Aus Liebe zum weißen Gold

Karlsruhe (BNN) – Bald 70 Jahre verwahrt das Museum im Karlsruher Schloss eine Porzellansammlung, die von den Nazis geraubt wurde. Jetzt hat das Land dafür viel Geld in die Hand genommen.

Endlich offiziell: Kostbare Objekte wie zum Beispiel die kleine Kanne vorne in Form eines Pfirsichs nach chinesischem Vorbild (um 1723) bleiben nun dauerhaft in Karlsruhe. Katharina Siefert (links) und zuvor Irmela Franzke (rechts) waren der Herkunft des von Nazis geraubten Porzellans nachgegangen. Foto: Uli Deck/Artis

© ARTIS - Uli Deck

Endlich offiziell: Kostbare Objekte wie zum Beispiel die kleine Kanne vorne in Form eines Pfirsichs nach chinesischem Vorbild (um 1723) bleiben nun dauerhaft in Karlsruhe. Katharina Siefert (links) und zuvor Irmela Franzke (rechts) waren der Herkunft des von Nazis geraubten Porzellans nachgegangen. Foto: Uli Deck/Artis

Es ist ein Wunder, dass sie noch zusammen sind: das Paar, das sich küsst, dazu die Frau, die Wein verkauft, der Mann, der ins Horn bläst und der schneeweiße Pudel – nach rund 250 Jahren der einzige verbliebene seiner Art aus Nymphenburg. Und mit ihnen ein vierhundertfaches Mehr. Sie sind klein, filigran, kostbar und vor allem: sehr, sehr zerbrechlich. Im Badischen Landesmuseum sind sie bestens behütet. Der Haken: Sie waren gestohlen – von den Nazis. Jetzt schließt sich der Kreis und alles hat seine Ordnung.

Sammlung von Ernst Gallinek ist seit bald 70 Jahren im Karlsruher Schloss

Bald 70 Jahre verwahrt das Badische Landesmuseum eine Porzellansammlung, die ihm die längste Zeit nicht gehörte. Die Nationalsozialisten hatten sie aus dem Nachlass des jüdischen Geologen Ernst Gallinek geraubt. Erst um die Jahrtausendwende wurde der damaligen Pressesprecherin Irmela Franzke in ihrer Neugierde auf die Herkunft der Kostbarkeiten das Unrecht bewusst: „Das hat das Museum nie selbst gekauft“, erinnert sie sich an die Erkenntnis, die spät kam: im Jahr 2003. Sie ging der Sache nach und stieß über Verkaufsdaten von Auktionen der Zwischenkriegszeit auf den Namen Gallinek.

Vor zwei Jahren gab das Museum die 400 Objekte an die Erben zurück

So begannen aufwändige Recherchen. Katharina Siefert vom BLM-Referat Dokumentation übernahm. Heute ist sie am Haus die eigens für solche Fälle beauftragte Provenienzforscherin. Vor zwei Jahren schließlich gab das Museum die weit über 400 wertvollen Objekte an die rechtmäßigen Erben zurück. Zunächst auf dem Papier.

Die Sammlung des 1865 in Breslau geborenen und 1940 in Baden-Baden verstorbenen jüdischen Kunstsammlers stammt aus den berühmtesten Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts und ist ein seltenes Zeugnis der Tätigkeit von privaten Sammlern der Zwischenkriegszeit. Auch Geschirr, Vasen und Tapisserien gehören zu dem unrechtmäßig entzogenen Erbe, das seit 1953 im Karlsruher Schloss treuhänderisch verwaltet wurde. Noch etwas macht die Sammlung so besonders: Sie ist möglicherweise die einzige, die komplett erhalten ist.

Ernst Gallinek hatte ein Gespür für das exotische Material, das sogenannte weiße Gold. Wie keine andere Sammlung illustriert die seine beispielhaft die Kulturgeschichte im Absolutismus oder im Biedermeier. Manche der Objekte europäischer und ostasiatischer Herkunft stammen sogar noch von August dem Starken (1670 bis 1733). Deshalb war das Karlsruher Schloss sehr daran interessiert, die Sammlung zu behalten. Gerade der Bestand an Meißner Porzellan ist im BLM im Wesentlichen durch die Sammlung Gallinek abgedeckt. Das viele weiße Gold blieb als Dauerleihgabe im Museum.

Land und Kulturstiftung haben die Sammlung für 1,8 Millionen Euro gekauft

Jetzt ist viel Geld geflossen: Das Land Baden-Württemberg hat die Sammlung Gallinek von den Erben gekauft und somit dauerhaft für das Badische Landesmuseum gesichert. 1,5 Millionen Euro war es der landeseigenen Museumsstiftung Baden-Württemberg wert, und weitere 300.000 Euro hat die Kulturstiftung der Länder beigesteuert. Denn es geht dabei nicht nur um die Möglichkeit, ein wichtiges kulturelles Erbe weiter der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es geht auch darum, die Geschichte NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunst und die Rolle der deutschen Behörden und Museen zu erzählen, die daran aktiv beteiligt waren. Mehr noch als 466 erlesene Objekte zeigt dieser Fall beispielhaft den einst sträflichen und daher heute oftmals komplizierten Umgang mit NS-Raubkunst. Die Wege sind verschlungen und oft undokumentiert.

Nachdem die Provenienzforscherinnen die Objekte als NS-Raubgut identifizierten, stellten sie die Sammlung im Januar 2008 in der Datenbank für durch die Nazis verursachte Kulturgutverluste ein, dem sogenannten Lost-Art-Register in Magdeburg. Der Stein kam ins Rollen. Mehrere Anspruchsteller hatten sich gemeldet. Zu klären, wer rechtmäßiger Erbe ist, war jedoch kompliziert.

Gallinek hatte sein Testament nämlich geändert, nachdem sein Neffe zur Nazi-Zeit in die USA emigriert war. Der Sammler musste fürchten, dass Nazi-Deutschland seinem Alleinerben die kostbaren Güter nie aushändigen würde. Deshalb benannte er in einem Zusatz seine Schwester und im Fall ihres Todes als Ersatzerbin die jüdische Gemeinde in Baden-Baden. Obwohl die Schwester wie auch der Neffe inzwischen verstorben waren, entschied das Oberlandesgericht (OLG) in Karlsruhe im Jahr 2019 zugunsten der Erben aus dem familiären Umfeld Gallineks in den USA. Es „ist davon auszugehen, dass der Erblasser den Nachtrag nicht verfasst hätte, wenn er gewusst hätte, dass diese diskriminierenden Regelungen wenige Jahre nach seinem Tod durch den Zusammenbruch des NS-Regimes hinfällig wurden“, so das OLG.

Präsentation als Zeichen für politischen Willen

Als Datum für die Präsentation seines neu erworbenen alten Schatzes wählte das Museum den Internationalen Tag der Provenienzforschung. Um ein Zeichen zu setzen und „an den Sammler und an das ihm und seiner Familie angetane Unrecht zu erinnern“, so Staatssekretärin Petra Olschowski bei einer Pressekonferenz. „Provenienzforschung ist eine kulturpolitische Aufgabe von höchster Priorität. Wir müssen weiter in hohem Tempo aufarbeiten.“ Und auch der Anwalt der Erben Gallineks, Markus Stötzel, betont: „Es geht um moralische Wiedergutmachung.“

Das Paar, der Pudel und alle Objekte lassen sich sogar aus der Ferne in aller Nähe studieren. Um die Geschichte der Sammlung Gallinek auch in die Zukunft transparent darzustellen, sind ab sofort alle Objekte in einer digitalen Datenbank zugänglich.


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