„Aus Kreidezeit heraustreten und Lernen neu denken“

Rastatt (BT) – Steffen Guschmann, Mitglied der Rastatter Häusler KG, hat einen großen Onlinekongress zum digitalen Lernen organisiert. Im BT-Interview berichtet er über die Zukunft der Bildung.

Das digitale Lernen der Zukunft beginnt schon in der Grundschule, davon sind die Macher des Kongresses überzeugt. Foto: pr

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Das digitale Lernen der Zukunft beginnt schon in der Grundschule, davon sind die Macher des Kongresses überzeugt. Foto: pr

2.000 Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem nahen Ausland sind bereits für den Online-Fachkongress „#ZukunftLernen“ angemeldet, der am Mittwoch startet. Veranstaltet wird er vom Netzwerk Digitale Bildung zusammen mit anderen Partnern. Federführend verantwortlich für den Kongress ist Steffen Guschmann, Projektleiter des Netzwerks und Mitglied der Geschäftsleitung der Häusler KG mit Sitz in Rastatt. Diese hat in den vergangenen Jahren viele Schulen in der Region digitalisiert. Guschmann kennt sich also bestens damit aus, digitale Klassenzimmer auszustatten. BT-Redakteurin Yvonne Hauptmann hat dem Fachmann einige Fragen gestellt.

BT: Herr Guschmann, Sie sind als Projektleiter des Netzwerks Digitale Bildung auch verantwortlich für den bisher größten Online-Fachkongress in Deutschland, der sich mit dem Thema „Die Zukunft des Lernens und Lehrens“ beschäftigt. Wo liegt Ihres Erachtens diese Zukunft?
Steffen Guschmann: Bildung legt die Basis für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung sowie für digitale Souveränität. Allein deshalb ist digitale Bildung längst von einem Kann zu einem Muss geworden. Spätestens in der Pandemie sind die Versäumnisse in den Schulen, der Ausstattung und der digitalen Befähigung der Lehrkräfte deutlich zutage getreten. Aus dem Kreidezeitalter herauszutreten, um Schule und Lernen neu zu denken ist jetzt möglich. Nachhaltige Impulse erzeugt man dabei, indem Lernen und Lehren nicht mehr auf einen physischen Raum begrenzt wird. Die Schule von morgen stellt die Schüler und Lehrkräfte in den Mittelpunkt und gibt ihnen Inspiration, Impulse und praktische Hilfestellungen im Digitalen.

BT: Hat die Corona-Krise dem Thema neuen Aufwind gebracht?
Guschmann: Die Corona-Pandemie hat bei vielen Lehrkräften zu sicherlich mehr Routine im Umgang mit Standard-IT-Ausstattung gesorgt. Außerdem ist die digitale Ausstattung der Schulen als Priorität von öffentlichen Verwaltungen in den Vordergrund gerückt. Aber eine Weiterentwicklung im Schulsystem hin zu einem pädagogisch noch vielfältigeren Unterricht unter Verwendung digitaler Werkzeuge hat nicht stattgefunden, die wurde durch die Pandemie leider eher ausgebremst. Einfach deshalb, weil in der akuten Notsituation der Pandemie alle Kräfte darauf gerichtet wurden den Schulbetrieb via Fernunterricht in einem Minimalumfang aufrecht zu erhalten. Aber es wäre wichtig, die Begeisterung für Neues jetzt in konkrete und konstante Pädagogik umzusetzen.

Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

BT: Woran mangelt es noch in vielen deutschen Schulen?
Guschmann: Unseren Schulen fällt es schwer, sich bei der digitalen Ausstattung auf Standards einzulassen. Es wird nahezu an jeder Schule mit der jeweils vorhandenen Erfahrung und Fachkompetenz neu diskutiert, was an digitaler Grundausstattung wie W-LAN, Schulorganisationssoftware oder digitalen Bildungslösungen angeschafft werden soll. Ich denke, hier täte es gut, einheitliche Ausstattungsstandards für ein ganzes Bundesland durchzusetzen. Dann ist an jeder Schule immer noch genug Spielraum für individuelle Anpassungen.

Dann würde sich der Fokus in den Schulen mehr darauf richten, welche Form von zeitgemäßem Unterricht im jeweiligen Klassenzimmer und darüber hinaus stattfinden soll. Man darf sich nicht bei der Technik allein aufhalten, es geht ja eigentlich um Kompetenzvermittlung und Lernen.

BT: Inwiefern kann der Online-Fachkongress diesen Mangel beheben und an wen richtet er sich?
Guschmann: Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Um unser Bildungssystem weiterzuentwickeln, brauchen wir gemeinsame Zielvorstellungen. Dabei müssen alle Akteure an einem Strang ziehen: Politik, Schulträger, Schulen, Unternehmen, Lehrende, Lernende und Eltern. Deshalb werden diese Themen bei unserem Digitalkongress vielstimmig und aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet und diskutiert – unter anderem mit dem Deutschen Lehrerverband. Wer reinschauen und sich informieren möchte, findet alle Informationen unter www.zukunftlernen.com.

Steffen Guschmann. Foto: pr

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Steffen Guschmann. Foto: pr

BT: Stichwort: Finanzierung. An vielen Schulen ist der Wille da, es mangelt aber an den nötigen Finanzmitteln. Wie könnte hier Abhilfe geschaffen werden?
Guschmann: Tatsächlich stehen bereits erhebliche Mittel zur Verfügung, zum einen aus dem aktuellen Digitalpakt Schule zum anderen aus den kommunalen Haushalten. Hier muss es den öffentlichen Verwaltungen und den Schulen leichter gemacht werden, ihre Planung schneller und einfacher umzusetzen. Der Aufwand für den Abruf dieser Mittel ist nach meiner Beobachtung deutlich zu hoch. Finanzielle Mittel müssten dauerhaft und in Größenordnungen zur Verfügung gestellt werden, die sich am tatsächlichen Bedarf der Schulen orientieren. Und diese Mittel sollten den Schulen dann einfach und schnell zufließen. Hier sehe ich die Politik in der Bringschuld.

Unterricht individueller gestalten

BT: Wie könnte sich das Lernen idealerweise in den kommenden 15 bis 20 Jahren verändern?
Guschmann: Ich könnte mir vorstellen, dass Unterricht noch mehr fächerübergreifend stattfindet, das heißt, dass größere Themenkomplexe in vielen Fächern zur selben Zeit bearbeitet werden. So können den Schülern Zusammenhänge verständlich gemacht werden und dabei eine Vielzahl von Kompetenzen und Fähigkeiten über das Fachwissen hinaus vermittelt werden. Unterricht muss noch individueller und auf den jeweiligen Schüler, seine Talente abgestimmt stattfinden. Und es wäre sinnvoll, dass zielgerichtet eine Vielzahl intelligenter, digitaler Systeme zum Einsatz kommen, um Schüler im Lehr- und Lernprozess individuell abgestimmt zu begleiten und darüber hinaus die Lehrkräfte zu entlasten. Bloße Wissensanhäufung ist nicht mehr gefragt in der digitalen Zukunft.

BT: Was ist Ihr persönlicher Antrieb, sich für dieses Thema zu engagieren?
Guschmann: Als Vater von mehreren Kindern wünsche ich mir natürlich ein Bildungssystem, das unsere Kinder befähigt, sich der Zukunft nicht nur anzupassen, sondern sie vielmehr aktiv zu gestalten. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass da in den letzten 30 Jahre, seitdem ich die allgemeinbildende Schule verlassen habe, nicht die ganz großen Entwicklungssprünge zu sehen waren. Ganz im Gegensatz zu Wirtschaft, Wissenschaft und der Gesellschaft insgesamt, die sich im Zuge rasant fortschreitenden Digitalisierung seit Jahrzehnten in einem einschneidenden Wandel befindet. Und ich glaube, das können wir alle miteinander noch deutlich besser hinbekommen.

BT: Wie geht es nach dem Kongress weiter, haben Sie schon neue Projekte geplant?
Guschmann: Wir haben im Netzwerk Digitale Bildung viel vor. Die Erkenntnisse unseres Digitalkongresses werden gemeinschaftlich in einem Kompendium zusammengefasst, das allen Interessierten ab Anfang 2022 über www.zukunftlernen.com kostenlos zur Verfügung steht. Darüber hinaus denken wir über weitere digitale Austausch- und Veranstaltungsformate nach.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Yvonne Hauptmann

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Erstellt:
10. November 2021, 17:10 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 00sec

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