BT-Serie „Unsere Besten“ mit Radsportler Bailer

Baden-Baden (BT) – Die BT-Sportredaktion würdigt die Athleten aus der Region mit einer neuen Serie mit dem Titel „Unsere Besten“. An der Reihe ist der Baden-Badener Extremradsportler Tobias Bailer.

Tobias Bailer ist ein Mann der Extreme: Beim Race around Austria spulte der Baden-Badener 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter in lediglich fünf Tagen und acht Minuten ab. Foto: Privat

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Tobias Bailer ist ein Mann der Extreme: Beim Race around Austria spulte der Baden-Badener 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter in lediglich fünf Tagen und acht Minuten ab. Foto: Privat

Tobias Bailer ist ein Mann der Extreme. Kein Wunder, ist der Baden-Badener doch Ultra-Radfahrer. 2020 nahm er am Race around Austria teil, bewältigte 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter in lediglich fünf Tagen und acht Minuten. Als zweitbester Deutscher landete Bailer im Gesamtklassement auf Rang sieben.

BT: Herr Bailer, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Jahr 2020 zurück?
Tobias Bailer: Gemischt, wir hatten so eine Pandemie in diesem Ausmaß noch nie erlebt. Man lernt ganz schnell, wieder ganz banale Dinge zu schätzen, sei es nur ein Treffen mit Freunden oder auch mit dem Partner Essen zu gehen. Was ich erschreckend fand, war das Verhalten von Menschen, die den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollten und eine Verschwörung hinter dem Ganzen sehen. Diese Menschen sollten sich mal mit Betroffenen unterhalten oder mit Menschen, die ihre Liebsten durch Covid-19 verloren haben, vielleicht würden sie dann ihre Einstellung korrigieren.

BT: Was wird wohl am ehesten in Erinnerung bleiben?
Bailer: Was mir in Erinnerung bleiben wird, ist das Gemeinschaftsgefühl, das bei der Mehrheit der Menschen zu sehen und zu fühlen war, der Zusammenhalt in schwierigen Situationen und die Zuversicht, die Krise gemeinsam zu bewältigen. Sportlich wird mir auf jeden Fall die Absage der Olympischen Spiele und der Paralympics in Erinnerung bleiben, verbunden mit dem Mitgefühl für alle Sportler, die sich akribisch auf diesen Saison- oder sogar Lebenshöhepunkt vorbereitet haben. All diesen wünsche ich, dass es ihnen möglich sein wird, in diesem Jahr an den Start zu gehen.

BT: Wie hat Corona Ihr Leben als Sportler beeinflusst?
Bailer: Man wird vorsichtiger im täglichen Leben, was das Thema Ansteckungsrisiko angeht. Sei es beim Einkaufen, aber auch bei allen sonstigen Kontakten im täglichen Leben und im Training. Du hast einfach immer im Hinterkopf, was es bedeuten würde, wenn du dich mit Corona anstecken würdest und welche Folgen eine Infektion auf den Rest der geplanten Saison hätte.

BT: Wie sehr mussten Sie Ihr Training einschränken?
Bailer: Zum Glück konnte ich mein Training ohne Einschränkungen durchführen, lediglich das Athletiktraining wurde nicht im Fitnessstudio, sondern zuhause unter der Aufsicht des Trainers durchgeführt. Ich bin in der glücklichen Lage, dass mein Athletik- und Mentaltrainer auch gleichzeitig meine Frau ist – und somit alles völlig coronakonform durchgeführt werden konnte. Das Training auf dem Rad war im ersten Lockdown geprägt durch Einheiten auf der heimischen Trainingsrolle, um das Risiko eines Unfalls zu minimieren und nicht den Krankenhäusern unnötige Arbeit aufzuhalsen.

BT: Und wie sah es mit Wettkämpfen aus? Wie viele konnten Sie absolvieren? Wie viele fielen aus?
Bailer: Bei mir beschränkt es sich über eine Saison auf drei, vier Wettkämpfe. Im letzten Jahr sind dabei die ersten beiden ausgefallen, der Start im Mai beim Race across Italy ebenso wie der Start beim Glocknerman, der WM für Ultraradfahrer. Mein Saisonhöhepunkt war der Start beim Race around Austria, und dieses Rennen konnte zum Glück aufgrund des Einzelstartmodus durchgeführt werden.

BT: Wie schwer war es, sich davon nicht zermürben zu lassen? Oder so gefragt: Wie haben Sie die Motivation oben gehalten?
Bailer: Überhaupt nicht schwer. Mich zermürbt etwas nicht so schnell, sonst könnte ich diesen Sport gar nicht durchführen. In einem Rennen über fünf Tage erlebst du immer wieder Situationen, die sehr stark an das tägliche Leben erinnern. Es gibt Phasen, in denen du alles infrage stellst. Und es gibt Phasen, in denen du alles niederreißen könntest vor Euphorie. Wichtig ist, dass letztere überwiegen und die Phasen des Zweifelns schnell ablösen. Das ist ein Lernprozess. Mir hilft dabei immer das Gespräch mit meiner Frau Stefanie, die als ausgebildete Sport-Mentaltrainerin genau weiß, welche Stellschrauben sie bedienen muss, sei es in der Vorbereitung oder im Rennen. Das Thema „Motivation hochhalten“ ist bei uns allgegenwärtig und gehört bei uns dazu. Wir sind beide Wettkampfsportler und wissen ganz gut mit schwierigen Situationen umzugehen. Ein Saisonabbruch hätte auch gleichzeitig bedeutet, dass all die Einheiten zuvor schlichtweg umsonst gewesen wären – der ganze Schweiß und ja, auch zum Teil die Schmerzen wären umsonst gewesen. Das hätte ich gegenüber mir nicht rechtfertigen können.

BT: Welche Erfolge haben Sie erzielt?
Bailer: Mein Start beim Race around Austria war sehr erfolgreich. Mein primäres Ziel war, dass ich mit meiner Begleitcrew sicher und im vorgegebenen Zeitlimit das Ziel erreiche. Alles andere war im Vorfeld nicht kalkulierbar, da ich zum ersten Mal eine solch lange Distanz als Solofahrer absolviert habe. Unterm Strich stand am Ende ein siebter Platz, damit war ich zweitbester Deutscher. Das war für mich und meine Crew richtig klasse und mehr als zufriedenstellend. Das Ziel nach 2.200 Kilometern und 30.000 Höhenmetern in fünf Tagen und acht Minuten zu erreichen, war grandios.

BT: Was wünschen und erhoffen Sie sich vom gerade begonnenen Jahr 2021?
Bailer: Mein größter Wunsch ist es, dass wir alle gesund bleiben und die Corona-Pandemie in den Griff bekommen, um hoffentlich bald wieder ansatzweise ein ganz normales Leben führen zu können. Dafür müssen wir jetzt alle daran mitarbeiten und uns an die Regeln halten. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir zu früh versuchen, in den ganz normalen Alltag zurückzukehren und dann mit vollem Speed in die nächste Welle reinsteuern. Sportlich erhoffe ich mir, dass meine geplanten Rennen durchgeführt werden können und ich Ende April in Italien am Start stehen kann. Wie im vergangenen Jahr sind dann im Juni die Weltmeisterschaft und im August wieder das Race around Austria auf der Agenda. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, das Training läuft nach Plan.

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Erstellt:
4. Februar 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 55sec

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