Auf die Beatmung kommt es an

Baden-Baden (kli) – Was geschieht, wenn es nicht genügend Intensivbetten für schwer kranke Corona-Patienten gibt? Auf Landes- und Bundesebene gibt es Register, in denen freie Kapazitäten vermerkt sind. Doch das System in Deutschland hat Tücken.

Überall im Land – wie hier in Ulm – werden Intensivbetten für Corona-Patienten vorbereitet. Foto: Kästle/dpa

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Überall im Land – wie hier in Ulm – werden Intensivbetten für Corona-Patienten vorbereitet. Foto: Kästle/dpa

Im Klinikum Mittelbaden ist am Donnerstag vorübergehend ein Engpass aufgetreten: Zwei Covid-19-Patienten wurden zur weiteren Beatmung von Baden-Baden-Balg in Krankenhäuser in Offenburg und Karlsruhe gebracht. Gestern früh standen laut Klinikum wieder genügend Kapazitäten zur Verfügung. 13 der 16 für Covid-19-Patienten vorgesehenen Intensivbetten seien belegt gewesen – damit waren drei Plätze frei für Patienten, die neu hinzukommen könnten. Was aber geschieht, wenn die Kapazitäten für Corona-Patienten tatsächlich erschöpft sind?

Wie ist die aktuelle Versorgung mit Intensivbetten in Deutschland? Im europäischen Vergleich ist Deutschland gut aufgestellt (siehe Grafik). In Italien standen zu Beginn der Corona-Krise nur 5000 Intensivbetten zur Verfügung. In Deutschland gibt es 28000 Betten Intensivbetten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) meldete sogar, dass mittlerweile 40000 Betten zur Verfügung stünden. Diese Zahl wird von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) aber nicht bestätigt. Uwe Janssens, DIVI-Präsident, sagte dem BT, ein Großteil der geschaffenen Kapazitäten beruhe nicht auf zusätzlichen Betten. „Die Verfügbarkeit der Intensivbetten wurde dadurch erhöht, dass geplante größere Operationen verschoben wurden und damit die Anzahl der Kapazitäten auf den Intensivstationen erhöht wurde.“ Auch sei noch unklar, wie viele der für die Versorgung schwer kranker Patienten notwendigen Beatmungsgeräte tatsächlich schon verteilt worden seien. Bei der DIVI geht man davon aus, dass maximal 70 Prozent der Intensivbetten Beatmungsgeräte haben.

Wie sieht es in Baden-Württemberg aus? Im Bundesland gab es laut der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) circa 3250 Intensivbetten (Stand 2017). Vor der Corona-Krise gab es dazu etwa 2000 Beatmungsplätze. Diese Zahl sei jetzt auf etwa 2800 aufgestockt worden. „Die Krankenhäuser setzen sich dafür ein, dass die Zahl weiter erhöht werden wird“, sagt der Hauptgeschäftsführer der BWKG, Matthias Einwag. „Voraussetzung für eine weitere Aufstockung der Kapazitäten ist die Lieferung der zusätzlichen Beatmungsgeräte, die von Bund und Land bestellt wurden“, so Einwag. Falls diese geliefert würden, geht Einwag davon aus, dass man in den kommenden Wochen über bis zu 3800 Beatmungsgeräte verfügen könnte.

Auf umliiegende Krankenhäuser ausweichen

Was, wenn die Zahl der Intensivbetten in einer Klinik nicht ausreicht? In der Regel wird zunächst versucht, auf umliegende Krankenhäuser auszuweichen, die noch Kapazitäten frei haben – wie in Baden-Baden geschehen. Regional funktioniert das in der Regel gut. Falls das nicht ausreicht, sind die Krankenhäuser über Register miteinander verbunden. Es gibt Register auf Landes- und auf Bundesebene. In einem sogenannten Rescue Track auf Landesebene melden die baden-württembergischen Krankenhäuser, welche Kapazitäten sie bei Intensivbetten und Beatmungsgeräten haben, welche davon frei und welche belegt sind. Zugriff auf diese Programme haben laut BWKG der Rettungsdienst und die Oberleitstelle des Landes, die beim Landesinnenministerium angesiedelt ist. Bundesweit wird das Intensivregister der DIVI eingesetzt. Auch dorthin melden die registrierten Krankenhäuser täglich, ob sie freie Kapazitäten haben oder nicht.

Sind ausreichend Kapazitäten vorhanden? Offenbar nicht überall. Anfang der Woche startete das Klinikum Esslingen bei Stuttgart einen lauten Hilferuf. Man stoße an die Kapazitätsgrenzen. Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Michael Geißler, wandte sich mit einem Appell an Landes- und Bundesregierung: „Wir brauchen dringend eine Stelle, über die zentral die Verlegung von Patienten aus belasteten Hotspotregionen in andere Landkreise, notfalls auch in andere Bundesländer, die weniger betroffen sind, organisiert wird – etwa über das Bundesgesundheitsministerium, das Robert-Koch-Institut und die zuständigen Länderbehörden“, so Geißler. Er regele Verlegungen zunächst auf kollegialer Ebene. „Man ruft bei Ärzten an, die man kennt und bittet sie um Hilfe“, sagte er den Stuttgarter Nachrichten. „Es kann doch aber nicht sein, dass Notfall- und Intensivmediziner ihren Tag in der aktuellen Situation mit Telefonieren verbringen.“ Vor allem im Osten Deutschlands, aber auch in Hessen, Niedersachsen und sogar in Baden-Württemberg gebe es aktuell noch Kapazitäten. Eine zentrale Stelle „wird in den kommenden Wochen, wenn die Zahl der zu beatmenden Patienten weiter steigen wird, noch an Bedeutung gewinnen“, glaubt Geißler.

Ist die Forderung neu? Nein. Die DIVI fordert schon seit Längerem ein bundeseinheitliches Vorgehen und vor allem die Verpflichtung der Krankenhäuser, ihre Kapazitäten zu melden. Bisher geschieht das nämlich weitgehend auf freiwilliger Basis. Zwar wird den Krankenhäusern dringend empfohlen, ihre Kapazitäten zu melden, aber in Baden-Württemberg gibt es keine Verordnung und damit Verpflichtung dazu. Von den 1160 Intensivstationen in Deutschland haben 975 (Stand Donnerstag) ihre Kapazitäten der DIVI gemeldet, also die allermeisten. DIVI-Chef Janssens forderte gegenüber der Funke Mediengruppe, die Bundesregierung müsse so schnell wie möglich eine zentrale Stelle einrichten, die Patienten bundesweit auf weniger ausgelastete Kliniken verteile.

„Würde nicht funktionieren“

Was ist seitdem geschehen? Wenig. Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf BT-Anfrage mit, Minister Jens Spahn (CDU) habe die Kliniken wiederholt aufgefordert, sich im DIVI-Intensivregister zu melden. Diesem Ruf sei die Mehrzahl der Krankenhäuser gefolgt. „Das Register bietet die Chance, dass sich Krankenhäuser untereinander im Krisenfall helfen und Patienten verlegen, wenn Intensivkapazitäten knapp werden“, so eine Sprecherin Spahns. „Das zentral auf Bundesebene anzuordnen, würde nicht funktionieren.“

Gibt es denkbare Zwischenschritte? BWKG-Chef Einwag bittet zumindest um bürokratische Entlastung. Die Krankenhäuser müssten täglich zwei Programme mit den aktuellen Daten befüllen – das Landes- und das Bundesregister. „Wir wären dankbar, wenn es zwischen den beiden Tools Schnittstellen gäbe, so dass täglich nur eines befüllt werden muss“, fordert Einwag.

Warum geht es nicht voran? Jede Institution verweist auf die Zuständigkeit der anderen. Die DKG betont, es gebe keine speziellen Planungen für den Extremfall, man möge bei der DIVI nachfragen. Ein DKG-Sprecher: „Die DIVI arbeitet daran, die Einträge in allen Registern in den Bundesländern zu bündeln. So könnten bald über das DIVI-Intensivregister auch Krankenhäuser in weit entfernten Regionen den jeweiligen Belegungsstand abfragen.“ Wann das so weit sein wird? Bei der DIVI heißt es, das Register sei jetzt schonsinnvoll. Es sei aber noch keine zentralregulierende Stelle eingerichtet worden. Spahns Ministerium wiederum sagt (siehe oben): Das würde nicht funktionieren. Einstweilen muss man darauf hoffen, dass die Kapazitäten an Betten und Geräten überall im Land hochgefahren werden, damit der Extremfall erst gar nicht eintritt oder die Krankenhäuser sich dann mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten selbst und damit den schwer kranken Patienten helfen können.

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Erstellt:
4. April 2020, 12:58 Uhr
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