Korruptionsexpertin erklärt die DFB-Krise

Baden-Baden (ket) – Die Frankfurter Anti-Korruptionsexpertin Sylvia Schenk spricht im BT-Interview über den Deutschen Fußball-Bund – und was sich dort für einen Neuanfang alles ändern muss.

Dauerumtost von Skandalen: Der Deutsche Fußball-Bund gibt seit Langem kein gutes Bild ab.  Foto: Marc Tirl/dpa

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Dauerumtost von Skandalen: Der Deutsche Fußball-Bund gibt seit Langem kein gutes Bild ab. Foto: Marc Tirl/dpa

BT: Frau Schenk, Sie haben dem Deutschen Fußball-Bund Ihre Hilfe angeboten. Warum wollen Sie sich das antun?
Sylvia Schenk: Weil man das Trauerspiel um den DFB einfach nicht mehr mit anschauen kann. Im Kern ist der DFB schließlich sehr wichtig. Da wird total gute Arbeit geleistet, von der Basis in den Vereinen bis zu den Hauptamtlichen in der DFB-Zentrale. All das geht völlig unter angesichts des Bilds, das der DFB derzeit in der Öffentlichkeit abgibt. Wenn man sich anschaut, dass wir uns sowohl im internationalen als auch im nationalen Fußball in einer Zeit befinden, in der große Weichenstellungen anstehen, etwa bezüglich des Umgangs mit den Milliardenbeträgen, dann ist es von immenser Wichtigkeit, dass der DFB gut aufgestellt ist. Genau das ist derzeit definitiv nicht der Fall. Deshalb will ich meine Mithilfe anbieten, zumindest für einen Übergangszeitraum.

BT: Das heißt, Sie gehen davon aus, dass der DFB zumindest kein hoffnungsloser Fall ist.
Schenk: Nein! Nein! In diesem Verband steckt ganz viel Kraft, sonst hätte er sich die ganzen Eskapaden in den letzten Jahren gar nicht leisten können. Das Problem ist ja gerade, dass in dem, was der DFB macht, egal ob in den kleinen Vereinen oder in den Nationalmannschaften, immer noch so viel Power und Attraktivität steckt. Sonst hätte ihm das ganze Theater schon lange den Garaus bereitet. Ein schwächerer Verband wäre längst untergegangen.

BT: Wie sähen Ihre Erste-Hilfe-Maßnahmen aus? Woran krankt es am meisten?
Schenk: Als erstes muss man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sagen, dass sie wichtig sind und eine gute Arbeit machen. Und man muss schauen, an was in den einzelnen Bereichen gerade gearbeitet wird. Ich habe über die letzten Jahre mitbekommen, dass sich Dinge immer wieder verzögert haben, obwohl sie vorbereitet waren. Das Menschenrechtskonzept lag beispielsweise über zwei Jahre auf dem Tisch und wurde nicht verabschiedet. An solche Staus muss man ran. Die müssen aufgelöst werden. Zudem müsste man diese ganzen Steuerfragen, also all das, was da noch bei den Finanzbehörden und der Staatsanwaltschaft liegt, grundlegend analysieren und in Ordnung bringen, so dass die Dinge endlich geklärt werden können. Stattdessen war es ja so, dass zu den ganzen Altlasten immer noch etwas dazu kam. Auch die geplante Strukturumstellung, die vorsieht, einen Teil in eine GmbH auszugliedern sowie den eher gemeinnützigen Bereich im e.V., also im Verband, zu belassen, ist meines Wissens immer noch nicht konsequent umgesetzt. Da gibt es ganz viele offene Fragen, die ich im Detail jetzt nicht benennen kann. Aber ich würde mir anschauen, wie man möglichst schnell klare Verhältnisse schaffen kann.

Amtszeitbegrenzung gefordert

BT: Bei der Ausrichtung der Zukunft ist eine Analyse von Vergangenheit und Gegenwart unabdingbar. Wie fällt diese Ihrerseits aus?
Schenk: Da könnte man ja fast ein Buch drüber schreiben. Das eine Thema ist sicherlich alles, was mit 2006 zu tun hat, also mit der WM-Bewerbung samt dieser ominösen Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken sowie der Frage, wie mit alledem umgegangen wurde, auch steuerlich. Was die aktuellen Konflikte anbelangt, habe ich den Eindruck, dass es vorrangig immer darum geht, wer wo welche Machtposition hat und wie man sich diese am besten sichert. Dazu gehört auch die Frage: Wie behandelt man das Thema X so, dass es einem selber nutzt und einem anderen eher schadet, anstatt zu schauen, was ist für den DFB der beste Weg. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass bestimmte Dinge nur Leute machen können, die nicht in all dieses schon verbandelt sind und die zudem nicht den Ehrgeiz haben, die Machtposition eines DFB-Präsidenten einzunehmen. Sonst stecke ich sofort im nächsten Machtkampf. Mein Vorschlag wäre deshalb, ein Übergangszeitraum mit unabhängigen Personen anzustreben, die sagen: Ich helfe – und danach bin ich wieder weg.

BT: Ist das ein probates Mittel, um jahrzehntelange Vetterleswirtschaft und die daraus entstandenen Seilschaften zu zerschlagen?
Schenk: Das wird sich dann zeigen. Auf jeden Fall sollte man auch beim DFB zu einer Amtszeitbegrenzung kommen, so wie man es witzigerweise aus deutscher Sicht bei der FIFA gefordert hat, als dort die großen Skandale losbrachen. Das ist einfach etwas, was heutzutage zu moderner Führung dazugehört. Es geht darum, dass jede handelnde Person die eigene Rolle kennt. Nur so erhält man eine ausgewogene Machtbalance mit klaren Verantwortlichkeiten zwischen dem operativen Geschäft durch das Hauptamt und der Kontrolle und gewissen Repräsentationsaufgaben durch das Ehrenamt. Wobei das Präsidium in den vergangenen Jahren nie ehrenamtlich tätig war. Fritz Keller bekommt meines Wissens 260.000 Euro pro Jahr, DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge 150.000 und Vize Rainer Koch zumindest sein Richtergehalt vom DFB gezahlt. Das ist alles kein Ehrenamt.

BT: Die „Zeit“ hat gerade festgestellt, die Struktur des Verbands verhindere die Demokratie. Damit gemeint war, dass der DFB zwar sieben Millionen Mitglieder hat, am Ende aber nur 27 an den Schalthebeln sitzen und die Entscheidungen treffen. Sehen Sie das ähnlich?
Schenk: Nein, das würde ich nicht so krass sehen. Wir haben ja auch in der Bundesrepublik eine repräsentative Demokratie. Die Frage im Sport ist eher, wie so eine Demokratie gelebt wird, also ob man eine offene Diskussionskultur hat oder wie transparent Entscheidungen vorbereitet werden, solche Dinge.

„Keller ist an sich selbst gescheitert“

BT: Die Grabenkämpfe zwischen der Amateur- und der Profifraktion im Verband gibt es schon seit Jahrzehnten, sie sind quasi Tradition und scheinen unüberbrückbarer denn je. Wäre es am Ende vielleicht sogar besser, eine komplette Trennung vorzunehmen nach dem Motto: Der DFB kümmert sich ausschließlich um die Belange der Amateure, die DFL um jene der Profis?
Schenk: So lange die Männer-Nationalmannschaft aus Profis, die in der DFL spielen, besteht, ist eine völlige Trennung ja unmöglich. Es wird immer Schnittstellen geben, wo die beiden Organisationen kooperieren müssen. Umso mehr muss man darauf achten, dass dieses Grundmisstrauen – die eine Seite denkt immer, die andere Seite wolle sie über den Tisch ziehen – aufgearbeitet und beseitigt wird. Letztendlich geht es doch auch hier um das Beste für den deutschen Fußball – und das betrifft die Basis, wo die Talente ausgebildet werden, ebenso wie die Profis. Das muss sinnvoll miteinander verknüpft werden. Und soll mir keiner sagen, dass das nicht hinzukriegen ist.

BT: Sie haben für frischen Wind von außen plädiert, und für Personen, die nicht aus Eitelkeit handeln oder sich gar bereichern wollen. All das traf vor zwei Jahren auf Fritz Keller zu. An was ist er gescheitert?
Schenk: An sich selber. Wobei: So ganz von außen war er ja gar nicht. Er war immerhin Präsident des SC Freiburg. Fritz Keller ist bestimmt kein unrechter Typ und er hat das in Freiburg mit seiner kumpeligen Art und seinem Weingut im Hintergrund gut gemacht. Aber an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt mit dieser Medienlandschaft rund um den DFB – das ist einfach nochmal was völlig anderes. Hinzu kommt, dass Keller sich aus meiner Sicht ganz intensiv in viele Themen hätte reinarbeiten und strukturiert vorgehen müssen. Das aber habe ich nicht beobachten können. Er ist offenbar keiner, der auch mal längere Texte liest und ein Thema durchdringt – und dass dann auch nach außen vertreten kann. Stattdessen hat er bei mir den Eindruck hinterlassen, dass es ihm an Bereitschaft fehlt, sich auch mal in Dinge reinzufuchsen. Daran hat’s gefehlt. Das geht als DFB-Präsident einfach nicht. Auch sein Umgang mit Mitarbeitern war dann nicht immer so, wie er hätte sein sollen.

Übergangsteam soll aufräumen

BT: Kann man zusammengefasst sagen, er hat den DFB als Konstrukt mit all seinen Machenschaften unterschätzt und sich und seine Möglichkeiten überschätzt?
Schenk: Ja. Und immer nur zu sagen, ich bin der, der aufräumen will, aber alle blocken mich ab, das trägt auf Dauer auch nicht. Zumal man ja auch nicht weiß: Wo und wie hat er versucht, aufzuräumen?

BT: Wie könnte es zu der von Ihnen geforderten Blutauffrischung beim DFB kommen?
Schenk: Zunächst einmal müssten die derzeit handelnden Personen zurücktreten. Vorher geht gar nichts. Für eine Übergangszeit könnten dann zwei Personen von Außen als Präsident und Schatzmeister wirken, als Team wohlgemerkt – zusammen mit einer jüngeren, unbelasteten Person aus dem Bereich der Landesverbandspräsidenten. So eine Person sollte sich finden lassen. Auch das Installieren eines neuen Generalsekretärs sollte durch eine Aufhebungsvereinbarung mit Dr. Curtius prinzipiell machbar sein. Das könnte dann ein Übergangsteam bis zum nächsten Bundestag im Herbst nächsten Jahres sein. Dieses Team könnte aufräumen, den ein oder anderen Schlussstrich ziehen und so den Boden dafür bereiten, dass ein Team danach langfristig die Führung übernehmen kann, ohne zunächst einmal aufräumen zu müssen. Ein Präsident, der zuerst aufräumen muss, wäre sofort wieder in diesen Macht- und Grabenkämpfen drin. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Das hat bei Keller nicht funktioniert – und ich glaube auch nicht, dass es bei einer stärkeren Persönlichkeit funktionieren würde.

BT: Was müsste nach einem Neuanfang geschehen, um einen baldigen Rückfall in den aktuellen Zustand zu verhindern?
Schenk: Die Amtszeitbegrenzung hatte ich ja bereits genannt. Zudem müsste man insgesamt an der Führungs- und Diskussionskultur arbeiten. Wenn man mit neuen Leuten und so einer Beruhigungsphase anfängt, kann das schon funktionieren. Mann muss nur immer auf der Hut sein, dass die Strukturen nicht wieder verkrusten. Das ist eine Daueraufgabe.

BT: Vermehrt wird auch der Ruf nach einer Frau an der DFB-Spitze laut. Ist die Zeit für eine DFB-Präsidentin tatsächlich reif?
Schenk: Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich bin mir sicher, dass es dem DFB an allen Stellen guttäte, mehr Frauen und überhaupt mehr Vielfalt in der Führung zu haben. Im Moment gibt es nur Hannelore Ratzeburg, die seit Langem im Präsidium sitzt. Das kann’s auf Dauer nicht sein. Wenn wir uns anschauen, wie Frauen in anderen Bereichen, egal ob in Politik oder Wirtschaft, den Ton angeben... Wenn der DFB da nicht nachzieht und das auch nicht in seinen Verbandsgremien abbildet, dann ist er eben kein moderner Verband. Nur wenn es hier zu einer Erneuerung kommt, kann der DFB sich als moderner Verband aufstellen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
10. Mai 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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