Autoposer rauben Anwohnern die Ruhe

Baden-Baden (BNN) – Bewohner rund um die Rotenbachtalstraße in Baden-Baden leiden unter Rasern und Posern. Sie fühlen sich von der Polizei und der Stadt im Stich gelassen.

Kaum lesbar: Marianne Horn (links) und Christine Laabs monieren die schadhafte Markierung der 30er-Zone. Fotos: Michael Rudolphi

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Kaum lesbar: Marianne Horn (links) und Christine Laabs monieren die schadhafte Markierung der 30er-Zone. Fotos: Michael Rudolphi

Marianne Horn hat einfach genug – genug vom Verkehrslärm, genug von Rasern. Vor allem der Krach, den sogenannte Poser mit ihren leistungsstarken und mitunter unzulässig getunten Autos und Motorrädern rund um die Rotenbachtalstraße in Baden-Baden verursachen, wird für sie immer unerträglicher.

„Mich packt häufig einfach die Wut“, sagt Horn im Gespräch mit unserer Redaktion. Damit steht die Anwohnerin nicht allein. „Am Wochenende können wir uns auf dem Balkon nicht mehr unterhalten“, pflichtet Bernhard Jung bei. Dabei steht das Haus, in dem er wohnt, nicht einmal direkt an der Rotenbachtalstraße, sondern in zweiter Reihe.

Der Blick vom Balkon schweift dort in viel Grün. Doch die Idylle trügt. Auf der anderen Seite des Rotenbachtals verläuft die Schlossbergtangente. Sie bringt die Anwohner seit Jahren um ihre Ruhe, weil von dort der Lärm herüberschwappt.

„Es geht meistens am frühen Freitagabend los, dauert bis nach Mitternacht und dann das ganze Wochenende“, berichtet Jung. „Manche rasen da mit 120 Sachen.“ Die Poser ließen die Motoren aufheulen, nähmen Anlauf, um dann in Richtung Wolfsschlucht zu donnern. „Das ist deren Rennstrecke“. Viele bögen auch in die Rotenbachtalstraße Richtung Innenstadt ab. „Die gehen dort ein Eis essen und brettern anschließend zurück“, erzählt Christine Laabs.

Hohe Belastung: Die Rotenbachtalstraße zählt zu den wichtigsten Einfallstraßen für die Baden-Badener Innenstadt. Das Verkehrsaufkommen in diesem Viertel steigt seit Jahren. Foto: pr

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Hohe Belastung: Die Rotenbachtalstraße zählt zu den wichtigsten Einfallstraßen für die Baden-Badener Innenstadt. Das Verkehrsaufkommen in diesem Viertel steigt seit Jahren. Foto: pr

Die Anwohner wissen häufig ziemlich genau, wer sich nicht an die Vorschriften hält. „Ich erkenne bestimmte Poser inzwischen schon am Sound der Motoren“, sagt Jung. In der Regel seien es Autofahrer und Biker mit Baden-Badener und Rastatter Kennzeichen, aber auch aus dem Umland.

Für die Polizei stehen Schlossbergtangente und Rotenbachtalstraße noch nicht im Fokus. „Dass das Schwerpunkte der Poser-Szene sind, kann ich nicht bestätigen“, sagt Rolf Wieland, stellvertretender Leiter der Verkehrsinspektion Baden-Baden. Kontrollschwerpunkt sei in der Vergangenheit vor allem die Innenstadt gewesen. Posing und Tuning spielen Wieland zufolge für die Verkehrspolizei grundsätzlich eine immer größere Rolle, weshalb sie einen eigenen Arbeitsbereich gegründet habe, um Verstöße besser ahnden zu können. Ziel sei es, mehr Präsenz zu zeigen und den Kontrolldruck zu erhöhen.

30er-Beschriftung kaum noch lesbar

Die Anwohner der Rotenbachtalstraße wünschen sich auch von der Stadt mehr Überwachung. Nach ihren Beobachtungen ignorieren viele Autofahrer das geltende 30er-Tempolimit. Wenn der Gemeinde-Vollzugsdienst (GVD) kontrolliere, stehe das mobile Blitzgerät häufig an einer von Weitem sichtbaren Stelle, sodass die Fahrer rechtzeitig abbremsten. Marianne Horn und Christine Laabs monieren auch die kaum noch lesbare Markierung „30 Zone“ auf der Straße.

Horn zufolge hat die Rotenbachtalstraße sich zu einer Haupteinfallstraße für die Innenstadt entwickelt, die Verkehrsbelastung sei hoch. Die Anwohner befürchten, es könnten noch deutlich mehr werden, wenn die Gebäude auf dem Vincenti-Areal bezogen sowie das Hotel an den Thermen auf dem ehemaligen Gefängnis-Areal und die Wohnhäuser auf dem Gelände des früheren Ludwig-Wilhelm-Stifts fertig sein werden.

„Oft unterm Radar des Rathauses“

Horn und ihre Mitstreiter sind keine Träumer oder Eiferer. „Dass die Rotenbachtalstraße nicht zur verkehrsberuhigten Zone werden kann, ist uns klar“, sagt Horn. „Wir sind ja nicht weltfremd. Wir fahren selbst Auto“, ergänzt Laabs. Die beiden haben jedoch den Eindruck, dieses Quartier befinde sich oft unterm Radar des Rathauses.

Bürgermeister Roland Kaiser (Grüne) widerspricht: „Wir haben das im Blick und sind sensibilisiert.“ Der GVD habe in den vergangenen Wochen verstärkt den ruhenden Verkehr an den Schulen kontrolliert. Künftig soll es wieder mehr Tempo-Kontrollen geben, verspricht Kaiser: „Da, wo der Blitzer steht, haben wir Erfolge.“ Die Anwohner wünschen sich von der Stadt neben mehr Kontrollaktionen vor allem ein umfassendes Konzept, um den Verkehr am nördlichen Eingang zur Innenstadt sinnvoller zu lenken. „Es ist unser Anliegen, das ins Bewusstsein der politisch Verantwortlichen zu bringen“, sagt Horn. Die Anwohner werden sich da wohl noch gedulden müssen. Nach Auskunft von Bürgermeister Alexander Uhlig (parteilos) hat das Rathaus aktuell keine Pläne für die Rotenbachtalstraße.

Zum Thema: Autoposing

Definition: In der Regel handelt es sich um Auto- oder Motorradfahrer, die mit ihren Fahrzeugen auffallen wollen und dafür meist unnötigen Lärm erzeugen. Häufig geschieht dies mit getunten Fahrzeugen, die nach den Vorstellungen des Fahrers umgebaut oder verändert sind.

Probleme durch Posing: Die Lärmbelästigung und auch das unnötige Fahren im Kreis sind vor allem für Anwohner eine Belastung. Zudem verstößt das Verhalten gegen die Straßenverkehrs-Ordnung. Es geht vor allem um Burnouts an Ampeln, spontane Beschleunigungsduelle und nicht eingetragene Klappenauspuffe.

Sanktionen: Erzeugen Fahrzeuge unnötigen Lärm oder vermeidbare Abgasbelästigungen, stellt dies eine Ordnungswidrigkeit dar. Ebenso können Sanktionen folgen, wenn das Auto der Poser durch Umbauten die Betriebserlaubnis verliert.

Kommentar: Unterm Radar

Von Michael Rudolphi

Unterm Radar

Wenn es um Krach und Lärmbelastung durch Autoposer und illegale Autorennen geht, steht normalerweise die Innen- und Weststadt im Fokus des öffentlichen Interesses. Dort ist diese Szene der Polizei seit Längerem bekannt und die Beamten gehen immer wieder mit gezielten Kontrollen dagegen vor. Die Verkehrspolizei hat dieses Problem grundsätzlich verstärkt auf dem Schirm hat, wie die Gründung eines eigenen Arbeitsbereich „Posing und Tuning“ zeigt.

Es gibt jedoch Quartiere, die zumindest bislang eher unter dem Radar von Polizei und städtischer Ordnungsbehörde liegen. Dazu gehört zweifellos das Viertel rund um die Rotenbachtalstraße und die Schlossbergtangente. Dort beobachten Anwohner mittlerweile verstärkt Poser und Fahrer, die viel zu schnell unterwegs sind und ihnen die Ruhe rauben.

Dabei ist die Rotenbachtalstraße eine 30er-Zone. Doch viele Autofahrer halten sich offenbar nicht an dieses Limit. Auch Blitzer-Kontrollen haben langfristig nicht den erhofften Effekt, die Verkehrsteilnehmer zu disziplinieren.

Mit Kontrollen allein ist es auf Dauer nicht getan. Das Verkehrsaufkommen in der Rotenbachtalstraße nimmt stetig zu. Sie ist eine der wichtigsten Einfallrouten zur Innenstadt. Wenn die neuen Wohnungen auf dem Vincenti-Areal und dem Gelände des früheren Ludwig-Wilhelm-Stifts bezogen sein werden, wird es noch mehr Verkehr geben. Das Rathaus wird nicht umhin kommen, für das gesamte Quartier ein umfassendes Verkehrskonzept zu entwickeln.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Michael Rudolphi

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Erstellt:
5. Mai 2022, 08:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 11sec

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