BT-Kolumne: US-Profiligen setzen Zeichen

Washington (mi) – Im Kampf gegen Rassismus sind auch die US-Profisportligen und ihre Stars aktiv geworden. NBA-Star LeBron James greift etwa aktiv in den Wahlkampf ein.

„Muss einer von uns durch Polizeibrutalität getötet werden? Was, wenn ich George Floyd wäre?“: Super-Bowl-Champion Patrick Mahomes (links). Foto: Charlie Riedel/AP

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„Muss einer von uns durch Polizeibrutalität getötet werden? Was, wenn ich George Floyd wäre?“: Super-Bowl-Champion Patrick Mahomes (links). Foto: Charlie Riedel/AP

Seine Stimme hat Gewicht. „Ihr habt mein Wort, dass ich bis zu meinem Todestag, bis zu meinem letzten Atemzug, alles in meiner Macht stehende tun werde, um die notwendige Veränderung herbeizuführen und Gleichheit herzustellen.“ Dwayne Johnsons Botschaft ist ein Versprechen, und es kann davon ausgegangen werden, dass nahezu jeder seiner 185 Millionen Abonnenten auf Instagram die Worte des US-Hollywoodstars unterstützt. Der charismatische Ex-Wrestler war wie Millionen andere Menschen geschockt von der weißen Polizeigewalt, die das Leben des schwarzen Afro-Amerikaners George Floyd in Minneapolis am 25. Mai beendete.

Seither protestieren Menschen aller Hautfarben weltweit gegen Rassismus. Künstler, Politiker, Sportler. Unter Letzteren tummeln sich gerade im populären Football und Basketball Hundertschaften dunkelhäutiger Profis. Viele haben bis Minneapolis mit ihrer Meinung jahrelang still gehalten, jetzt nicht mehr. So gingen in einem emotionalen Video der derzeit beste Quarterback und Super-Bowl-Champion Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs mit einigen Kollegen in die Offensive und setzten die milliardenschwere Gelddruckmaschine NFL unter Druck. „Wie oft müssen wir euch bitten, auf eure Spieler zu hören? Was muss dafür passieren? Muss einer von uns durch Polizeibrutalität getötet werden? Was, wenn ich George Floyd wäre?“

„Ein schwarzer Quarterback muss jedes noch so kleine Detail richtig machen“

Noch direkter wurde Ex-Champion Martellus Bennett in seinen Tweets: „Die NFL ist ein Rassist. Rassismus ist der Hauptgrund, warum sie keine schwarzen Coaches haben – nicht wegen fehlender Qualifikation. Wir alle wissen, wie die weißen Teambesitzer, die die Coaches einstellen, über schwarze Spieler denken. Genauso denken sie über schwarze Coaches.“ Bennett liegt gewiss richtig in seiner Einschätzung, dass die profitable Liga gar nicht auf die schwarzen Spieler verzichten kann. Laut einer Universitäts-Studie sind es aktuell 59 Prozent. So sind die flinken und superschnellen Wide Receiver fast ausschließlich dunkelhäutig.

Ganz anders sieht es auf der wichtigsten Position aus, dem Quarterback, also dem Denker und Lenker des Spiels. Patrick Mahomes ist einer der wenigen nicht-weißen Starspieler. Bennett weiß warum: „Ein schwarzer Quarterback muss jedes noch so kleine Detail richtig machen. Baker Mayfield darf mit seinen weißen Privilegien jedoch machen, was er will.“

Lamar Jackson von den Baltimore Ravens machte vor der Anmeldung zum NFL-Draft seltsame Erfahrungen, als ihm weiße Scouts einen Positionswechsel vorschlugen. „Ich dachte, das sollte ein Witz sein, doch es hörte nicht auf“, wunderte sich der 23-Jährige, der vergangene Saison stolze 36 Touchdowns erzielte. Als Quarterback wohlgemerkt.

Bennett glaubt, dass die Schwarzen in diesem Haudrauf-Sport früh in die Abhängigkeit getrieben werden. „Die Coaches, Besitzer und Verantwortlichen auf allen Ebenen verpassen ihnen eine Gehirnwäsche, damit sie sich nur auf den Sport konzentrieren. Wenn man das aber zulässt, verliert man seine Identität.“ Martellus Bennett kann sich die offenen Worte erlauben, er hat nach zehn NFL-Spielzeiten bei fünf verschiedenen Teams seine Karriere 2018 beendet.

Sinneswandel von Drew Brees

Wie es gehen kann, wenn man während der Karriere nicht schweigend die alltäglichen Nadelstiche über sich ergehen lässt, erfuhr 2016 Colin Kaepernick von den San Francisco 49ers auf krasse Weise. Seine Geste, per Hinknien während der Nationalhymne auf Rassismus aufmerksam zu machen, kostete ihn den lukrativen Job. Seitdem ist er arbeitslos, nicht zuletzt deshalb, weil Donald Trump ihn als „Hurensohn“ titulierte. Mit Feuern kennt sich keiner besser aus als der US-Präsident.

An dessen geistiger Gesundheit zweifelten nicht wenige, als Trump Mitte Juni einen seltsamen Sinneswandel vollzog. „Was das Knien betrifft, würde ich gerne sehen, dass Kaepernick eine zweite Chance bekommt.“ Der Cheftrainer der Los Angeles Chargers sprach aus, was schon lange die Mehrheit der NFL-Fans dachten. „Es wäre doch verrückt“, sagte Anthony Lynn, Kaepernick nicht zumindest zum Probetraining einzuladen.

Dass nicht wenige Opportunisten auch in der Liga unterwegs sind, verdeutlichten die 180-Gradwendungen eines Drew Brees. Erst empfand der Quarterback der New Orleans Saints das Hinknien als respektlos gegenüber der US-Nationalflagge, als dann aber der Shitstorm in den sozialen Medien über ihn hereinbrach, entschuldigte er sich devot. „Ich weiß, dass das viele Menschen verletzt hat. Ich werde es besser machen. Ich bin euer Verbündeter.“

NFL stellt 250 Millionen Dollar zur Verfügung

Auch der mächtige NFL-Boss Roger Goodell setzte erst auf leere Worthülsen, ehe er in einem kurzen Clip Unterstützung versprach: „Wir, die NFL, glauben, dass schwarze Leben wichtig sind. Es bleibt dringender Handlungsbedarf.“ So will die NFL die nächsten zehn Jahre 250 Millionen Dollar im Kampf gegen Rassismus zur Verfügung stellen.

Handlungsbedarf sieht auch Mark Cuban, Eigentümer des Basketball-Teams der Dallas Mavericks und Intimus von Ikone Dirk Nowitzki: „Die harte Realität ist, dass weiße Menschen wie wir sehr defensiv werden, wenn es um unsere Privilegien geht. Wir sagen, dass wir viele schwarze Freunde haben. Wir müssen damit aufhören, weil wir so nicht weiterkommen. Deshalb müssen wir nun diese schwierigen Gespräche führen.“

Hat sich selbst unter die Demonstranten gemischt: Tyler Seguin von den Dallas Stars. Foto: Ronald Martinez/Getty Images/AFP

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Hat sich selbst unter die Demonstranten gemischt: Tyler Seguin von den Dallas Stars. Foto: Ronald Martinez/Getty Images/AFP

Das hat ebenso die NHL erkannt. In keiner anderen Major-Sportart sind weniger Dunkelhäutige im Einsatz als im Eishockey, nur rund 35 Stammspieler bei 31 Teams. Top-Center Tyler Seguin von den Dallas Stars mischte sich selbst unter die Demonstranten in Texas und bekannte: „Ich muss mir selbst die Frage stellen, wie ich es so lange nicht bemerkt habe. Als erfolgreicher Spieler in einem vornehmlich weißen Sport ist es meine Schuld, Rassismus nicht wahrgenommen zu haben. Darauf bin ich nicht stolz. Ich denke, dass ich Menschen immer gleich behandelt habe, aber ich habe nun das Gefühl, dass ich eine Verantwortung habe, mehr zu tun.“

Willie O’Ree war der erste Schwarze, der 1958 NHL-Eis betrat. „Rassismus verschwindet nicht über Nacht. Ich habe es selbst als Spieler erlebt“, weiß der Pionier aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu berichten. 62 Jahre später sieht es nicht besser aus, erst im vergangenen November trat Cheftrainer Bill Peters von den Calgary Flames zurück, als aufgedeckt wurde, dass er den in Nigeria geborenen Akim Aliu Jahre zuvor massiv beleidigt hatte. „Es ist eine traurige Zeit. Wir sind im Jahr 2020 und beschäftigen uns immer noch mit Dingen, mit denen sich unsere Väter, Großväter und Urgroßväter befasst haben“, sagte Aliu im kanadischen TV. Aus Angst vor Repressalien ging er erst nach seinem Karriereende an die Öffentlichkeit.

Als erst dritter farbiger Spieler wurde Jarome Iginla Ende Juni in die Ruhmeshalle aufgenommen. Der zweimalige Olympiasieger mit Kanada bestritt von 1996 bis 2017 1 554 NHL-Spiele. „Ich habe mich selbst nicht als schwarzen Spieler gesehen, gleichwohl ist mir bewusst gewesen, dass ich einer bin“, bemerkte Iginla.

Kane gründet „Hockey Diversity Alliance“

Der ebenso dunkelhäutige Starstürmer Evander Kane von den San Jose Sharks kennt die Mechanismen des Geschäfts nur zu gut: „Das Problem ist, dass du deinen Kopf runternimmst, zur Arbeit gehst und die Klappe hältst. Das ist die Botschaft, mit der du im Alter zwischen fünf und acht aufs Eis gehst. Und es wird dir ständig eingehämmert, sich an das anzupassen, was alle anderen auch machen. Ob sich das jemals ändert? Ich hoffe es. Ich werde versuchen, ein Teil des Prozesses und der Lösung zu sein, um eine Veränderung herbeizuführen.“

So hat Kane gemeinsam mit Aliu die „Hockey Diversity Alliance“ gegründet, in der eine siebenköpfige Gruppe aktueller und ehemaliger schwarzer NHL-Profis sich dem Kampf gegen Intoleranz verschrieben hat. „Wir werden Vielfalt auf allen Ebenen unserer Sportart fördern. Außerdem werden wir uns darauf fokussieren, die Eishockey-Community über die Rassismusprobleme zu informieren und uns für Akzeptanz und Gleichheit einsetzen“, wird die Allianz zitiert.

Auch LeBron James präsentiert sich als Mann der Tat, indem er aktiv in den US-Wahlkampf eingreift. Der NBA-Superstar der Los Angeles Lakers hat mit anderen schwarzen Prominenten eine Initiative zum Schutz des Wahlrechts von Afroamerikanern gegründet, genannt „More than a vote“ (Mehr als eine Wahlstimme). „Jetzt ist es für uns an der Zeit, endlich etwas zu bewirken. Wir werden den Hintergrund dazu erklären, wie man abstimmt, und was die andere Seite versucht, um dich vom Wählen abzuhalten“, erläuterte der dreimalige NBA-Champion.

Greift aktiv in den US-Wahlkampf ein: LeBron James (links), dreifacher NBA-Champion. Foto: Frederic J. Brown/AFP

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Greift aktiv in den US-Wahlkampf ein: LeBron James (links), dreifacher NBA-Champion. Foto: Frederic J. Brown/AFP

Nicht zum ersten Mal outen sich die US-Fußballerinnen in Sachen Weltoffenheit und Toleranz als Vorzeigekämpferinnen in den alles andere als Vereinigten Staaten. Frontfrau Megan Rapinoe und ihre Teamkolleginnen lösten bei ihrem Verband gleich zwei Forderungen ein. Zum einen entschuldigte sich die USSF bei ihren schwarzen Spielerinnen, Angestellten und Anhängern. „Wir haben nicht genug getan, um zuzuhören und die sehr reale und bedeutungsvolle Erfahrung unserer schwarzen und der anderen Minderheiten in unserem Land anzuerkennen.“

„Für Sportverhältnisse ist das eine Lawine“

Zudem kippten die aktuellen Weltmeisterinnen die Kniefall-Regel. Seit 2017 war es verboten, vor Länderspielen bei der Nationalhymne zu knien statt zu stehen. „Es ist klar geworden, dass diese Regel falsch war und von der wichtigen Botschaft der Black-Lives-Matter-Bewegung abgelenkt hat. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können in Zukunft einen Unterschied machen“, vollzog der neu aufgestellte Verband die Kehrtwende.

„Für die Verhältnisse des Sports ist dies eine Lawine. Diejenigen, die eine starke Meinung vertreten, scheren sich nicht darum, was Trump und dessen mobbender Account über sie zu sagen haben“, schlussfolgerte die „Washington Post“. Natürlich war auch Amerikas Sweethearts Donald Trumps Twitter-Hagel sicher. Künftig werde er sich Soccer ebenso wie die NFL „nicht mehr anschauen“. Hat er doch schon Drew Brees peinlich genau darüber aufgeklärt, wie das Verhältnis eines guten Amerikaners zu den Stars and Stripes zu sein habe: „Wir sollten dabei aufrecht stehen, idealerweise salutieren oder die Hand aufs Herz legen.“ Traurig, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch im Sport immer mehr zu einem Volk der begrenzten Unmöglichkeiten wird.


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