SC Freiburg zieht aus Dreisamstadion aus

Freiburg (mi) – Am Sonntag endet eine Ära: Der SC Freiburg bestreitet gegen den FC Augsburg sein letztes Bundesliga-Heimspiel im Dreisamstadion. Mit der Kultstätte sind viele Erinnerungen verbunden.

1993 fand das erste Bundesliga-Spiel des SC Freiburg im Dreisamstadion statt, am Sonntag erfolgt der Abpfiff. Foto: Markus Gilliar/GES

© GES/Markus Gilliar

1993 fand das erste Bundesliga-Spiel des SC Freiburg im Dreisamstadion statt, am Sonntag erfolgt der Abpfiff. Foto: Markus Gilliar/GES

Dem Vernehmen nach sollen Fans in den vorderen Reihen schon mal benebelt gewesen sein, wie sich Nils Petersen in der neuesten Ausgabe der „Sport-Bild“ erinnert: „Manchmal habe ich beim Warmmachen schon den Geruch von Gras in der Nase gehabt, ja. Ich kenne kein Stadion, wo man als Fan so nah dran ist.“

Er meinte nicht das Gras des Rasens. Als Petersen noch lange nicht der Publikumsliebling der Fans des SC Freiburg war, kamen auch Journalisten im Dreisamstadion mal in den Genuss des süßlichen Dufts. Dafür sorgten im Herbst 2001 1.500 Fans von Feyenoord Rotterdam, die im Stehblock das Stadion in einer Rauchfahne einhüllten, dass selbst ihre Fußball-Helden in der dritten Runde des UEFA-Cups beim 2:2 wie betüdelt wirkten und nur dank des 1:0 im Hinspiel weiterkamen. Holländer kennen sich mit Gras auch abseits des Fußballplatzes gut aus.

Für die Journaille verlockender war stets der Bratwurst-Duft, der aus wenigen Metern Entfernung von einem der Stände oberhalb herunterwehte. Apropos Wehen: Wenn beim schlimmsten Siffwetter im November auch noch der „Höllentäler“, also die steife Brise aus dem nahen Höllental durchs enge Stadion pfiff, fühlte man sich auf den harten, kalten, grünen Plastikschalen wie ein Eskimo in Rom im Hochsommer: Am falschen Fleck. Und kam doch immer wieder. An jedem zweiten verdammten Bundesliga-Samstag.

Selbst auswärtige Medienleute waren bisweilen betört vom Charme der engen Bude nahe der idyllisch plätschernden Dreisam. Ein Dortmunder Medienmensch hatte bereits im Februar beim sehnsüchtigen Blick auf die Baumwipfel links hinter dem Stadion und die vom Schnee gezuckerten Schwarzwald-Berge hinter dem Gästeblock mehr am Abschiedsschmerz („Ich werde es sehr vermissen, es ist anders als alle anderen Stadien“) zu knabbern als an der peinlichen Pleite der BVB-Millionenstars

Golfball an Kopf von Kahn

.Auch Golfbälle verirrten sich ins Stadion, was wiederum Oliver Kahn aus schmerzlicher Erfahrung mit klaffender Kopfwunde nach einem Wurf aus dem – Ironie des Zwischenfalls – sogenannten Baby-SC-Fanblock, bezeugen kann. Die Bayern ließen die Südbadener auch dafür mehrmals wie im März 2005 mit einem 7:0-Pokalsieg bluten. In den ersten Bundesliga-Jahren drohte das Dreisamstadion noch zum zweiten teuflischen Betzenberg für den Rekordmeister zu verkommen. In der Premierensaison erlangte 1993 ein gewisser Uwe Wassmer mit einem Hattrick bundesweite Beachtung beim 3:1-Sieg. Ein Jahr später wurden die Bayern gar 5:1 aus dem Tollhaus gefegt.

Am Sonntag ist es endgültig vorbei mit dem Geruch von berauschenden Substanzen, lukullischen Köstlichkeiten und auch fußballerischen Hochgenüssen, die in drei Europacup-Teilnahmen gipfelten.

Das Dreisamstadion, das 1954 eingeweiht wurde, macht dicht. Nicht ganz, die Drittliga-Reserve und die Bundesliga-Frauen sorgen weiter dafür, dass die Abrissbirne noch nicht bald nahe des Strandbades heranrückt. Doch die Lokalhelden ziehen um gen Westen ins 7,7 Kilometer entfernte neue Hightech-Stadion, wo nicht nur der Stadionname Europa-Park Glücksgefühle verheißt.

Emotionale Achterbahnfahrten sind auch dort, wo alles größer, moderner, aufwändiger ist, garantiert. Wenn übermorgen das Flutlicht letztmals erlischt, geht ein großes Kapitel Freiburger Fußball-Geschichte zu Ende. Der Aufstieg von einstigen Zweitliga-Habenichtsen in den 70ern zum höchst angesehenen Bundesligisten der Moderne.

Nils Petersen, der 38 seiner 95 Pflichtspieltore zu Hause erzielte und diese mit den Fans auf der Nordtribüne enthusiastisch feierte, hat „wahrscheinlich noch mehr Zeit im Dreisamstadion verbracht als zu Hause“. Trotz aller Wehmut empfindet er große Vorfreude auf das, was Mitte Oktober kommen wird. „Wir haben es uns verdient zu wachsen. Wir sind ein beständiger Bundesligist. Wir haben Nationalspieler entwickelt, das Stadion ist immer ausverkauft.“ In diesem Sinne: Tschüss Dreisamstadion, es war schön mit dir.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
24. September 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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