BT-Adventskalender: „Ada“ oder das große Schweigen

Baden-Baden (dpa) – Hinter dem 21. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich die Fortsetzung von Christian Berkels Debütroman „Der Apfelbaum“. Hier können Sie die Besprechung von „Ada“ lesen.

Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

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Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

„Über die Kernpunkte der Geschichte hat bei uns in der Familie niemand gesprochen. Das war das große Schweigen.“ Da unterschied sich die Familie von Christian Berkel nicht von der Mehrheit der Deutschen. In der geschäftigen Wirtschaftswunderzeit wurden Krieg und Drittes Reich möglichst unter den Teppich gekehrt. Das ging so lange gut, bis die junge Generation den Finger in die Wunde legte und ihre Eltern nicht mehr davonkommen ließ.

Genau dieses große Schweigen hat Berkel (63) zum Thema seines zweiten Romans „Ada“ gemacht, in dem er die Geschichte seiner Familie fortschreibt. Sein Debütroman „Der Apfelbaum“ war 2018 bei Kritik wie Publikum ein Überraschungserfolg, den wohl nur wenige dem beliebten Schauspieler („Der Kriminalist“) zugetraut hätten. Berkel erzählt die bewegende Liebesgeschichte seiner Eltern, einer jüdischen Mutter und eines Stabsarztes der Wehrmacht, die der Krieg auseinanderreißt und die am Ende auf wundersame Weise wieder zusammenfinden.

„Ada“ ist die Fortsetzung der Geschichte, erzählt aus Sicht einer fiktiven älteren Schwester. Kurz nach der Wende blickt Ada in einer Psychoanalyse auf ihr Leben zurück. Sie wird während des Krieges in Berlin geboren, verbringt aber die ersten Lebensjahre mit ihrer Mutter in Argentinien, während der Vater in den Kriegswirren zunächst verschwunden bleibt. Als sie Mitte der 50er Jahre mit der Mutter nach Deutschland zurückkommt, ist das Land für sie abweisend und fremd: „In Hamburg, unserer ersten Station, wurden Fragen höflich und kühl beantwortet, in Berlin, wohin wir weiterreisten, gar nicht...“ Die Rolle der Außenstehenden verliert sie nie ganz. Ist Otto, Salas Jugendliebe, wirklich ihr leiblicher Vater, oder ist es nicht doch der geheimnisvolle Hannes, den ihre Mutter eines Tages in Paris besucht? Eine Antwort bekommt sie nicht. Bei Familientreffen merkt Ada schnell, dass die Erwachsenen, sobald es um die Vergangenheit geht, um den heißen Brei herumreden: „Mit den Erinnerungen ging es ihnen wie Betrunkenen mit ihren Hausschlüsseln, entweder sie passten nicht oder sie hatten sie verloren.“

Bald nimmt ein jüngerer Bruder, im Roman „Sputnik“ genannt, in dem man das Alter Ego Berkels sehen kann, die Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, während Ada aus den beengenden Konventionen ausbricht. Sie revoltiert gegen das Schweigen, das Verdrängen, das Verharmlosen. Insofern ist sie ein getreues Spiegelbild der 68er-Generation. Adas Suche nach Identität überzeugt trotz einiger plakativ gesetzter Wegmarken, denn Berkel ist ein guter Erzähler. Vermutlich werden wir bald mehr von ihm lesen. Der gebürtige Berliner, der mit der Schauspielerin Andrea Sawatzki verheiratet ist, hat angekündigt, als Schauspieler kürzerzutreten und sich verstärkt dem Schreiben zu widmen. „Ada“ soll noch nicht das Ende der Familiengeschichte sein. Es wird noch einen dritten Teil geben.

Christian Berkel: Ada, Ullstein Verlag, Berlin, 400 Seiten, 24 Euro.

Weitere Geschenktipps aus dem BT-Adventskalender:

Mit der Besprechung des zweiteiligen Romans „Fortunat“ von Otto Flake hat am 1. Dezember der BT-Adventskalender begonnen.

Hinter dem Adventskalendertürchen am 2. Dezember verbirgt sich „Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ von Papst Franziskus.

Hinter dem dritten Türchen des musikalischen BT-Adventskalenders versteckt sich eine CD-Sammlung in Erinnerung an den im Dezember 2019 verstorbenen Dirigenten Mariss Jansons. Hier können Sie den Artikel lesen.

Hinter dem vierten Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich das brandneue Studioalbum der Ulmer Krautrock-Band Kraan. „Sandglass“ versprüht viel positive Energie.

Hinter dem siebten Kalendertürchen verbirgt sich Georg Patzers Besprechung von „Wo ihr mich findet“ von Taltal Levi.

Hinter dem 14. Türchen des BT-Adventskalenders geht es in „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes um die Zeit, in der die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ spielt.

Hinter dem 15. Türchen verbirgt sich ein Werk einer Autorin, die in Forbach lebt.

Hinter dem 16. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich ein Prosaband der Dichterin Friederike Mayröcker. Nicht nur für Franz Schuh ist sie „verliebt in die Sprache“.

BT-Mitarbeiterin Kirsten Voigt hat am 17. Dezember Monika Helfers „Die Bagage“ vorgestellt. Darin erzählt Helfer die Geschichte ihrer Großeltern im Jahr 1914.

Um den Gesprächsband von Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter ging es am 19. Dezember.


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