Auf eine neue Art und Weise siegen

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Plädoyer für ein Füreinander

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Der Sieg des einen ist die Niederlage des anderen. Gewinnen ist ein anderes Wort für: sich gegen andere durchsetzen. Das gehört zum Spiel dazu. Ein Spiel aber, das unentschieden ausgeht, hat keinen erkennbaren Mehrwert. „Möge der Bessere gewinnen“ meint, dass einer, und nur einer, gewinnen wird. Von Kindheit an lernen wir den Wettbewerb von Sieg und Niederlage. Ist es nicht ein gutes Gefühl, ein Sieger zu sein?

Konkurrenz bestimmt das Leben

Einen Gegner zu bekämpfen, um zu siegen, kommt nicht nur im Spiel vor, sondern ebenso im Alltag, im Geschäftsleben und im zwischenmenschlichen Bereich. Nicht nur Gegnerschaft und Feindschaft bestimmen das Leben, sondern auch Konkurrenz und Konkurrenten.

Das „Spiel“ der Gegnerschaft kann geübt und bis zur Perfektion trainiert werden. Es gibt zwar jene, die sich durchlavieren und einer direkten Konfrontation aus dem Weg gehen, was die Ausnahme ist, aber die Regel bestimmt. Ohne Narrheit gäbe es keine Vernunft, ohne Verlust könnte der Gewinn nicht geschätzt werden.

Das Spiel des Sieges kostet Kraft. Sehr viel Kraft. Und ständig muss damit gerechnet werden, dass jemand den Sieg schmälern will. Das Leben ist nicht gerecht. Einmal Erreichtes lässt sich weder festhalten noch bewahren. Der Barockdichter Andreas Gryphius (1616 bis 1664) schreibt dazu: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. / Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: / Wo jetzt noch Städte stehen, wird eine Wiese sein, / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. / [...] Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. / Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.“

Und doch, obwohl jeder weiß, dass alles enden wird, dass Eitelkeit, Ich- Sucht und Siegeswille nur dazu führen, am Ende einsam und allein dazustehen, empfindet man sich als Ausnahme, die den Regelkanon zu beherrschen vermag mit rhetorischen Hilfsmitteln wie: Angriff ist die beste Verteidigung, jemanden ins Unrecht setzen, ein doppeltes Spiel spielen, auf seinen Vorteil aus sein oder einfach nur betrügen.

Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er sein Leben leben will. Nur: Wenn dieses Spiel von Sieg und Niederlage lange genug gespielt wurde, wenn lange genug auf Kosten anderer, der Natur, der Umwelt oder der Zukunft gewonnen wurde, sollte dann nicht endlich ein neues Spiel in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken? Ist es nicht langweilig, sich immer wieder der gleichen Mechanismen zu bedienen, um für die nächsten Augenblicke die Oberhand zu halten? Geht es im Leben allein darum, zu siegen und zu gewinnen, gleichgültig wie hoch der Preis dafür ist, den ich zu zahlen habe? Wäre es nicht reizvoller und vor allem interessanter, einmal auf eine neue Art und Weise zu siegen?

Angenommen, wir nähmen Rücksicht...

Angenommen, wir fangen von vorne an und erlernen ein Spiel, dass alles berücksichtigt: Mensch Natur, Tier, Umwelt, Religion, Kultur usw. Wir jonglieren, um ein Bild zu wählen, nicht mehr nur mit einem Ball, den wir jemanden an den Kopf werfen können, sondern mit mehreren Bällen. Die Herausforderung besteht darin, alle Bälle in Bewegung zu halten, alle Algorithmen zu berücksichtigen und sämtliche Möglichkeiten so einzubinden, dass sie niemandem zum Nachteil gereichen und noch dazu , dass wir alle gemeinsam dieses Spiel spielen, gleichberechtigt und auf Augenhöhe.

Das neue Spiel wird anspruchsvoller

Die Spielregeln sind einfach, doch ist das neue, umfassende Spiel ungleich anspruchsvoller, komplexer und interessanter. Es fordert den Menschen in seiner Persönlichkeit und löst jenes zweidimensionale alte Duell-Spiel ab, dessen Grenzen von Sieg und Niederlage wir ausreichend ausgelotet haben und dessen Folgen uns allgegenwärtig begegnen. Dieses Spiel basiert darauf, die Kraft, die zuvor gegen andere verwendet wurde, für und mit anderen zu verwenden. Die Spielregeln kennen wir alle. Wird es nicht Zeit, das nächste Level zu betreten und das Spiel des wahren Lebens zu spielen?

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Stuttgart 2000.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über den Augenblick des Lebens.

Ihr Autor

BT-Mitarbeiter Wolfram Frietsch

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Erstellt:
13. Februar 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 05sec

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