Ausbildung: Viel mehr freie Plätze als Bewerber

Baden-Baden/Karlsruhe/Stuttgart (tas) – Die Chancen für Schulabgänger, einen freien Ausbildungsplatz zu finden, waren selten größer als aktuell. Auf 100 Bewerber kommen derzeit 144 offene Lehrstellen.

Eine Auszubildende überprüft ein Werkstück: Die Ausbildungslücke hat sich zuletzt weiter vergrößert: Es gibt mehr freie Plätze als Bewerber.Foto: Marcus Brandt/dpa

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Eine Auszubildende überprüft ein Werkstück: Die Ausbildungslücke hat sich zuletzt weiter vergrößert: Es gibt mehr freie Plätze als Bewerber.Foto: Marcus Brandt/dpa

Weniger gemeldete Ausbildungsplätze, aber auch weniger Bewerber: Angesichts des Dauerproblems Fachkräftemangel will man die schwierigen Entwicklungen des Ausbildungsjahres 2020 in diesem Jahr möglichst vermeiden. „Wir wollen verhindern, dass die Zahl der Neuverträge weiter abnimmt“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU)

Sie traf sich am Montag mit Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite, der Arbeitsvermittlung und des Kultusministeriums zu einem Spitzengespräch, um die Ausbildungssituation im Land zu analysieren und dem aktuellen Trend mit einer Imagekampagne entgegenzusteuern. Laut der Kammerstatistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) wurden im vergangenen Ausbildungsjahr knapp 66.500 neue Ausbildungsverträge im Südwesten geschlossen – bei mehr als 77.500 gemeldeten Plätzen (Stichtag 30. September). Ein Jahr zuvor waren es noch rund 74.000 neue Lehrverträge bei knapp 83.000 freien Plätzen.

„Stattdessen lieber weiter zur Schule“


Die Ausbildungslücke hat sich trotz des Konjunktureinbruchs im Corona-Jahr also vergrößert und wächst weiter an. Landesweit kommen auf 100 Bewerberinnen und Bewerber aktuell 144 freie Ausbildungsstellen (Stand Mitte Juni). Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 100 zu 134. „Wir vermuten, dass viele Jugendliche erst einmal abwarten wollen. Sie bleiben zu Hause bei den Eltern, jobben, um ihr erstes Geld zu verdienen, oder bleiben an den Schulen, um ihre schulischen Qualifikationen zu verbessern“, sagt Hoffmeister-Kraut.

Diese Erfahrungen machen auch die Betriebe in der Region Mittelbaden. „Die Rückmeldungen, die wir immer wieder erhalten, zeigen: Aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind viele Jugendliche verunsichert, haben Vorbehalte eine duale Ausbildung zu beginnen und gehen stattdessen lieber weiter zur Schule oder beginnen ein Studium“, sagt Jörn Pelzer, der sich bei der IHK Karlsruhe als Sprecher um den Bereich Aus- und Weiterbildung kümmert.

Aktuell sind im IHK-Bezirk für den Ausbildungsbeginn in diesem Jahr noch 610 Ausbildungsplätze unbesetzt, für kommendes Jahr zeigt die Stellenbörse mehr als 400 freie Ausbildungsplätze. Und bei der Handwerkskammer Karlsruhe gibt es insgesamt mehr als 360 freie Ausbildungsplätze für 2021 und 2022.

Dass die Ausbildungslücke zuletzt größer wurde, liegt aber auch an den weggefallenen Kontaktmöglichkeiten in der Pandemie. „Fehlender Berufsorientierungsunterricht in den Schulen, ausfallende Ausbildungsmessen und Betriebspraktika stehen und standen einer fundierten Berufswahl und dem Abschluss weiterer Ausbildungsverträge ebenfalls im Weg“, sagt Pelzer. „Der persönliche, direkte Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern, Jugendlichen und Ausbildungsinteressierten generell ist im Zuge der Corona-Krise verloren gegangen. Virtuelle Formate können das nur teilweise ersetzen.“ Pelzer hofft nun, dass die niedrigeren Inzidenzwerte in den kommenden Wochen dabei helfen, dass Betriebe und Jugendliche wieder besser in den persönlichen Kontakt kommen.

Am Montag trommelte auch Hoffmeister-Kraut für die duale Ausbildung: „Ich ermutige alle Jugendlichen, die sich für eine Ausbildung interessieren, noch in diesem September in die Ausbildung zu starten und nicht noch ein Jahr abzuwarten. Ihre Chancen sind gut.“ Der Vize-Präsident der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), Thomas Bürkle, appellierte an alle Jugendlichen: „Nehmt Euer Leben in die Hand und bewerbt Euch für eine der vielen noch offenen Ausbildungsstellen!“

Auftragsbücher füllen sich


Gleichzeitig erteilte er der im grün-schwarzen Koalitionsvertrag vereinbarten Ausbildungsgarantie im Land eine Absage: Angesichts von aktuell 30.000 unbesetzten Ausbildungsplätzen sei die Diskussion weltfremd. „Statt Ausbildungsgarantie sollte eher über eine Bewerbergarantie für Betriebe nachgedacht werden.“ Andre Fricke, Bezirksjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbunds Baden-Württemberg, plädiert allerdings dafür, die Ausbildungsgarantie spätestens für das Ausbildungsjahr 2022 umzusetzen.

Dass die Unternehmen dringend Nachwuchs brauchen, ist kein neues Thema. Doch angesichts der schnell wieder anziehenden Konjunktur wird der Wettbewerb um die besten Kräfte künftig wohl noch härter ausgetragen werden. So füllen sich die Auftragsbücher der baden-württembergischen Maschinenbauer derzeit mit hohem Tempo. Allein zwischen März und Mai liegt der Zuwachs laut dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) bei mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.


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