BT-Interview mit Stardirigent Nézet-Séguin

Baden-Baden (rud) – Der kanadische Dirigent berichtet über seinen Beethoven-Zyklus zum Festspiel-Start im Festspielhaus Baden-Baden – und über die Psychologie hinter den Symphonien.

Bei der Fußball-WM 2014 kam Yannick Nézet-Séguin mit dem Deutschland-Trikot zur Mozart-Probe ins Festspielhaus: Ob er es nun wieder trägt, überlegt er noch. Foto: Marco Borggreve

© pr

Bei der Fußball-WM 2014 kam Yannick Nézet-Séguin mit dem Deutschland-Trikot zur Mozart-Probe ins Festspielhaus: Ob er es nun wieder trägt, überlegt er noch. Foto: Marco Borggreve

Yannick Nézet-Séguin gehört zu den weltweit gefragtesten Dirigenten. Nun kommt der Kanadier erstmals wieder nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie nach Europa, um im Festspielhaus Baden-Baden mit dem Chamber Orchestra of Europe alle Beethoven-Symphonien aufzuführen und aufzunehmen. Georg Rudiger sprach mit ihm über entlassene Orchestermitglieder an der MET, eine neue Normalität, seine Sicht auf Beethoven und über sein Deutschland-Trikot.

BT: Herr Nézet-Séguin, Sie haben am 22. Februar 2020 mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und der fünften Symphonie von Gustav Mahler im Festspielhaus Baden-Baden das letzte Konzert vor dem Lockdown dirigiert. Nun eröffnen Sie das Haus wieder vor Publikum mit Beethoven. Was bedeutet das für Sie?
Yannick Nézet-Séguin: Baden-Baden ist schon lange ein Teil meines Lebens – ich habe hier bereits viele interessante Projekte gemacht. Meine intensive Zusammenarbeit mit dem Chamber Orchestra of Europe begann in Baden-Baden mit den Mozart-Opern, die wir für die Deutsche Grammophon aufgenommen haben. Auch mit Intendant Benedikt Stampa verbindet mich eine lange Freundschaft. Wir haben schon in seiner Zeit am Konzerthaus Dortmund intensiv miteinander zu tun gehabt. Solche besonderen Momente kann man nicht planen und auch nicht vorhersagen. Es passiert einfach. Dieser anstehende Beethoven-Zyklus macht mich glücklich.

BT: Was verbinden Sie generell mit dem Festspielhaus Baden-Baden?
Nézet-Séguin: Höchste künstlerische Qualität. Man kann das Festspielhaus Baden-Baden aber nicht trennen von der Natur, die die Stadt umgibt. Meine Projekte dauerten meistens länger als nur einen Tag. Ich war auch schon zwei Wochen am Stück in Baden-Baden. Diese Zeit habe ich ausgenutzt, um hier zu wandern und die Natur zu genießen. Das wiederum ermöglicht mir noch einen stärkeren Fokus auf die Musik.

„Es war eine schreckliche Zeit“

BT: Es gibt kaum einen anderen Dirigenten, der wie Sie neben vielen Gastverpflichtungen musikalischer Direktor von zwei verschiedenen Orchestern und einem Opernhaus ist: Philadelphia Orchestra, Orchestré Metropolitain Montreal und das Metropolitan Opera House in New York City. Wie kamen Sie als vielbeschäftigter Dirigent mit dem Lockdown zurecht? War das eine Befreiung für Sie oder hatten Sie bald Langeweile?
Nézet-Séguin: Es war für die Kunst und die Künstler überall auf der Welt eine schreckliche Zeit. Dass wir als Chor und als Orchester nicht mehr zusammen sein durften, belastete uns alle sehr. Wir haben uns sofort gegenseitig vermisst. Ruhe hatte ich keine. Ich fühlte mich in dieser Zeit so ausgelastet wie nie zuvor, weil ich mich als musikalischer Direktor von drei Institutionen dafür eingesetzt habe, dass wir untereinander im Gespräch bleiben. Über digitale Angebote konnten wir den Kontakt zum Publikum halten. Was wir aber auch gelernt haben: Es gibt keine Kunst ohne den Austausch, es gibt keine Musik ohne das Publikum. Digitale Angebote können eine Ergänzung sein, aber niemals das eigentliche Konzerterlebnis ersetzen. Das sollten wir auch in Zukunft nicht vergessen.

BT: Die Mitglieder des Metropolitan Opera Orchestra wurden am 1. April 2020 entlassen. Viele von ihnen haben New York verlassen, weil sie sich das Leben in der Stadt ohne festes Einkommen nicht mehr leisten konnten. Im Januar haben Sie gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten einen Spendenaufruf gestartet, bei dem Sie die eingegangenen Gelder mit Ihrem Privatvermögen verdoppelt haben. War die Aktion ein Erfolg?
Nézet-Séguin: Auf jeden Fall. Aber die Situation ist für die Musikerinnen und Musiker wirklich sehr schlecht. New York wacht nun langsam wieder auf. Wir hoffen das Beste für die neue Saison, die im September beginnt. Wir planen eine normale Spielzeit.

Will mehr Menschen in Konzertsaal locken

BT: Wie würden Sie insgesamt die Situation der klassischen Musik in den USA beschreiben, wo das Musikleben viel mehr durch Sponsoren und private Gelder finanziert wird als in Europa?
Nézet-Séguin: Die Künste sind heutzutage leider immer und überall bedroht. Selbst in Europa geht das Geld manches Mal vor allem in die Institutionen und nicht an die Künstlerinnen und Künstler. Ich hoffe, dass nach dieser Krise jedem Land bewusst ist, dass Kunst für die Gesellschaft wichtig ist. In der Krise wird immer das zuerst aufgegeben, was zum Überleben nicht unbedingt notwendig ist. Kunst kann man nun mal nicht direkt in Geld umwandeln.

BT: Erwarten Sie wichtige Veränderungen in der internationalen Klassikszene nach der Pandemie?
Nézet-Séguin: Ich hoffe, dass niemand mehr zurück zur Normalität möchte. Ich hoffe, wir ergreifen die Gelegenheit, eine neue Normalität zu entwickeln, die besser ist als die alte. Wir Musiker möchten jeden Tag besser sein als am Tag zuvor. Wir möchten diesen Takt besser gestalten, jene Klangfarbe genauer treffen, diese Vorgabe des Komponisten überzeugender umsetzen. Wir können in der Programmgestaltung flexibler werden, wir können unsere Gesellschaft noch deutlicher repräsentieren, wir können noch mehr Menschen aus allen Bevölkerungsschichten bei uns im Konzertsaal willkommen heißen, wir können Konzerttourneen umweltfreundlicher planen, mit Residenzen an wenigen Orten. Wir können als Künstler verantwortungsvollere Bürger werden. Ich bin der erste, den das betrifft, weil ich wirklich international sehr beschäftigt bin. Ich möchte keine Hektik mehr, sondern mich auf bedeutsame Projekte beschränken wie jetzt diesen Beethoven-Zyklus in Baden-Baden.

BT: Als Dirigent ist es Ihnen wichtig, denn jeweiligen Klang und die Tradition eines Orchesters zu respektieren. Was ist für Sie das Besondere am Chamber Orchestra of Europe?
Nézet-Séguin: Das COE ist ein Orchester, das nicht permanent spielt, sondern für ausgewählte Projekte zusammenkommt. Es gibt noch einige Gründungsmitglieder, die mit Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt zusammengearbeitet haben. Dieses kollektive Gedächtnis spürt man wie auch bei den Berliner Philharmonikern oder dem Philadelphia Orchestra. Was das Orchester aber unterscheidet, ist die grundsätzliche Offenheit für neue Ideen. Diese Neugier ist die DNA des Orchesters und sofort zu spüren, wenn man mit ihm arbeitet.

BT: Das COE hat unter Nikolaus Harnoncourt zu Beginn der 90er-Jahre eine mittlerweile schon legendäre Gesamtaufnahme der Beethoven-Symphonien gemacht. Seine Kenntnis der historischen Aufführungspraxis hat diese Beethoven-Interpretation stark geprägt. Nun haben Sie den Mut, in Baden-Baden in diese großen Fußstapfen zu treten. Was unterscheidet Ihre Interpretation von der Harnoncourts?
Nézet-Séguin: Dirigenten wie Gustav Leonhardt, Reinhard Goebel, Christopher Hogwood, John Eliot Gardiner und Nikolaus Harncourt haben Großes geleistet. Sie haben in ihrer Zeit, ich meine hier die 80er- und frühen 90er-Jahre, die musikalische Interpretation grundsätzlich hinterfragt und gingen zurück zu den Wurzeln der Musik. Das hat mich als Student fasziniert – ich habe von diesen Spezialisten der historisch informierten Aufführungspraxis viel gelernt. Ich habe all das präsent, wenn ich mir eine psychologische Konzeption für die Beethoven-Symphonien überlege. Man könnte vielleicht sagen, der Zyklus wird „Harnoncourt 2.0.“ Mich interessiert es, wie uns heute die Musik Beethovens überraschen kann. Unsere Interpretation soll sich für das Publikum so anfühlen, als höre es diese Musik zum ersten Mal. Das ist mein Ziel.

BT: Als Deutschland im Jahr 2014 Fußballweltmeister wurde, kamen Sie mit einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft in die erste Probe von Mozarts Oper „Entführung aus dem Serail“ mit dem COE im Festspielhaus Baden-Baden. Glauben Sie, dass Sie das Trikot nach der Europameisterschaft wieder herauskramen müssen?
Nézet-Séguin: Sagen wir so (lacht): Ich würde das deutsche Trikot tragen, wenn es soweit käme.

Ihr Autor

Georg Rudiger

Zum Artikel

Erstellt:
27. Juni 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 40sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.