Ausnahmezustand im Ordnungsamt Gernsbach

Gernsbach (stj) – Die Quarantäne-Anordnungen bedeuten für die Mitarbeiter im Ordnungsamt „Arbeit im Akkord“. Ein falsch zugestelltes Formular hat jetzt auch noch einen „Shit-Storm“ ausgelöst.

Das Ordnungsamt im Gernsbacher Rathaus ist an der Belastungsgrenze. Foto: Stephan Juch

© stj

Das Ordnungsamt im Gernsbacher Rathaus ist an der Belastungsgrenze. Foto: Stephan Juch

Die Telefone glühen, die Flut an Formularen ist riesig, das Personal an der Belastungsgrenze: „Im Ordnungsamt herrscht Land unter“, fasst Hauptamtsleiter Thomas Lachnicht zusammen. Im Gernsbacher Rathaus hat man reagiert und sechs Kollegen aus anderen Abteilungen zur zeitweisen Unterstützung „abkommandiert“. Aber selbst mit ihnen sei die Arbeit kaum zu bewältigen. Hauptgrund sind die Quarantäne-Anordnungen, die im Oktober vom Landratsamt auf die Ordnungsämter der Städte und Kommunen übergegangen sind.

Der Kommunale Ordnungsdienst habe in Gernsbach seit Anfang November – neben dem regulären Dienstgeschäft – weit mehr als 200 Fälle hinsichtlich Quarantänemaßnahmen nahezu im Akkord bearbeitet und entsprechende Bescheide in erster Linie persönlich zugestellt. „Im Ordnungsamt geht es wirklich rund“, gibt Lachnicht im BT-Gespräch einen Eindruck von „der außerordentlich hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden“. Da könne es schon mal vorkommen, dass Fehler passieren.

Fall einer Familie schlägt hohe Wellen

So wie jüngst bei einer Gernsbacher Familie. Der neunjährige Sohn hatte am letzten Wochenende vor den Herbstferien Kontakt zu einem Spielkameraden, der zwei Tage später positiv getestet wurde. Die ganze Schulklasse und besagte Familie mussten daraufhin zwei Wochen in Quarantäne. Ein ganz normaler Vorgang in Zeiten, in denen die Infektionszahlen steigen und steigen.

Nicht normal war allerdings das Schreiben, das die Familie daraufhin von der Stadt Gernsbach erhielt und das dem Kind verbot, sein Zimmer zu verlassen. Darin heißt es unter anderem: „Ihnen gegenüber wird eine Absonderung in sogenannter häuslicher Quarantäne in Ihrer Wohnanschrift angeordnet. In der Zeit ist es Ihnen untersagt, Ihr Zimmer ohne ausdrückliche Zustimmung des Gesundheitsamts zu verlassen.“ Sollten die Eltern der Aufforderung nicht oder nicht ausreichend nachkommen, drohe dem Kind eine „Einweisung in eine geeignete geschlossene Einrichtung“.

Das ist natürlich starker Tobak – und hat einen ganz einfachen Grund: Der Mitarbeiter im Ordnungsamt hat schlicht das falsche Formular erwischt. „Das ist natürlich ärgerlich, kann aber passieren bei der Masse an Anordnungen“, erläutert Lachnicht. Dies habe man gegenüber der Familie auch kommuniziert und bedauert. Hintergrund der „falschen Post“ sind die Mustervorlagen, die auf Grundlage eines Musters des Robert-Koch-Instituts je nach Sachlage für den Einzelfall angepasst worden sind. Im konkreten Fall habe der Mitarbeiter ein Formular erwischt, das – wenn überhaupt – nur für Demenzkranke in Pflegeheimen gedacht ist, keinesfalls aber für Familien, bei denen ein ganz normales Kind betroffen ist.

Hass-Mails von Corona-Leugnern

„Niemand wird hier weggesperrt“, versichert der Gernsbacher Hauptamtsleiter, auch von Kindesentzug könne keine Rede sein. In diese Richtung gehen entsprechende Hass-Mails, die seit gestern das Rathaus erreichen. Darunter seien Zuschriften von Corona-Leugnern, für die solche Fehler natürlich „Wasser auf die Mühlen“ seien. Lachnicht zeigte sich gegenüber dieser Zeitung überrascht, wie schnell und in welchem Ausmaß die Kritik wegen eines falschen Formulars „viral ging“. Er spricht von einem regelrechten Shit-Storm, der über das Rathaus hereingebrochen sei. Dabei versuche man nur, die Arbeit, die es vor Corona gar nicht gab, nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen.

Dazu zählt auch, die Quarantäne-Anordnungen punktuell zu überprüfen. Diesbezüglich versichert die Stadtverwaltung: „Sofern unsere Mitarbeiter bei den notwendigen Überprüfungen eine Wohnung betreten, geschieht dies nur mit Einverständnis der Bewohner.“ So sei es auch bei besagter Familie gewesen, die aufgrund eines falschen Formulars in die Schlagzeilen geriet.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.