Hitziger Streit um Kinderimpfung

Freiburg (kie) – Wegen Corona-Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche werden Ärzte angefeindet. Doch generell wächst der Zuspruch für die Impfung ab zwölf Jahren.

Ohne generelle Empfehlung der Stiko, aber mit Genehmigung der Europäischen Arzneimittelbehörde: Kinder ab zwölf Jahren können geimpft werden. Foto: David Young/dpa

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Ohne generelle Empfehlung der Stiko, aber mit Genehmigung der Europäischen Arzneimittelbehörde: Kinder ab zwölf Jahren können geimpft werden. Foto: David Young/dpa

Roland Freßle weiß inzwischen, was passieren kann, wenn man sich als Arzt für eine Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen ausspricht. Der Vorsitzende des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte war einer der Unterzeichner eines Ärztetagsbeschlusses aus dem Mai, in dem empfohlen wurde, dass zeitnah eine Impfstrategie für Kinder und Jugendliche entwickelt wird.
Hunderte von hasserfüllten Mails und Briefen hat der Freiburger Kinderarzt laut eigenem Bekunden seither erhalten, oftmals wurde er darin beleidigt, teilweise sogar mit dem Tod bedroht. Auch Vergleiche mit dem NS-Arzt Josef Mengele, der menschenverachtende medizinische Experimente durchgeführt hat, fielen, wie Freßle erzählt: „Meine Arzthelferinnen machen die Päckchen inzwischen gar nicht mehr auf, die wir erhalten“, sagt er – und ergänzt: „Die meisten Personen melden sich bei mir, weil sie verunsichert sind und mehr Informationen zur Covid-Impfung erhalten wollen. Aber die Spitze des Eisbergs ist unerträglich.“

So wie Freßle geht es inzwischen vielen Ärzten. Unlängst wurde in Speyer eine unangemeldete Demonstration gegen eine Impfaktion an einer Schule aufgelöst. Ein Mann hatte zuvor erfolglos versucht, gegen die Impfaktion zu klagen, scheiterte jedoch an dem Umstand, dass er laut dem zuständigen Verwaltungsgericht Neustadt überhaupt nicht von der Impfaktion betroffen gewesen sei.

Verschwörungstheoretiker behauptet, Ärzte wollen Impfpflicht

Die Stimmung beim Thema Impfen für Kinder und Jugendliche ist aufgeheizt – und wird in den sogenannten sozialen Medien weiter angefacht. So behauptete der Sinsheimer Arzt und Verschwörungstheoretiker Bodo Schiffmann, der in der Querdenker-Szene gut vernetzt ist und momentan im Verdacht steht, Spenden für die Hochwasser-Opfer veruntreut zu haben, in einem Video auf Facebook, dass der Ärztetag eine Impfpflicht für Kinder und Jugendliche beschlossen habe. Unter dem Hashtag #nichtmeinÄrztetag schlossen sich weitere Mediziner und erboste Eltern der haltlosen Kritik an. „Wir müssen aufpassen, dass die Gesellschaft nicht geteilt wird“, sagt Kinderarzt Freßle. In dem Ärztetagsbeschluss, der nun Impfgegnern als Beweis einer heimlich eingeführten Impfpflicht dient, heißt es unter anderem, dass die Forschung zu Impfstoffen für Kinder und Jugendliche gefördert, und hinreichend adäquater Impfstoff bereitgestellt werden soll. „Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder, führt ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die kindliche psychische Entwicklung“, wird begründet.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vorerst keine generelle Impfempfehlung für Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen, sondern empfiehlt Impfungen nur bei bestimmten Vorerkrankungen, die zu einem schweren Corona-Verlauf führen könnten. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hingegen hat den Impfstoff ab zwölf Jahren zugelassen, für Kinder unter zwölf gibt es noch keine Genehmigung.

Auch als individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärzten sind Corona-Impfungen ab zwölf Jahren möglich. Freßle nennt etwa Kinder, die in engem Kontakt mit Personen stehen, die aufgrund einer Erkrankung nicht geimpft werden können. Man müsse im Gespräch mit Eltern und Kindern Vor- und Nachteile einer Corona-Impfung aufzeigen, sagt er.

Soweit man bisher weiß, verlaufe eine Erkrankung für Kinder meist ungefährlich, jedoch gebe es einzelne Fälle von Corona-Spätfolgen wie das PIMS-Syndrom, Long-Covid oder Herzmuskelentzündungen – letztere insbesondere bei Jungen. Da es den entsprechenden Corona-Impfstoff noch nicht lange gibt, gehe man mit einer Impfung auch ein gewisses Risiko ein, was die Langzeitfolgen betreffe, so Freßle.

Urlaub wichtiger als mögliche Folgen?

Wer jetzt etwa Kinder wegen einem bequemeren Urlaubsablauf impfen lassen möchte, müsse eben auch vom Arzt über mögliche Nachteile aufgeklärt werden. „Es ist immer eine Abwägung: Ist es mir wichtiger, in den Urlaub zu fahren, oder sind mögliche Nebenwirkungen, die man noch nicht kennt, ein Hinderungsgrund?“, so Freßle. So habe sich etwa bei der Schweinegrippe-Impfung erst nach einiger Zeit gezeigt, dass sie Narkolepsie auslösen kann.

Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage stehen mehr Menschen der Impfung von Kindern und Jugendlichen offen gegenüber: 37 Prozent der Befragten sind skeptisch (Ende Mai: 44 Prozent), 46 Prozent sind nicht skeptisch (Ende Mai: 43 Prozent). Laut der Umfrage sehen vor allem AfD-Wähler die Impfung von Kindern und Jugendlichen kritisch.


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