Ausbleibende Touristen gefährden das Naturparadies Okavangodelta

Okavangodelta (wisch) – Auch im Okavangodelta in Botswana bleiben wegen Corona die Touristen aus. Zunehmende Wilderei und Geldmangel gefährden das Unesco-Welterbe.

Das Okavangodelta ist das größte Binnendelta der Erde und Unesco-Welterbe. Foto: Markus Arnold

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Das Okavangodelta ist das größte Binnendelta der Erde und Unesco-Welterbe. Foto: Markus Arnold

Das düstere Lachen der Hyänen ist plötzlich ganz deutlich zu hören. Irgendwo da draußen in der Dämmerung, nicht weit von Alan Bosiela Monnaaletsatsis Safariwagen, muss ein ganzer Clan der Tiere unterwegs sein. „Sie machen sich wohl gerade auf zu ihrem Beutezug“, sagt der Guide und lauscht. In Botswanas Okavangodelta beginnt nach Sonnenuntergang die Stunde der Räuber: Löwen, Leoparden, Wildhunde und Tüpfelhyänen.

Das Okavangodelta ist das größte Binnendelta der Erde und Unesco-Welterbe – eine für den Menschen schwer zugängliche Wildnis aus endlosem Sumpfland und unzähligen Inseln, Seen und Wasserarmen. Das gigantische Feuchtgebiet zieht Abertausende Wildtiere aus der umliegenden Kalahari an.

Für Monnaaletsatsis Safari-Gäste endet die Fahrt mit einem besonderen Erlebnis. Sie beobachten, wie ein Leopard im Scheinwerferlicht ihres Wagens das Unterholz nach Warzenschweinen durchstöbert. In der Concession unweit des vornehmen Qorokwe Camps beginnt die Nacht mit einem Konzert aus Hunderten Froschkehlen.

Schon lange vor der Pandemie galt das Okavangodelta als eines der exklusivsten Naturreiseziele Afrikas. Unzählige Tierdokumentationen, die hier gedreht wurden, lockten Touristen aus aller Welt. Botswana hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einem der ärmsten zu einem der reichsten Länder Afrikas entwickelt. Neben der Diamantenförderung spielte dabei zunehmend auch der Tourismus eine entscheidende Rolle. Vor allem unter dem früheren Präsidenten Ian Khama, einem engagierten Artenschützer, wurde das Land als hochpreisiges Safari-Ziel etabliert.

Erfolgsmodell ist bedroht

Durch die Pandemie ist das Erfolgsmodell jedoch bedroht. Nach dem Abebben der letzten Corona-Welle waren erst im September wieder die ersten Touristen zurückgekehrt. Nun droht mit den jüngsten Nachrichten über die Omikron-Variante, die erstmals in Botswana und Südafrika nachgewiesen wurde, das südliche Afrika erneut zur No-Go-Zone zu werden. Viele Staaten weltweit, darunter auch Deutschland, haben strikte Reisewarnungen für Botswana verhängt. Es sieht ganz so aus, als müsse sich das südliche Afrika erneut auf Wochen oder gar Monate fast ohne ausländische Touristen einstellen.

Das hat nicht nur Folgen für die Wirtschaft, sondern auch für den Naturschutz: Bleibt das Geld durch die Safaris aus, geraten die Schutzgebiete immer mehr unter Druck. Mit fehlenden Einnahmequellen für die Bewohner der Dörfer rund um das Delta nimmt die Armut und damit auch die Versuchung zur illegalen Fleischjagd zu.

„Vor allem während der Lockdown-Monate sind Wilderer über die nördliche Grenze ins Okavangodelta gekommen“, sagt Monnaaletsatsi. Sie nutzten die Gelegenheit, dass derzeit keine Touristen und allgemein viel weniger Menschen in der Region unterwegs waren. Vorwiegend aus Sambia dringen international vernetzte Banden ins Land ein. Ihr Ziel: Die Nashörner, deren Horn – entgegen aller wissenschaftlichen Studien – in China und Vietnam als medizinisches Wundermittel gehandelt wird. In den vergangenen Jahren wurden erstmals nach langer Zeit auch im Zentrum des Deltas Nashörner gewildert. In einer Pressemitteilung gab Botswanas Naturschutzbehörde Ende Oktober die Zahl der 2019 und 2020 gewilderten Nashörner mit 92 an. Im Jahrzehnt davor waren es nur einzelne Tiere gewesen.

Wie viele Nashörner im laufenden Jahr 2021 bereits getötet wurden, ließ die Pressemitteilung unbeantwortet. „Für Botswana gibt es nichts zu feiern“, postete der frühere Präsident Ian Khama zum Welt-Nashorn-Tag am 22. September auf Facebook. „Und das Abschlachten geht weiter, wenn heutzutage auch in langsamerem Tempo, da kaum noch Nashörner zum Wildern in freier Wildbahn übrig sind.“

Dass es nun ausgerechnet die einst wachsende Nashorn-Population trifft, die um 2015 hierher aus Südafrika angesiedelt wurden, wo damals die Zahlen gewilderter Tiere in die Höhe geschnellt war, ist von besonderer Tragik.

Testbohrungen für Öl

Die preisgekrönten Naturfilmer und Artenschützer Beverly und Dereck Joubert haben um 2015 „Rhinos Without Borders“ initiiert. Zum Höhepunkt der Nashornwilderei flog die Organisation Spitz- und Breitmaulnashörner nach Botswana aus. „Wenn das Ziel war, 100 Nashörner aus Südafrika vor der Wilderei zu retten und dann werden sie in Botswana gewildert, was haben wir erreicht?“, fragt sich Joubert.

Alternativen zu Umsiedlungen sieht der Naturschützer jedoch kaum. „Als wir mit dem Projekt begonnen haben, hieß es: Es ist vorbei mit den Nashörnern, wir können nichts mehr für sie tun“. In Südafrika wurden zu diesem Zeitpunkt etwa 1.200 Nashörner im Jahr gewildert. Die nach Botswana ausgeflogenen Tiere vermehrten sich unterdessen. „Wir haben uns etwas mehr Zeit erkauft“, sagt Joubert, „62 Jungtiere wurden in der Gruppe geboren.“ Botswanas Naturschutzbehörde gab im Oktober bekannt, sämtliche Spitzmaulnashörner aus dem Okavangodelta in leichter zu überwachende umzäunte Gebiete bringen zu wollen.

Die Wilderei ist indes nicht die einzige Bedrohung, die während der Pandemie einen Schatten auf das Delta geworfen hat. Im Nordosten Namibias, nicht weit von der botswanischen Grenze, hat das kanadische Öl- und Gas-Unternehmen Recon Africa im Frühjahr mit Testbohrungen begonnen. Zu Jahresbeginn 2022 sollen mehrere Ölquellen erschlossen werden. Der Konzern hat eine Lizenz für eine Gesamtfläche von fast 35.000 Quadratkilometern in beiden Ländern.

Das Gebiet grenzt an den Okavango-Fluss. Naturschützer sehen eine mögliche Ölförderung sowohl in Namibia als auch in Botswana als eine unmittelbare Gefahr für das Ökosystem. Zuletzt riefen auch Prominente wie Prinz Harry und Leonardo DiCaprio zum Stopp der Ölbohrungen auf. Ein Sprecher von Recon Africa wiegelt ab: „Wir sind entschlossen, die Arbeit in Zusammenarbeit und unter direkter Aufsicht der Regierungen beider Länder fortzuführen.“ Zum Okavango-Fluss sei eine Zehn-Kilometer-Pufferzone, zum Delta 20 Kilometer Abstand vorgeschrieben. Dass ein unbegradigter Strom wie der Okavango, seine Wasserarme und Zuflüsse keinen menschengemachten Grenzen folgen, bleibt anscheinend unbedacht.

„Ich bin nicht optimistisch, dass die Pläne in Namibia aufgegeben werden“, sagt Joubert. „Meine größte Angst ist, dass durch den derzeitigen Niedergang des Safari-Tourismus weiter nach anderen Alternativen Ausschau gehalten wird: Bergbau, fossile Brennstoffe und Viehhaltung.“

Im Herzen des Deltas, nahe der Jao-Lodge, paddelt Dennis Smith in einem Mokoro-Einbaum durch einen von Seerosen gesprenkelten Wasserarm. „Wir wissen nicht genau, was mit dem Ölprojekt vor sich geht“, sagt der Naturfotograf und Guide. „Es gibt kaum Nachrichten darüber. Aber die meisten Botswaner sind dagegen.“

Er selbst liebt es, fast lautlos in das Labyrinth des Lebens zu gleiten, das seit Jahren sein Zuhause ist. Blaustirn-Blatthühnchen eilen über die ausgebreiteten Schwimmpflanzen. In Schwärmen steigen Pfeifgänse in den hellen Abendhimmel auf. Die Flusspferde beginnen ihre Weideausflüge im Mondlicht. „Wenn tatsächlich einmal Öl in diese Wildnis gelangt, wird das uns alle treffen“, sagt Smith, „Tiere und Menschen gleichermaßen“.

Alan Bosiela Monnaaletsatsi sorgt sich um die Natur. Foto: Markus Arnold

© Markus Arnold

Alan Bosiela Monnaaletsatsi sorgt sich um die Natur. Foto: Markus Arnold

Im Okavangodelta lebt eine große Elefanten-Population. Foto: Markus Arnold

© Markus Arnold

Im Okavangodelta lebt eine große Elefanten-Population. Foto: Markus Arnold

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Erstellt:
9. Januar 2022, 14:00 Uhr
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