BT-Interview mit zwei Söhnen Mannheims

Baden-Baden (km) – Seit 25 Jahren erfinden sich die Söhne Mannheims neu. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich vor dem Konzert in Baden-Baden mit Karim Amun und Urgestein Rolf Stahlhofen unterhalten.

Immerwährender Wechsel dient den Söhnen Mannheims als kreativer Nährboden. Foto: Claus Geiss

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Immerwährender Wechsel dient den Söhnen Mannheims als kreativer Nährboden. Foto: Claus Geiss

Niemals Stillstand – immer Einklang: Seit 25 Jahren sind die Söhne Mannheims ein Künstlerkollektiv, dessen kreativer Nährboden immerwährender Wechsel ist. Somit wird jedes neue Album zum Debüt, gespickt mit neuen Stimmen und neuem Gedankengut. Giuseppe „Gastone“ Porrello und Karim Amun sind die jüngsten Sprösslinge – lange Zeit beäugt und schließlich sorgfältig ausgewählt von Band-Urgesteinen wie Rolf Stahlhofen. Denn die Söhne findet man nicht – sie finden dich. Für den musikalischen Spätzünder Karim Amun ist das noch immer kaum zu glauben. Live zu erleben sind die Söhne in diesem Jahr nur noch zweimal – zum Beispiel am 3. September im Kurhaus Baden-Baden. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich mit dem Neusohn Amun und seinem „großen Bruder“ Stahlhofen unterhalten.

BT: Herr Stahlhofen, Herr Amun, die Söhne Mannheims scheinen – vielmehr als eine Band – eine Art kreativer Strom zu sein, mit zahlreichen und ständig wechselnden Zuflüssen. Was sind die Söhne für Sie zum einen als Urgestein und zum anderen als Neuankömmling?

Rolf Stahlhofen: Für mich sind die Söhne Mannheims ein Lebensgefühl. Ein Universum, das funktioniert, mit 13 verschiedenen Universen, die zusammentreffen und doch immer wieder Gleichklang finden. Mit unterschiedlichen Charakteren, aber trotzdem eine Einheit – das ist ein Erfolgsgeheimnis. Sie haben sich nicht in Schubladen stecken lassen über die ganzen 25 Jahre, sondern sich verbunden zu einem – und das ist zeitlos.

Früher Fan, jetzt ein Teil davon

Karim Amun: Als Heidelberger im Rhein-Neckar-Delta wächst man mit den Söhnen auf. In meiner späten Kindheit waren das meine Stars. Ich habe deren Musik im Radio gehört, auf Viva die Videoclips gesehen. Das Bewusstsein, jetzt mit 35 Jahren ein Teil davon zu sein, das ist schon aufregend. Durch Proben und gemeinsame Zeit hat sich das reguliert. Aber man macht sich schon selbst einen gewissen Druck. Ich wollte mit meinem absoluten A-Game da auffahren und mir beweisen, dass ich da oben mitmachen kann. Ich wurde aber super abgeholt von den Jungs.

BT: Bei vielen Bands ist Beständigkeit auch ein Erfolgsgeheimnis. Bei den Söhnen gibt es immer wieder neue Gesichter, Stimmen, Hintergründe, neuen Input. Einerseits ein kreativer Nährboden – aber kann sich das nicht auch negativ auswirken?

Stahlhofen: Für mich hat es nur Vorteile, weil einfach jemand wie Karim – ich nenne jetzt ihn, weil er hier ist, sonst hätte ich einen anderen genannt (lacht) – ein anderes Gedankenelement mitbringt als Giuseppe „Gastone“ Porrello oder die anderen. Das macht dieses Künstlerkollektiv aus. Ich meine, „Gastone“ ist optisch und stimmlich der absolute Gegensatz zu Xavier, aber er bringt eine Ruhe mit und andere Vibes. Auch alte Songs werden jetzt auf die anderen Stimmen verteilt und das lässt etwas Neues entstehen.

Vermissen den Trubel auf der großen Bühne: Rolf Stahlhofen (links) und Karim Amun von den Söhnen Mannheims. Foto: Sebastian Weindel

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Vermissen den Trubel auf der großen Bühne: Rolf Stahlhofen (links) und Karim Amun von den Söhnen Mannheims. Foto: Sebastian Weindel

BT: Herr Amun, man könnte Sie als musikalischen Spätzünder betiteln: Erst mit 26 Jahren haben Sie sich auf die Bühne gewagt. Waren Sie sich Ihres Stimmtalents so unsicher?

Amun: Da muss man zwischen Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen unterscheiden. Ich war mir zwar bewusst, dass, wenn ich mich singen höre, mir das gefällt. Aber ich habe nicht darauf vertraut, dass andere das genauso sehen.

BT: Hat Sie vor Ihrem ersten Karaoke-Auftritt niemals jemand singen hören?

Amun: Doch, meine Freunde. Die haben mir schon immer gesagt, dass ich eine gute Stimme habe. Aber wer einmal „DSDS“ geschaut hat, der weiß, dass man seinen Freunden nicht blind vertrauen sollte (lacht). Beim ersten Karaoke-Besuch bin ich sogar alleine bis nach Darmstadt gefahren, weil ich wusste, da kenne ich keinen. Wenn das Publikum dann klatscht, dann kann ich wohl wirklich singen. Das war tatsächlich meine Premiere auf der Bühne. Erst danach habe ich mich auch in Heidelberg ans Mikrofon getraut. Dann wurde ich Karaoke-Moderator, danach Supervisor, und schließlich sang ich in der Band The Wright Thing. So ist das alles passiert.

BT: Wie kamen Sie von The Wright Thing schließlich ins Live-Team von Xavier Naidoo?

Amun: Da The Wright Thing die Band ist, mit der Xavier Naidoo einige seiner ersten Auftritte hatte, engagierte er sie als Live-Band für eine Fernsehshow. Ein Jahr später war ich dann dabei. Und so kam auch der Kontakt zu den Söhnen Mannheims.

„Irgendwo entlang des Weges sammeln wir die Leute ein“

BT: Es heißt, bei den Söhnen Mannheims wird nicht angeklopft, sie wählen ihre Mitglieder aus. Wie war das bei Ihnen?

Stahlhofen: Das mit dem Anklopfen ist so ein Mythos. Es würde einfach nicht groß Sinn machen, weil die Söhne ein humanes Gefüge sind, und es muss Klick machen. Irgendwo entlang des Weges sammeln wir die Leute ein.

Amun: Im Januar kam plötzlich die Frage: „Karim was machst du denn morgen?“ Dann kam die Einladung zu den Proben der Söhne und abends hieß es dann: „Oh, jetzt müssen wir noch ein Video machen mit Karims Shoutout als neuer Sohn“. So habe ich erfahren, dass ich nun dazugehöre.

BT: Was muss ein Künstler mitbringen, um ein Sohn werden zu können – abgesehen von Talent?

Stahlhofen: Man muss menschlich sein, muss einen starken Rücken haben. Es sind immerhin mehr als zehn Leute da, die auf einen eindreschen – voller Liebe. Es gibt Leute, die fallen uns auf und werden beobachtet. Es ist ein familiäres Ding. Entlang des Weges sieht man sich öfters, jammt mal. Irgendwann wird daraus eine Freundschaft oder eine Liebe. Dann macht man musikalische Kinder zusammen.

BT: Das jüngste Kind „Moral“ ist atmosphärisch und inhaltlich ein ganz schöner Brummer. Der Song thematisiert Kapitalismus, Kriege und die Gier der Menschen. Wie stehen Sie zur Message des Songs – die obwohl er bereits von „Gastone“ 2014 geschrieben wurde – brandaktuell ist.

Stahlhofen: Ich hatte „Moral“ schon eine lange Zeit im Visier, weil „Gastone“ und ich schon eine lange Story haben. Das war schon immer ein Song, von dem wir sagten, es wird die Zeit kommen, in der er raus muss. Und es gibt keine Bessere, als genau jetzt.

„Was gerade passiert wird im Geschichtsbuch stehen“

BT: Warum?

Stahlhofen: Jetzt sehen wir, wer die Gewinner dieser Krise sind. Es sind die, die immer gewinnen. Das, was gerade passiert – ich glaube, da sind wir uns einig –, wird im Geschichtsbuch stehen. Jetzt müssen wir entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. Wir müssen aufhören mit dieser vorgegaukelten Moral, sondern endlich Ideen auf den Tisch bringen, die etwas verändern. Und wir müssen das auch einfordern.

BT: Mal ehrlich – stecken wir nicht alle als Gesellschaft in diesem Sog aus Konsum, Geld, Erfolg und Macht – natürlich in unterschiedlichen Intensitäten?

Stahlhofen: Vielleicht haben wir da Glück als Musiker, denn wir sind so etwas wie die Hofnarren, die es früher gab. Deren Aufgabe war es irgendwie, zu gaukeln, und ab und zu dem König die Wahrheit ums Ohr zu schmieren, solange, bis sie dann einen Kopf kürzer gemacht worden sind. Man sagt, wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Heutzutage sind die Pferde schneller, da kann man so einen Song ruhig mal raushauen.

BT: Sie engagieren sich beide für gemeinnützige Projekte weltweit. Verstehen Sie Ihre Popularität auch als Verantwortung?

Stahlhofen: Die Popularität kam ja quasi erst nach dem Sein. Man wird ja in der Kindheit schon geprägt, war schon immer sensibel und hatte den Sender richtig eingestellt. Diese Popularität kann man jetzt natürlich nutzen, um die Türen, die sich dadurch öffnen, zu durchschreiten, und zu sehen, was man denn zusammen bewegen kann. Denn eines der Erfolgsgeheimnisse der Söhne ist schon immer das Wir gewesen. Wenn Leute zusammenkommen, entsteht immer etwas Besonderes. Wenn alle zusammen an einem roten Faden ziehen, zusammen losmarschieren, können sie viel bewegen.

BT: Missstände auszusprechen – ist das für die Söhne ein Muss? Oder könnte auch mal ein leichtes Sommer-Gedudel aus Ihrer Feder fließen?

Stahlhofen: Jedes Volk hört die Musik, die es verdient. Es gibt genügend Künstler, die vom blauen Himmel und Feuerwerk singen. Das ist auch alles gut und wichtig. Aber wir sind erwachsene Männer und es ist gerade einfach nicht die richtige Zeit, um Blabla zu singen. Dafür haben wir unsere Live-Konzerte, da sind wir ein chaotischer Sauhaufen, da wird viel gelacht und wir nehmen uns nicht zu ernst. Aber am Ende sollte man einen Gedanken gepflanzt haben.

Amun: Also wir sitzen auch bei einem Song wie „Moral“ nicht melancholisch im Proberaum und machen uns den ganzen Tag Gedanken um das Elend der Welt. Wir sprechen bewusst Dinge an, die aufstoßen. Früher hat sich kaum jemand dafür interessiert, was ich gesagt habe. Jetzt werde ich gehört, da ist für mich schon die Verantwortung dabei, etwas zu sagen, was zum Nachdenken animiert.

Stahlhofen: Wir wollen auch nichts mit dem erhobenen Zeigefinger predigen, sondern immer Platz für Interpretation geben.

BT: Herr Amun, inwiefern hat Corona Ihren Start in der Gruppe verändert?

Amun: Durch Corona befand sich die gesamte Band in einer neuen Situation. Das hat es mir schon ein bisschen leichter gemacht. Ich war weniger der Fremdkörper, der in eine bestehende Gruppe hinzukommt und sich einfinden muss.

Konzerte und Proben fehlen

BT: „Moral“ entstand während des coronabedingten Social-Distancing. Wäre das für die Söhne Mannheims ein Zukunftsmodell? 13 Musiker kriegt man doch bestimmt nicht immer so leicht unter einen Hut.

Stahlhofen: Ich persönlich mag Menschen gerne in einem Raum, um zusammen etwas zu erarbeiten. Wir haben aber auch Musiker in der Gruppe, die gerne im Studio basteln und es gut finden, dass ich sie gerade nicht zulabere. Ich fand es geil, als wir uns vor ein paar Wochen im Studio in der Alten Zigarrenfabrik Sandhausen getroffen haben, um ein Streaming-Konzert zu spielen, das nun im September als Livealbum erscheint. Mir fehlen seit Monaten Konzerte, mir fehlt die Aufregung, das Soundchecken und Proben. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch mal interessant, etwas zu schreiben und zu schauen, was hat denn der andere jetzt 500 Kilometer entfernt daraus gemacht. Man ist kreativer alleine, aber geiler ist es zusammen.

Amun: Ich habe mir zu Hause erst mal ein kleines Studio gebaut und mich technisch eingerichtet. Den ersten Corona-Monat habe ich mich mit der Technik beschäftigt zu produzieren und habe dann angefangen zu schreiben. Dann sitze ich in meinem Lieblingsrestaurant, baue mir eine kleine Shisha auf und lege los. Aber auch mir fehlt die Aufregung, der Trubel, und vor allem der Input von Außen.

Kurhaus „eine der schönsten Lokalitäten im Lande“

BT: Dann müsste die Vorfreude auf ihr Konzert am 3. September im Kurhaus Baden-Baden groß sein ...

Stahlhofen: Diese Konzerte saugen wir auf wie Süchtige. Wir hatten drei Autokinokonzerte – es war geil, aber es muss für mich nicht Normalität werden. Dieses Social-Distancing auf der Bühne ist uns unwahrscheinlich schwer gefallen, wir haben eigentlich so ein Kuschelding auf der Bühne.

Das Kurhaus in Baden-Baden ist für mich eine der schönsten Lokalitäten im Lande und macht mich immer ganz ehrfürchtig. Ich bin freudig erregt, da spielen zu dürfen.

Amun: Wenn wir die Chance haben, zu spielen, lassen wir es uns nicht nehmen, Vollgas zu geben – ob da 100 Leute sind oder 1.000 macht keinen Unterschied. Ich bin durch Corona ehrfürchtiger geworden. Ich bin für Jeden dankbar, der bereit ist, in diesen Zeiten Livemusik hören zu wollen.

BT: Macht es ein kleiner Rahmen wie im Kurhaus für Neuzugänge leichter?

Amun: Für mich schwingt bei allen Auftritten ab 500 Leuten eine gewisse Anonymität mit. Je weniger es werden, um so eher fühlt man sich ein bisschen wie unter dem Mikroskop. Je kleiner und intimer, desto eher fallen Fehler auf.

Stahlhofen: Worauf ich mich in Baden-Baden wirklich freue, ist die Intimität des Raumes. Wenn man jeder Person ins Gesicht schauen kann und die Regung sieht. Das wird ein schöner und entspannter Abend sein.

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Erstellt:
29. August 2020, 09:30 Uhr
Lesedauer:
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