BT-Adventskalender: Zwischen Tradition und Moderne

Baden-Baden (sr) – Wie Iwan Turgenjew und die Viardots die Kultur Europas begründeten. Darum geht es im letzten Päckchen des diesjährigen BT-Adventskalenders.

Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

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Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

Nichts Geringeres als die Entstehung der europäischen Kultur legt Orlando Figes in seinem neuen Buch offen. Der britische Professor für Geschichte setzt dabei auf drei Protagonisten, die neben ihrer allgemeinen kulturgeschichtlichen Bedeutung gerade in unserer Region von besonderem Interesse sind: Den russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew, dessen große Liebe Pauline Viardot-Garcia und deren rechtmäßigen Ehemann, den Kunstkritiker Louis Viardot.

Die drei verbrachten ihr ganzes Erwachsenenleben zusammen, von 1863 bis 1870 residierten sie in zwei benachbarten Häusern an der Baden-Badener Fremersbergstraße. Ihre moderne „Ménage à trois“ ging in die Kulturgeschichte ein.

Anhand dieser drei exemplarischen und schon damals „europäischen“ Lebenswege zeigt der Autor verblüffende Zusammenhänge auf: Die Entstehung des Buchhandels, den neuen Beruf des Galeristen und das wertsteigernde Denken des Kunstsammlers führt Figes eloquent auf die neuesten technischen Errungenschaften jener Jahre zurück, allen voran die Erfindung der Eisenbahn. Schon Clara Schumann hat in ihren Briefen geschrieben, dass sie ohne diese neue Reisemöglichkeit niemals so große Tourneen unternommen hätte – und womöglich nie so bekannt geworden wäre.

Pauline Viardot setzte nicht nur als Sängerin neue Maßstäbe, sondern auch als Komponistin und Netzwerkerin.  Foto: BT-Archiv

Pauline Viardot setzte nicht nur als Sängerin neue Maßstäbe, sondern auch als Komponistin und Netzwerkerin. Foto: BT-Archiv

Gleiches gilt für Pauline Viardot, die Ausnahme-Mezzosopranistin, ein Topstar ihrer Zeit, die auch per Eisenbahn nach Russland reiste und dort für beispiellose Furore sorgte. Dass ihr Publikum ihre Kunst so zu schätzen wusste, liegt auch daran, dass die Fans selbst musikalisch gebildet waren. Figes verknüpft das mit der wenige Jahrzehnte zurückliegenden Erfindung der Gasbeleuchtung, dank derer man sich abends ohne weitere Mühen ans Klavier setzen oder ein Buch oder eine Partitur studieren konnte.

Spannend lesen sich die Berichte über die prominenten Künstlerzirkel, in denen sich das Trio an allen großen Lebensstationen bewegte. George Sand war eine der engsten Freundinnen in Paris, Giacomo Meyerbeer einer der prägendsten Komponisten, mit denen die Viardot arbeitete. Allein im Baden-Badener Salon der Künstlerin trafen sich Größen wie Franz Liszt, Theodor Storm, Richard Wagner, Johannes Brahms, Clara Schumann und noch viele andere mehr. Dass sie nicht eingeladen war, wenn Kaiser Wilhelm und Kaiserin Augusta oder Otto von Bismarck zu einer musikalischen Aufführung ins Haus Viardot kamen, hat Clara Schumann in einem Brief an Brahms bitter vermerkt. Figes räumt den Baden-Badener Jahren insgesamt viel Platz ein.

Iwan Turgenjew: Der russische Schriftsteller stand sein Leben lang im Bann der feurigen Ausstrahlung Pauline Viardots. Foto: dpa/Archiv

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Iwan Turgenjew: Der russische Schriftsteller stand sein Leben lang im Bann der feurigen Ausstrahlung Pauline Viardots. Foto: dpa/Archiv

Sein Buch ist weitschweifig und klein gedruckt, aber dafür erfährt man außerordentliche Details am Rande, die einem sonst leicht entgehen könnten: Turgenjews Nähe zur Landschaftsmalerei vielleicht, die sich in seinen Jagdbeschreibungen niederschlägt, oder Pauline Viardots Hang zu exorbitanten Honorarforderungen, die Figes als Zeichen ihrer frühen Emanzipation interpretiert. Und wie wichtig das eher stille Tagesgeschäft von Louis Viardot sowohl für die Ehefrau als auch für deren Lebensfreund gewesen ist, erfährt man in diesem Buch auch.

Orlando Figes: Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur, übersetzt von Bernd Rullkötter, farbiger Bildteil, Hanser Verlag, 640 Seiten, 34 Euro.

Weitere Geschenktipps aus dem BT-Adventskalender:

Mit der Besprechung des zweiteiligen Romans „Fortunat“ von Otto Flake hat am 1. Dezember der BT-Adventskalender begonnen.

Hinter dem Adventskalendertürchen am 2. Dezember verbirgt sich „Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ von Papst Franziskus.

Hinter dem dritten Türchen des musikalischen BT-Adventskalenders versteckt sich eine CD-Sammlung in Erinnerung an den im Dezember 2019 verstorbenen Dirigenten Mariss Jansons. Hier können Sie den Artikel lesen.

Hinter dem vierten Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich das brandneue Studioalbum der Ulmer Krautrock-Band Kraan. „Sandglass“ versprüht viel positive Energie.

Hinter dem siebten Kalendertürchen verbirgt sich Georg Patzers Besprechung von „Wo ihr mich findet“ von Taltal Levi.

Hinter dem 14. Türchen des BT-Adventskalenders geht es in „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes um die Zeit, in der die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ spielt.

Hinter dem 15. Türchen verbirgt sich ein Werk einer Autorin, die in Forbach lebt.

Hinter dem 16. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich ein Prosaband der Dichterin Friederike Mayröcker. Nicht nur für Franz Schuh ist sie „verliebt in die Sprache“.

BT-Mitarbeiterin Kirsten Voigt hat am 17. Dezember Monika Helfers „Die Bagage“ vorgestellt. Darin erzählt Helfer die Geschichte ihrer Großeltern im Jahr 1914.

Um den Gesprächsband von Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter ging es am 19. Dezember.

Hinter dem 21. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich die Fortsetzung von Christian Berkels Debütroman „Der Apfelbaum“. Hier können Sie die Besprechung von „Ada“ lesen.

Im literatisch-musikalischen Adventskalender des Badischen Tagblatts steckt am 22. Dezember „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche.


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