Auftakt zur Schach-WM

Dubai (ham) – Magnus Carlsen hat nur ein Ziel: die Titelverteidigung. Doch ab Freitag duelliert sich der norwegische Superstar ausgerechnet mit seinem Angstgegner Jan Nepomnjaschtschi.

Hat als einziger Weltklassespieler eine positive Bilanz gegen Titelverteidiger Carlsen: Jan Nepomnjaschtschi. Foto: Hartmut Metz

© ham

Hat als einziger Weltklassespieler eine positive Bilanz gegen Titelverteidiger Carlsen: Jan Nepomnjaschtschi. Foto: Hartmut Metz

Für Fußball findet Magnus Carlsen immer Zeit: Sei es zur eigenen körperlichen Ertüchtigung vor der anstehenden Schach-WM, die am Mittwoch mit der Pressekonferenz und am Freitag mit dem ersten Zug in Dubai beginnt, oder zum Zuschauen. Am Rande des Champions-League-Spiels zwischen Borussia Dortmund und Ajax Amsterdam traf der begeisterte Fußball-Fan seinen norwegischen Landsmann Erling Haaland. Der verletzte Stürmerstar des BVB überreichte dem Schach-Ass ein schwarz-gelbes Trikot mit dessen Namenszug und der Nummer 09 darauf. Das Foto postete Carlsen, der ein Wikinger-Schach als Präsent mitbrachte, noch in der Nacht bei Twitter und schrieb dazu: „In der Halbzeit als alles noch gut war.“

Ob bei dem 30-Jährigen Mitte Dezember „noch alles gut ist“, scheint so ungewiss wie lange nicht mehr – ungeachtet aller Rekorde, die das einstige Wunderkind aufstellte: Seit mehr als zehn Jahren führt Carlsen ununterbrochen die Weltrangliste an, sorgte für Weltrekorde mit seiner Elo-Ratingzahl und blieb vor Corona in 125 Partien ungeschlagen. Nun will ihn ein Russe vom Schach-Thron stoßen, der ihm ausgerechnet 2013 als Sekundant half, diesen zu besteigen.

„Nepo“ glänzt beim Kandidatenturnier

Obwohl sein ehemaliger Steigbügelhalter Jan Nepomnjaschtschi keine so strahlende Vita wie der Weltmeister vorweisen kann und „nur“ Platz fünf in der Weltrangliste einnimmt, trauen ihm viele Experten den Sieg während der Expo in Dubai zu. „Nepo“, wie alle den Zungenbrecher-Namen abkürzen, gewann nicht nur überzeugend im März das Kandidatenturnier mit 8,5:5,5 Punkten vor dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (8:6).

Der neue Herausforderer ist vor allem der einzige Großmeister in der Weltspitze, der in klassischen Turnierpartien eine positive Bilanz gegen Carlsen aufweist. Der 31-Jährige profitierte noch mehr als Carlsen von der Zusammenarbeit vor acht Jahren. So erstarrt er nie wie das Kaninchen vor der norwegischen Schlange, sondern schlug laut Wikipedia den nahezu gleichaltrigen Kontrahenten gleich viermal in elf Partien. Nur eine konnte der Weltmeister für sich entscheiden, sechs endeten friedlich.

Norwegischer Superstar – und Dortmunds Erling Haaland (rechts): Magnus Carlsen als Fußball-Fan. Foto: Henrik Carlsen

© pr

Norwegischer Superstar – und Dortmunds Erling Haaland (rechts): Magnus Carlsen als Fußball-Fan. Foto: Henrik Carlsen

Nachdem sich die beiden letzten Weltmeisterschaften 2016 und 2018 als farblose Remis-Orgien entpuppten, ehe sich Carlsen sowohl gegen Sergej Karjakin (Russland) als auch Fabiano Caruana (USA) im Tiebreak auf seine Schnellschach-Künste verlassen konnte, erhöhte der Schach-Weltverband FIDE die Zahl der Partien von zwölf auf 14, um die Risikobereitschaft zu erhöhen. Für den Weltranglistensiebten Alexander Gritschuk macht dies indes „keinen großen Unterschied“. Im Ringen um die 1,2 Millionen Dollar Preisgeld für den Sieger erwartet der Russe jedoch einen „offenen Kampf, mit Carlsen als leichtem Favoriten“. Sein Landsmann sei aber ein „unangenehmer Gegner für Carlsen“, unterstreicht Gritschuk.

Der größte Trumpf von Nepomnjaschtschi ist seine Partieanlage. Sein Spiel wirkt nicht so kristallklar wie jenes von Carlsen, eher ist es manchmal so verwirrend wie sein Nachname für westliche Zungen. Weil der Weltmeister nicht alles so präzise vorausberechnen kann wie sonst, glaubt er, dass es im Dubai Exhibition Centre mehr „ein Auf und Ab gibt als eine ausremisierte Schlacht wie die zwei letzten Weltmeisterschaften. Das ist meine Hoffnung und mein Glauben“, sagte Carlsen gegenüber der Plattform „Chess24.com“, an der er über seine Firma Play Magnus beteiligt ist.

Eröffnungstheorie steht im Mittelpunkt

Entsprechend akribisch bereitete sich der Norweger im Trainingslager im spanischen Cadiz vor. „Die Eröffnungstheorie und seine körperliche Fitness“ standen dabei wie immer im Mittelpunkt, erzählte Carlsen. An seiner Physis arbeitete auch sein Angstgegner. Der einst etwas pummelig wirkende „Nepo“ nahm „an die zehn Kilogramm“ ab, gestand er im Interview mit dem russischen Match TV, obwohl die früheren sowjetischen Weltmeister „Tigran Petrosjan und Boris Spasski einst empfahlen, vor schweren Zweikämpfen etwas an Gewicht zuzulegen“. Nervennahrung auf den Rippen braucht der Enkel eines bekannten Lyrikers aus der 380 Kilometer von Moskau entfernten Großstadt Brjansk jedoch keine. Seine Nervosität lege sich stets nach den ersten Zügen auf dem Brett, betonte der Großmeister ungeachtet des Blicks auf sein bisher größtes Preisgeld. Der Gesamtpreisfonds von zwei Millionen Dollar plagt Nepomnjaschtschi weit weniger als der Titel: „Auch wenn das viel Geld ist, zählt das Endresultat mehr!“

Ungeachtet aller sportlicher Rivalität, hätte Carlsen sicher nichts dagegen, wenn sich zumindest ein Wunsch seines ehemaligen Helfers erfüllt: Welchen Prominenten, die in Dubai die Partien mit dem ersten Zug eröffnen, würde sich Nepomnjaschtschi besonders wünschen? „Messi!“, sagte der Russe und dürfte sich mit dem Norweger diesbezüglich einig sein. Trotz Haaland.

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

Zum Artikel

Erstellt:
23. November 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.