BT-Interview: Autor Matthias Kehle zur Lage am Buchmarkt

Karlsruhe (sr) – Der Karlsruher Autor Matthias Kehle (53) beurteilt die Corona-Folgen für seine Branche als verheerend: Die Verlage im Land hatten schon vorher große Schwierigkeiten, jetzt sieht er für kleinere Häuser das endgültige Aus gekommen. Damit fallen für Autoren die ohnehin spärlichen Verdienstmöglichkeiten aus. Kehle fordert deshalb staatliche Hilfen auch für die rund 400 Schriftsteller im Land, die von den bisher bekannten Hilfsprogrammen nicht profitieren.

„Für die freien Autoren ist die Corona-Krise tödlich“: Der Karlsruher Schriftsteller Matthias Kehle sieht die Verdienstmöglichkeiten in seiner Branche nicht erst seit kurzem sehr düster. : Reznicek/pr

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„Für die freien Autoren ist die Corona-Krise tödlich“: Der Karlsruher Schriftsteller Matthias Kehle sieht die Verdienstmöglichkeiten in seiner Branche nicht erst seit kurzem sehr düster. : Reznicek/pr

Matthias Kehle ist als Journalist auch den BT-Lesern bekannt, in seinem Hauptberuf ist der 53-Jährige erfolgreicher und außergewöhnlich fleißiger Autor von Büchern verschiedenster Thematik. 2018 hat er allein vier Werke veröffentlicht: Neben einem Gedichtband auch eine heiter-informative Bilanz als bundesweit aktiver Wohnmobilurlauber („Einen Spiegel erwischt es immer“) sowie zwei Baden-Württemberg-Führer. Den unbegründet niedrigen Verdienst eines Autors bewertet Kehle als fatal, ebenso die Verlagssituation im Land. Sein Fazit der Corona-Auswirkungen im Gespräch mit BT-Redakteurin Sabine Rahner: „Wir lagen vorher schon im Koma, das ist jetzt der Todesstoß.“

Interview


BT: Herr Kehle, Sie sind bestens vernetzt in der Literaturszene, wie ist denn die aktuelle Lage?

Matthias Kehle: Die Situation ist schlecht. Das war sie aber auch schon vor der Corona-Krise. Die Verlagslandschaft in Baden-Württemberg ist nahezu zusammengebrochen. Den Karlsruher Verlag G. Braun gibt es nicht mehr, Silberburg wurde aufgekauft und platt gemacht, Klöpfer & Meyer gibt es nicht mehr, beim Nachfolger Klöpfer-Narr ist Hubert Klöpfer gleich wieder ausgestiegen. Die kleineren Verlage werden diese Krise nicht überleben, keine Chance. Ich war ja bis 2013 Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) und 16 Jahre im Vorstand. Und als Mitkurator mehrerer Literaturfestivals kann ich nur sagen: So war es noch nie.

BT: Und wie geht es den Autoren?

Kehle: Die Einkommen sind schon in den letzten Jahren weggebrochen, viele, auch namhafte Autoren sind tatsächlich Hartz-IV-Aufstocker. Sie müssen sich mal die langfristigen Folgen für die Autoren vergegenwärtigen: Zurzeit werden 80 bis 90 Prozent Bücher weniger verkauft. Die nächste Abrechnung für Autoren kommt am 30. September und dann wieder am 31. März 2021. Alle öffentlichen Veranstaltungen fallen aus. Wenn sich der Kulturbetrieb nach der Krise wieder berappelt, wird damit zu rechnen sein, dass die öffentliche Hand einsparen muss. Und wo macht sie das? Bei der Kultur. Die Verdienstmöglichkeiten für Autoren werden also auf lange Sicht auf unterstem Niveau bleiben.

BT: Die Politik versucht, mit eilig aufgelegten Programmen gegenzusteuern. Kommt das an?

Kehle: Die Förderprogramme, die Bund und Länder aufgelegt haben, greifen für Autoren nicht, die können nur Hartz IV beantragen. Jetzt habe ich bei Facebook mal diskutiert, Autoren und Kleinstkünstlern, die in der gleichen Situation sind, eine Art monatliches Stipendium zu gewähren, etwa monatlich 1 000 Euro. Wenn die künstlerische Vielfalt im Land erhalten werden soll, dann geht es nur noch mit staatlicher Hilfe.

„Grundeinkommen für Autoren sollte diskutiert werden“


BT: Haben Sie schon Unterstützer für diesen Vorschlag gefunden?

Kehle: Vonseiten einiger Landtagsabgeordneten höre ich, dass darüber allmählich nachgedacht wird. Bei aller Vorsicht gewinnt man den Eindruck, die politische Diskussion darüber nimmt zu.

BT: Wie sind ihre persönlichen Pläne für die nächste Zukunft?

Kehle: Die Konditionen sind so schlecht bei den Verlagen, dass ich ernsthaft überlege, nichts mehr zu veröffentlichen. Ich habe noch einen Buchauftrag, danach muss ich entscheiden. Die meisten Autoren trauen sich kaum, den Mund aufzumachen. Dass man viel arbeitet, viel schreibt und nichts verdient, will man nicht wahrhaben. Aber wir müssen über die ökonomischen Grundlagen reden.

BT: Wie viele professionelle Autoren gibt es im Land?

Kehle: Nach meiner Schätzung aufgrund meiner früheren Verbandsarbeit sind das so um die 400.

„Jetzt könnten die Leute die Perlen der Natur vor der eigenen Haustür entdecken“

BT: Wagen wir einen Blick in die nahe Zukunft: Wann gibt es wieder Literaturveranstaltungen?

Kehle: Ich bin Mitkurator der Literaturtage Nordschwarzwald, die 2021 wieder stattfinden sollen und eingebunden in die baden-württembergischen Literaturtage, die ebenfalls nächstes Jahr in Ettlingen geplant sind. Ob es sie wirklich geben wird, weiß zurzeit niemand. Ein kleines Festival, das für diesen April in Riedlingen geplant war, mussten wir absagen.

BT: Sie haben gedanklich offenbar schon das ganze laufende Jahr 2020 abgeschrieben?

Kehle: Als Soziologe kenne ich Kurvenverläufe sehr genau. Ich denke, dass wir bis in den Sommer hinein ein Versammlungsverbot haben werden, große Veranstaltungen werden überhaupt nicht stattfinden. Wenn die Maßnahmen gelockert werden, wird es noch mal kleinere Krankheitswellen geben – solange, bis man ein Medikament beziehungsweise eine Impfung gegen Corona gefunden hat. Der Ausnahmezustand könnte tatsächlich ein bis zwei Jahre dauern.

BT: Wird von der Krise auch irgendetwas Gutes ausgehen, eine veränderte Sichtweise auf unseren bisherigen Lebensstil etwa?

Kehle: Wir sind jetzt erst eine Woche eingesperrt, da lässt sich noch gar nichts sagen. Man kann nur spekulieren, so eine Situation gab es doch noch nicht. Nur für die Autoren ist diese Krise tödlich, das können Sie so schreiben, wir lagen vorher schon im Koma, aber das ist jetzt der Todesstoß.

BT: Planen Sie, darüber zu schreiben?

Kehle: Das weiß ich noch nicht. Ich bin 53, in Rente kann ich als umtriebiger Mensch noch nicht gehen. Ich werde auf jeden Fall etwas machen, was, wird sich zeigen.

BT: Sie haben viele Bücher über Baden-Württemberg veröffentlicht. Was unternehmen Sie denn jetzt?

Kehle: Als Wanderer und Bergsteiger versuche ich, draußen zu sein, die Bergsaison schreibe ich für mich auch ab. Aber was auf dem Buchmarkt noch geht, sind Regionalia. Vielleicht ist das ein positiver Effekt der Krise, vielleicht entdecken die Leute ja wieder ihre Heimat, statt auf die Malediven zu fliegen. Sie könnten die vielen Perlen finden, die vor der eigenen Haustür liegen.

Homepage Freier Deutscher Autorenverband, Landesverband Baden-Württemberg


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