Außergewöhnliches Klassik-Konzert in Au

Au am Rhein (HH) – Klassik auf dem Land: Das Konzert der ortsansässigen Pianistin Ana Maria Campistrus mit ihrem Sohn Claudio Bohórquez und Krzysztof Polonek in Au am Rhein lässt auf mehr hoffen.

Beim Konzert in der Rheinauhalle halten Krzysztof Polonek (Geige), Ana Maria Campistrus (Klavier) und Claudio Bohórquez (Cello) mit Klassik das Publikum in Bann. Foto: Helmut Heck

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Beim Konzert in der Rheinauhalle halten Krzysztof Polonek (Geige), Ana Maria Campistrus (Klavier) und Claudio Bohórquez (Cello) mit Klassik das Publikum in Bann. Foto: Helmut Heck

Fürs Auer Dorfleben ist dem gleichnamigen Verein eine große Sache gelungen. Er verhalf in der kleinen Landgemeinde der klassischen Musik zu großer Bedeutung. Der erste Erfolg ereignete sich 2019 im Rahmen der Jubiläumsfeiern zum 1200-jährigen Bestehen des Ortes. Die Voraussetzungen dafür waren dem Umstand zu danken, dass vor bald 40 Jahren die Pianistin Ana Maria Campistrus mit ihrer Familie nach Au zog. Ihre Söhne Claudio und Oscar Bohórquez waren damals noch Kinder, inzwischen sind sie Musiker mit internationalen Karrieren, der ältere als Cellist, der jüngere als Violinist.

Krzysztof Polonek springt ein

Am Sonntag sollte das Trio auf Initiative des Dorfvereins erneut vor heimischem Publikum konzertieren. Es kam ein wenig anders als geplant, brachte aber gerade deshalb besonderen Glanz in die Rheinauhalle. Als die Moderatorin Bettina Bauer-Wörner mitteilte, dass Geiger Oscar Bohórquez erkrankt sei, strömte einen kurzen Moment lang ein kollektiver Seufzer durch den Saal. Doch blieb der Enttäuschung kein Raum zur Entfaltung, war doch die Neubesetzung eine geradezu elektrisierende Überraschung: An der Violine wurde Krzysztof Polonek begrüßt, vorgestellt als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Auch das war wohl glücklichen Zufällen zu verdanken, das berühmte Orchester gastiert gerade in Baden-Baden, man kennt sich in der Szene. Die Rheinauhalle ist natürlich kein Festspielhaus. Alleine schon für die Möblierung mit langen Tischreihen drängte sich der Ausdruck „unkonventionell“ auf.

Die „Bankettbestuhlung“ sei Corona geschuldet, lautete die Erklärung, nur so könne man in der Pause bewirten. Im Hintergrund flatterte eine Lüftungsklappe. Die musizierenden Künstler blieben in jeder Hinsicht tolerant. Dass ihnen zwischen den Sätzen spontan applaudiert wurde: geschenkt. Es war vom ersten Takt bis zum letzten Ton ein hinreißendes Erlebnis, dem sich hinzugeben einem mit der Programmauswahl leicht gemacht wurde.

Es begann mit dem Klaviertrio Opus 1, Nr. 1 von Ludwig van Beethoven. Im Fluss der Klänge wurde man auf dahinwehende Melodiebögen geführt, geriet in muntere Stimmung, spürte witzige Spitzen, freche Zwicker, fast übermütige Fröhlichkeit.

Klassik auf dem Land kommt an

Es folgte der zweite Satz aus dem Klaviertrio d-Moll Opus 49 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, ein Werk mit dramatischen Windungen. Als „intensiv, anregend“ wurde nach der Pause das Dumky-Klaviertrio von Dvorák angekündigt, als „außergewöhnlich“ in seiner Form. Es wirkte mit seiner Vielgestaltigkeit wie ein Konzert im Konzert, gestaltete einen eigenen Kosmos von großer Schönheit, expressiv, tiefgründig, heiter. Man durfte den Instrumenten beim Ringen und Verbünden folgen, die Violine mal feurig, das Cello mal sachte brodeln hören. Am Klavier meinte man, die Souveränität einer Konzertpianistin mit großer Erfahrung greifen zu können. Im Vergleich zu den üppigen Klassikgenüssen klangen die anschließenden fünf Tangos, einschließlich Zugabe, plötzlich gar nicht mehr so andersartig wie erwartet. Berühmteste unter diesen Perlen war „Libertango“ von Astor Piazzolla. Etwa zwei Stunden faszinierten Campistrus, Polonek und Bohórquez das Publikum mit einem Konzert, das ihnen mit starkem Applaus honoriert wurde, der in stehenden Ovationen mündete. Die Rheinauhalle war mit rund 280 Besucher so gut wie ausverkauft. Starker Zustrom von außerhalb trug viel dazu bei. Der Auer Weg, ohne Etikette Klassik auf dem Land zu etablieren, kann fortgesetzt werden.

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Erstellt:
9. November 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

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