BT-Adventskalender: Papst-Enzyklika „Fratelli tutti“

Baden-Baden (kli) – Wolle das Wohl des Anderen lautet die einfache Botschaft der neuen Enzyklika des Papstes, schreibt BT-Redakteur Dieter Klink im zweiten Teil des literarischen Adventskalenders.

Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

© Jag_cz - stock.adobe.com

Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

Die neue Enzyklika des Papstes, „Fratelli tutti“, hat nicht annähernd so ein großes Echo ausgelöst wie sein Vorgänger „Laudato si“ im Jahr 2015. Mag sein, dass die Welt inzwischen bereits ausführlich die Gedanken von Franziskus kennt. Die Wirtschaft hat dieses Mal ein bisschen aufgestöhnt, aber das war es schon.

Der Papst prangert erneut an, dass der Kapitalismus letztlich über Leichen geht. „Es gibt wirtschaftliche Regeln, die sich als wirksam für das Wachstum, aber nicht gleicherweise für die Gesamtentwicklung des Menschen erweisen“, bemängelt er. Franziskus spricht von einem „Wirtschaftsmodell, das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückscheut, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten.“ Kein Wunder, dass die Wirtschaft bei solchen Sätzen aufheult.

Sie wirft ihm Naivität vor. In der Tat bezeichnet er sich selbst als Träumer. Er träumt von einer geschwisterlichen Welt. Und, ja, sein Wirtschaftsbild ist düster. Sein Gegenbild: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37). Man habe jeden Tag die Wahl: Ist man der barmherzige Samariter oder geht man als gleichgültiger Passant am Leidenden vorbei?

Der Titel „Fratelli tutti“, den Papst Franziskus dem heiligen Franz von Assisi entnimmt, unterschlägt die Frauen. Auch erwähnt er in seinem Zitate-Fundus keine einzige Frau. Symbolfoto: Angelo Carconi/ANSA Pool/AP/dpa

© dpa

Der Titel „Fratelli tutti“, den Papst Franziskus dem heiligen Franz von Assisi entnimmt, unterschlägt die Frauen. Auch erwähnt er in seinem Zitate-Fundus keine einzige Frau. Symbolfoto: Angelo Carconi/ANSA Pool/AP/dpa

Für Franziskus ist das eine Frage der Haltung – der Haltung, das Wohl des Anderen zu wollen. Es geht um Solidarität und die unveräußerliche Menschenwürde, die jedem zuteilwird: ob er nun in Addis Abeba geboren ist oder in Baden-Baden. Das ist wohltuend wenig theologisch und überhaupt nicht verquast. Er überfrachtet seine Haltung nicht mit kopflastigen Jesusbild-Konstruktionen, sondern vertritt eine einfache Botschaft: Wolle das Wohl des Anderen.

Ein Novum und starkes Symbol

Der Papst zitiert aus Erklärungen anderer Bischofskonferenzen und zeigt damit, dass er sich nicht als oberster Glaubenslehrer sieht, sondern als gleichrangiger Bischof unter Bischöfen. Er zitiert auch seine Amtsvorgänger und verdeutlicht damit die Kontinuität im katholischen Denken. Und er zitiert ein gemeinsames „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen“, das er in Abu Dhabi im Februar 2019 mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb unterzeichnet hat. Es ist ein Novum und ein starkes Symbol, dass sich der Papst in einer Enzyklika auf so ein Dokument beruft.

Der Papst kritisiert Krieg und Todesstrafe, Rassismus und Nationalismus, er lobt die Charta der Vereinten Nationen: Das alles ist hochpolitisch. Seine Haltung der Weite im Denken und Empfinden hat ganz praktische Konsequenzen. Die einen schätzen genau das an Franziskus, die anderen halten das für wenig fundiert.

Einziger Schwachpunkt: Der Titel „Fratelli tutti“, den er dem heiligen Franz von Assisi entnimmt, unterschlägt die Frauen. Auch erwähnt er in seinem Zitate-Fundus keine einzige Frau. Ob gewollt oder nicht: Leider ist auch das ein Zeichen für Franziskus’ Haltung. Die Weite hat Grenzen.

Papst Franziskus: Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. Patmos-Verlag, 240 Seiten, 12 Euro.

Am 1. Dezember hat BT-Mitarbeiter Hans Wolf den zweiteiligen Roman „Fortunat“ von Otto Flake vorgestellt. Die Besprechung können Sie hier lesen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.