Unterkunft zu rollen – das sind die einzigen großen Fragen, die man sich auf diesen Radtouren stellen muss. Alles andere, Gepäcktransport und Unterkünfte, sind bereits bei Buchung des Pakets organisiert.

Mein Herz rutscht in die Radlerhose

Meine Zielsetzung, was den Akku meines E-Bikes betrifft, ist übrigens, mit möglichst voller Ladung das Ende jeder Etappe zu erreichen und abends tatsächlich erschöpft ins Bett zu fallen. Im Turbomodus an blühenden Almwiesen, rauschenden Bächen, weidenden Kühen und romantischen Bauernhäusern vorbeizurasen – pure Vergeudung in meinen Augen. Dafür haben die Kitzbüheler Alpen – dazu zählen die vier Ferienregionen Hohe Salve, Brixental, St. Johann in Tirol und das Pillersee-Tal rund um Kitzbühel mit 20 Orten, die sich ihren ursprünglichen Tiroler Charme bewahrt haben – viel zu viel zu bieten. Egal, ob Wandern, Bergsteigen, Klettersteige, Paragliding oder Radfahren – für sämtliche Outdoor- und Sport-Begeisterte gibt es in dieser Region zahlreiche Möglichkeiten, schöne Aus- und Augenblicke zu genießen.

Stolz, erleichtert und unverletzt erreiche ich das Ende des Wiegalmtrails. Foto: Kathrin Maurer

© Kathrin Maurer

Stolz, erleichtert und unverletzt erreiche ich das Ende des Wiegalmtrails. Foto: Kathrin Maurer

Startpunkt der KAT-Bike-Tour ist in Mariastein. Von dort aus geht es bei der ersten Etappe über Wörgl, Hopfgarten im Brixental zum Glanterer Kogel (1.473 Meter) und übers Windautal zum Ziel im Gasthaus „Steinberg“ in Westendorf.

Die dritte, letzte und längste Etappe führt uns auf rund 68 Kilometern und über 1.270 Höhenmeter von Oberndorf in Tirol nach Fieberbrunn. Doch diese steht uns erst morgen bevor. Eines kann ich schon vorwegnehmen: Für unsere Allerwertesten wird diese Final-Tour zur Tortur.

Doch noch knirscht der Schotter des Wiegalmtrails unter meinen Reifen. Ich kann mir das Kreischen nicht verkneifen, während ich das erste und steilste Stück im Schneckentempo hinter mich bringe. Da ich anfangs viel zu stark in die Eisen greife, rutscht mein Hinterrad immer wieder weg – und mir mein Herz in die Radlerhose.

Nur langsam schaffen es meine Zeige- und Mittelfinger, dem Drang zu bremsen nicht nachzugeben. Doch irgendwann folge ich Sabines Rat. Ich lasse es laufen. Immer lockerer. Immer schneller. Angst weicht Euphorie und Mut. Den Schotter haben wir hinter uns gelassen, weicher Waldboden, mit Schanzen, Stein- und Wurzelpassagen leitet uns nun hinunter auf rund 900 Höhenmeter bei Aschau. Noch ein einziges Mal steige ich an diesem Tag beherzt und stolz in die Eisen – am Ende meiner Trail-Premiere.


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