Avril Lavigne setzt auf alten Sound

Baden-Baden (rüth) – Die äußerlich kaum gealterte Sängerin könnte sich als Petra Pan der Musikszene bezeichnen und knüpft auf „Love Sux“ zum Teil infantil an ihre alte Rotzigkeit an.

Sie ist 37, sieht aus wie 27 und klingt wie damals mit 17: Die kanadische Sängerin Avril Lavigne. Foto: Ryan McFadden

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Sie ist 37, sieht aus wie 27 und klingt wie damals mit 17: Die kanadische Sängerin Avril Lavigne. Foto: Ryan McFadden

Der Titel von Avril Lavignes siebtem Album „Love Sux“ ist nicht sehr subtil. Die Musik ist es auch nicht. Sie hat aber auch Glück, die Avril. Nämlich, dass sie mit ihren 37 Lebensjahren nicht aussieht wie, sagen wir mal, 37. Sondern eher so wie 27. Da fällt es natürlich noch leichter, solche Musik zu machen wie damals mit 17. Kompliziert? Muss es nicht sein. Man kann es auch so formulieren: Avril Lavigne klingt mit 37 nun wieder so wie seinerzeit 2002, als die aus einem Kaff in der Provinz Ontario stammende Kanadierin die Pop-Rock-Welt in rasantem Tempo mit ihrem Debütalbum „Let go“ aufrollte.
Complicated“, „Sk8er Boi“, „Girlfriend“ oder einige Jahre später auch das karriereprogrammatische „Here’s to never growing up“ hießen ein paar ihrer Hits. Stilistisch lief das alles unter Pop, ein wenig wohldosiertem Punk und einer Prise Alternative Rock.

Inszenierung als „Anti-Britney“

Die Teenager liebten Avril, die sich seinerzeit, wenige Jahre nach dem Kaugummipopboom um Britney Spears oder Christina Aguilera, mit nur wenig Widerwillen als Anti-Britney inszenieren ließ. In ihren Songtexten und zum Teil auch öffentlichen Auftritten gab sie gern die etwas rebellische Göre, manchmal benahm sie sich gar ein wenig bratzig, quasi wie ein ausgestreckter Mittelfinger auf zwei Beinen. Mit dem Skateboardfahren hatte sie persönlich eher nicht so viel am Hut, aber Skaterinnen und Skater waren 2002 genau wie 2022 irgendwie coole und auf konstruktive Art unangepasste Sympathieträger, also nahm man auch diesen Image-Bonus gerne mit. Was von der Pop-Marke namens „Avril Lavigne“ tatsächlich authentisch war und was die geschickte Vermarktungsstrategie für ihre Karriere bewirkte, darüber stritten sich immer schon die kritischen Geister. Auf jeden Fall war Lavigne irrsinnig erfolgreich, „Let go“ allein ist das meistverkaufte kanadische Album des 21. Jahrhunderts.

Nun, nach Jahren durchwachsener Popularität, dem Überstehen einer Borreliose-Erkrankung 2015/2016 und dem ziemlich balladenlastigen Vorgängerwerk „Head above Water“ dreht Avril Lavigne auf „Love Sux“ einmal kräftig an der Uhr. Mit den fast schon herausgebrüllten Worten „Like a ticking time bomb, I’m about to explode“ eröffnet sie auf „Cannonball“ den kompakten Reigen der zwölf Songs mit 33 Minuten Spieldauer, hier, wie in allen Songs bis auf den Durchschnaufmoment „Dare to Love“ kreisen und krachen die Gitarren und bewirken einen Sound, der ungestüm bis etwas übermäßig euphorisch wirkt.

Bemüht, bis albern

Es folgen reichlich „Lalala“ (auf „Bois Lie“, einem Duett mit dem Kollegen Machine Gun Kelly) und „Nanana“-Refrains (im Titellied) und ein insgesamt erhebliches Reservoir an Mitsing- bis Mitgröl-Hymnen. Produziert von Pop-Punk-Veteran John Feldmann von der Band Goldfinger und mit weiteren Genre-Gästen wie dem Sänger/Rapper blackbear sowie Blink-182-Sänger Mark Hoppus (das Album erscheint übrigens auf dem Label des Blink-182-Drummers Travis Barker, der auch an den Songs mitgewerkelt hat), strotzt die Platte einerseits vor Spaß, Energie und einem gewissen Ich-zeig-es-auch-allen-nochmal-Trotz. „Love Sux“ profitiert vom Wiedererkennungswert des Sounds und der Stimme seiner Protagonistin, und natürlich ist auch Nostalgie ein großer Faktor – ganz ähnlich wie bei der schon erwähnten Britney Spears sind die Fans inzwischen erwachsen und wild auf die Musik ihrer Jugend.
Ein bisschen bemüht bis albern hingegen wirkt das inhaltliche Konzept des Albums. „Love Sux“, die Liebe ist Mist, klar, eine 17-Jährige kann das sagen. Aber eine 37-Jährige, die zweimal verheiratet war, zweimal geschieden ist und aktuell mit dem Musiker Mod Sun (der auch auf „Love Sux“ mitgeschrieben hat) ausgeht? Und Sätze wie „I’m fucking over you, so fuck you“ wirken für eine erwachsene Frau bestenfalls infantil. Doch trotz allem: In einer Welt, in der ein Teenager wie Olivia Rodrigo gerade mit Avril-ähnlichem Stil zum Weltstar geworden ist und in der das im Oktober stattfindende Emo-Revival-Festival „When we were young“ (mit My Chemical Romance und, eben, Avril) in Las Vegas ratzfatz ausverkauft war, wird die alterslose 37-Jährige sehr wahrscheinlich auf ein dankbares Publikum treffen.

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Erstellt:
13. März 2022, 13:00 Uhr
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