BT-Adventskalender: Verliebt in die Sprache

Baden-Baden (hdf) –Hinter dem 16. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich ein Prosaband der Dichterin Friederike Mayröcker. Nicht nur für Franz Schuh ist sie „verliebt in die Sprache“.

Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

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Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

Allein schon der Titel – köstlich! Wiewohl es sich bei den kurzen Texten nicht um Gedichte, sondern um Prosa handelt – zur Not könnte man sich auf Prosagedichte einigen –, ist auf dem Einband des neuen Buchs von Friederike Mayröcker der Titel in Verszeilen gebrochen: „da ich morgens / und moosgrün. / Ans Fenster trete“. In der gezielten Suspendierung grammatikalischer Korrektheit ist es ein typisch mayröckerischer Titel, und gerade in der souveränen Missachtung sprachlicher Regeln ist er von leuchtender, klingender Poesie. Im Band selber begegnet das Wort moosgrün (und also der Buchtitel als ganzer) nicht. Dafür sind die Texte durchsetzt mit den Begriffen morgens und Morgen – Lieblingswörter Mayröckers, die von einer grundsätzlichen Offenheit der Grande Dame der österreichischen Literatur sprechen: von der Bejahung jeglicher Form von Anfang und Neubeginn. Hübsch liest es sich an einer Stelle von den Paus-„Bäckchen des Morgens“, so wie sich überhaupt eine Kette von Diminutiven durch den Band zieht: Briefchen, Quell’chen, Glöckchen Eckchen …

Beobachtungen, Gedanken, vor allem Erinnerungen

Das Buch besteht aus poetischen Notaten: frei schwebend, ungebunden, assoziativ. Gleichzeitig sind sie stets datiert und also gewissermaßen zeitlich fixiert – das älteste auf den 22. September 2017 (Herbstbeginn, die Schwalben – „meine Geschwister“, wie es heißt – sind fortgezogen), das jüngste auf den 3. November 2019: Monate vor Corona, auch wenn der unheilvolle Begriff in dem Band öfter vorkommt (in unterschiedlicher Bedeutung und freilich stets in einer anderen als der gegenwärtig so drückend dominierenden). Die selten zwei Seiten übersteigenden Texte sind Beobachtungen, Gedanken, vor allem auch Erinnerungen. Wir begegnen Weggefährten und Freunden wie Gerhard Rühm und Arnulf Rainer – oder Franz Schuh, der die Dichterin sehr zutreffend „verliebt in die Sprache“ nennt. Man Ray, mit dem sie korrespondierte, heißt witzig „Phantasiefreund“ und „mein alter ego“: „Sie sind mein ready-made!“

„Ich bin noch jung in meinen Träumen, in meinen Träumen bin ich high“, lesen wir – und an anderer Stelle: „heute geträumt dasz ich wieder laufen konnte“. Zwei Zeilen später heißt es freilich auch: „wollen wir löschen: verlöschen, wie Kerze?“ Einmal scheint der eigene Tod vorweggenommen: „dies Lämpchen ist ausgegangen ade“. – Hoffentlich muss die literarische Welt noch lange auf die Nachricht warten, dass das Lebenslichtlein der 95-jährigen Poetin erloschen ist.

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete, Suhrkamp Verlag, Berlin, 24 Euro.

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