Auflösungsprozess nimmt Fahrt auf

Murgtal (stj) – Im Auftrag des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal (WVV) werden aktuell Angebote für eine externe Begleitung für den möglichen Auflösungsprozess eingeholt.

Die Ersatzwasserleitung für den zentralen Gernsbacher Hochbehälter auf dem Galgenbusch kann voraussichtlich ab Spätsommer 2021 in Betrieb genommen werden. Foto: Veronika Gareus-Kugel

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Die Ersatzwasserleitung für den zentralen Gernsbacher Hochbehälter auf dem Galgenbusch kann voraussichtlich ab Spätsommer 2021 in Betrieb genommen werden. Foto: Veronika Gareus-Kugel

Die Verbandsmitglieder werden die Angebote sichten und voraussichtlich auch das Strukturgutachten aus dem Jahr 2016 überarbeiten lassen, informiert der Vorsitzende Bürgermeister Julian Christ auf BT-Anfrage: Der weitere Prozess werde sich „sicher bis mindestens Ende 2021 erstrecken. „Denn eine mögliche Entscheidung für die Auflösung des Verbandes muss im Einvernehmen mit allen Beteiligten, den Gemeinderäten sowie insbesondere den Behörden in Ruhe beraten werden, was auch gutachterliche Stellungnahmen erfordert. Denn oberste Priorität haben die Versorgungssicherheit und die Preisgestaltung für unsere Verbraucher.“ Diese müssen sich wohl auf spürbar steigende Preise einstellen. Rund 23.000 Bürger in Gernsbach, Kuppenheim, Selbach und Förch werden über den WVV mit Trinkwasser versorgt.

Mit einem Sachstandsbericht können die WVV-Mitglieder bei der nächsten öffentlichen Verbandssitzung rechnen, die im Dezember oder Anfang des neuen Jahres erfolgen soll. Dann wird wohl insbesondere Kuppenheims Bürgermeister Karsten Mußler auf eine transparente Darstellung der Situation pochen. In der Knöpflestadt wird zum 1. Januar 2021 der Wasserpreis um netto neun Cent (von 1,61 auf 1,70 Euro pro Kubikmeter) steigen; auch der Zählermesspreis (der monatliche Fixpreis für den Wasserzähler) erhöht sich von 4,10 auf 6,77 Euro. Zusammen bedeutet das für einen Vier-Personen-Haushalt eine monatliche Mehrbelastung von vier Euro (brutto), rechnet Mußler im BT-Gespräch vor und nennt die Ursache für den Preisanstieg: Die seit eineinhalb Jahren erforderliche Ersatzwasserversorgung über die Stadtwerke Gaggenau.

In Kuppenheim steigt der Wasserpreis zum 1. Januar 2021

Der Wasserbezug über das Netz der Großen Kreisstadt ist erforderlich, um die PFC-Werte des Verbandswassers einzuhalten. Das kostet den WVV aber kontinuierlich Geld. Geld, das Mußler lieber in verbandseigene, zukunftssichere Lösungen investieren würde. Etwa in den vom Verband bereits beschlossenen Bau einer weiteren Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch. Diesen hatte der Kuppenheimer Rathauschef bereits in der jüngsten WVV-Versammlung im Sommer angemahnt, geschehen ist bisher allerdings nichts.

Es gibt bereits ausschreibungsreife Planungen für den Bau dieser Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch und der Bau der Aktivkohlefilter wurde im Dezember 2019 für die Rohwasseraufbereitung wie auch für die Konzentrat-Ableitung beschlossen; entsprechende Mittel wurden im Wirtschaftsplan 2020 eingestellt, blickt Verbandsvorsitzender Christ zurück. Allerdings mache sich der WVV Gedanken im Hinblick auf seine zukünftige Entwicklung. Hier gebe es verschiedene untersuchte Szenarien. Im Hinblick darauf hat die Verbandsversammlung in ihrer Sitzung am 6. Dezember 2019 mehrheitlich beschlossen, dass alle Investitionen auf das Notwendige beschränkt werden. „Aus diesen Gründen wurde auch der Bau der beschlossenen Filtrationsanlage zurückgestellt, um für die zukünftige Entwicklung des Verbandes alle Optionen offen zu haben“, erläutert der Gernsbacher Bürgermeister weiter.

Sein Kuppenheimer Amtskollege hingegen spricht davon, dass man gerade bei den Stadtwerken Gaggenau wenig Anlass sehe, diesbezüglich auf die Tube zu drücken, schließlich erziele man durch die Belieferung der Städte Kuppenheim und Gernsbach zusätzliche Erlöse in Höhe von circa 1,3 Millionen Euro im Jahr. Schon bei der jüngsten Verbandsversammlung hatte Stadtwerke-Chef Paul Schreiner betont, der WVV müsse gar keine weiteren Anlagen bauen, um die Wasserqualität aufrechtzuerhalten. Das zeige die aktuelle Situation. Seit dem 1. Januar 2020 liegt die Verantwortung für das operative Geschäft des WVV bei den Stadtwerken Gaggenau.

Notfall-Lieferung wird Vollversorgung

Mit eben diesen hat der WVV für den Notfall (zum Beispiel Rohrbrüche) bereits 2018 einen Ersatzwasserversorgungsvertrag geschlossen. Durch die kurzfristige Absenkung der PFC-Werte Ende 2019 ist der Verband seither gezwungen, dieses Versorgungsangebot in Anspruch zu nehmen. „Dies führt zu deutlichen Mehrkosten, da der Vertrag und die darin verhandelten Wasserentgelte für eine kurzfristige Notfall-Lieferung gedacht waren und nicht für die nun tatsächliche Vollversorgung“, erläutert Christ. Die Folgen für die Wasserverbraucher ließen sich noch nicht exakt beziffern, da Gernsbach und Gaggenau derzeit in Gesprächen für einen angemessenen Preis stehen: Die aufgrund behördlicher Vorgaben entstandene Situation dürfe sich laut Christ „nicht in unangemessen hohen Preisen für unsere Gernsbacher Verbraucher niederschlagen, weswegen wir auf den Dialog mit Gaggenau setzen“.

Neue Erkenntnisse zur Cybersicherheit beim Betrieb von Wasserversorgungsunternehmen und notwendige technische Änderungen sorgen dafür, dass die noch im Bau befindliche Ersatzwasserversorgungsleitung für Gernsbach teurer wird. Außerdem zieht sich die Fertigstellung des Projekts in die Länge: Sollte eigentlich schon diesen Herbst die Inbetriebnahme erfolgen, lautet die Vorhersage des WVV jetzt Spätsommer 2021. „Wir arbeiten unter Hochdruck an einer zügigen Realisierung dieser für Gernsbach wichtigen Leitung“, versichert der Verbandsvorsitzende. Die Verlegung der rund 2,2 Kilometer langen Leitung vom Kuppelsteinbad zum zentralen Hochbehälter auf dem Galgenbusch und der Tiefbau seien soweit fertiggestellt – mit Ausnahme eines kleinen Anschlussstücks unter der B462. Dieser Teil des Verfahrens sowie die Maschinen- und die Elektrische Mess-, Steuer- und Regelungstechnik sollen in Kürze vergeben werden.

Bodenaushub mit Schadstoffen belastet

In der Detailplanung haben sich einer Mitteilung des WVV zufolge notwendige technische Änderungen ergeben, die es erforderlich machten, die Planungen für die Steuerungs- und Regelungstechnik zu überarbeiten. Coronabedingt habe es sowohl bei der Baustelle als auch bei der Erstellung der Ausschreibungsunterlagen für den jetzt zur Vergabe anstehenden Teil Verzögerungen gegeben. Hinzu kam, dass der Bodenaushub abweichend von den Annahmen in der Ausschreibung mit Schadstoffen belastet (Z 2) war, sodass für die Entsorgung deutlich höhere Kosten entstanden sind.

Im Wirtschaftsplan 2020 des WVV waren für die Ersatzwasserversorgung Gernsbach Kosten von 1,66 Millionen Euro veranschlagt. Jetzt geht man laut Verbandsvorsitzendem Christ von rund zwei Millionen Euro Gesamtkosten aus.


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