BT-Sportkolumne: Dennis Schröder verzockt sich

Baden-Baden (mi) – Im Feilschen um einen Megavertrag bei den LA Lakers hat sich der deutsche NBA-Profi Dennis Schröder verzockt. Bei den Boston Celtics muss er mit einem Einjahresvertrag neu anfangen.

Dennis Schröder (rechts) hat nicht zum Höhenflug bei den Los Angeles Lakers angesetzt. Nirgendwo war seine Titelchance größer als in Kalifornien. Foto: Ashley Landis/AP

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Dennis Schröder (rechts) hat nicht zum Höhenflug bei den Los Angeles Lakers angesetzt. Nirgendwo war seine Titelchance größer als in Kalifornien. Foto: Ashley Landis/AP

Das All-in-Gen ist in seiner DNA fest verankert. Volles Risiko gehen, zeugt von Mut, Abenteuerlust, aber auch Zockermentalität, auch der Gier von immer mehr. Dennis Schröder scheint diesen Thrill in seinem Leben zu brauchen, privat wie beruflich. Der zweitbekannteste deutsche Basketball-Profi taugt nicht zum pflegeleichten NBA-Profi, der Punkte zuverlässig liefert und ansonsten brav seinen Rasen vor der prunkvollen Villa mäht oder besser mähen lässt.

Der 28-Jährige gibt sich auch nicht damit zufrieden, in der Liga den Ruf als coolster Skateboarder der Multimillionäre innezuhaben. Auf den sozialen Medien zeigt er gerne seine Kunststücke den vielen Fans vor und wetteifert im Netz zum Beispiel mit Klay Thompson von den Golden State Warriors, der auch gerne den Lord of the Boards mimt. Der Unterschied ist nur, dass Thompson nach seiner Vertragsverlängerung um fünf Jahre 189 Millionen Dollar auf seinem Konto weiß, während Schröder als Provinzdepp dasteht, der im Pokern um eine ähnliche Riesensumme ebenso krass versagte wie in den Playoffs der Vorsaison und deshalb Häme en masse auf sich zog.

84 Millionen Dollar Gehalt abgelehnt

Dabei hatte der gebürtige Braunschweiger das große Glück, bei der NBA-Adresse schlechthin gelandet zu sein nach fünf Spielzeiten bei den Atlanta Hawks und zwei für Oklahoma City. Prestigeträchtiger und erfolgreicher als die Los Angeles Lakers ist keine NBA-Organisation. In Tinsel Town glitzern abends nicht nur die Hollywood-Sterne über den Hügeln, sondern unten in Down Town im Staples Center auch die Basketball-Götter, allen voran Superstar LeBron James und der nicht minder geniale Anthony Davis. Wer ein solches Duo in seinen Reihen weiß, kann sich jedes Jahr Chancen auf den Titel ausrechnen. Schröders Job dabei war es, primär den Weg durch die eigene Zone abzudichten, sich die Rebounds zu schnappen und selbst ein bisschen zu punkten. Das klappte zum Saisonstart im Vorjahr prima, Big Boss James verteilte Lob, und Lakers-Manager Rob Pelinka offerierte dem deutschen Shooting Star ein Angebot über 84 Millionen Dollar über vier Jahre. Keine Peanuts, schon gar nicht in Corona-Zeiten. Was auch immer ihn dazu bewog, der Point Guard lehnte ab. Größenwahn? Man mag es fast glauben, wenn man seine Begründung für die schroffe Absage hörte. „Das ist einfach mal eine Sache, das will ich mal fühlen, das will ich mal erfahren, wie es ist auf dem Spielermarkt.“

Jetzt weiß er genau, wie es sich anfühlt, sich komplett verzockt, sich zum Narren der gesamten bunten Szene gemacht zu haben. Schröder beherzigte nämlich eines plötzlich nicht mehr: Wer viel fordert, muss noch mehr leisten. Als es nämlich darauf ankam, und das sind für die Lakers ausschließlich die Playoffs, spielte der Spielmacher wie ein billiger Amateur oder bekiffter College-Student. Beim frühen Aus hatte Schröder einmal die Zahl null auf dem Scoreboard stehen, zudem verbuchte er katastrophale Dreier-Quoten, und unter dem eigenen Korb ließ er die Gegner auch gnädigst durchmarschieren.

Legende Magic Johnson sparte nicht mit öffentlicher Kritik

In Hollywood werden auf dem Walk of Fame Sterne vergeben, es werden aber auch Karrieren vernichtet. Legende Magic Johnson, der mit den Lakers in den 80ern fünf Titel gewann, richtete den Zeroman öffentlich hin: „Ich glaube nicht, dass er diese Mentalität und diesen Siegeswillen hat, den es braucht, um ein Leader zu sein.“ Selbst Edelfan Jack Nicholson verzog in der ersten Sitzreihe eine Killermiene wie sonst nur in seinen größten Schurkenfilmen.

Dennis Schröder war voll durch und merkte es nicht mal. Der Spielermarkt füllte sich nach und nach im Sommer, doch keiner wollte ihn haben. Sanfte Bande, die die Chicago Bulls und New York Knicks knüpfen wollten, wurden schnell gekappt, da sich Schröder weiter im dreistelligen Millionenbereich sah. Der Möchtegern-Superstar konnte jeden Tag nachlesen, wie andere vertragslose Spieler einen neuen Deal an Land zogen. Nur er nicht. Irgendwann war die Tür nur noch einen Spalt offen.

5,9 statt 9,5 Millionen Dollar pro Jahr

Dennis Schröder unterzeichnete schließlich einen vergleichsweise läppischen Einjahresvertrag bei den Boston Celtics. Erst forderte er 9,5 Millionen Dollar pro Jahr, letztlich musste er bei 5,9 Millionen klein beigeben. Die Gehaltsobergrenze (Salary Cap) der Celtics ließ keine persönlichen Träumereien zu. Auch das gewünschte zweite Vertragsjahr gewährte die Organisation, die ihre besten Jahre mit der einstigen weißen Ikone Larry Bird lange hinter sich hat, ihm nicht. Wenn es weiter nicht optimal läuft, wird Schröder zum „Sitzenbleiber“. Denn im gleichaltrigen Marcus Smart haben die Celtics einen sehr smarten zweiten Spielmacher. Pflichtschuldig sprach der Deutsche bei der Vorstellung davon, „stolz“ zu sein, es werde eine „Ehre sein, das grün-weiße Trikot anzuziehen“. PR-Gefasel, alle müssen so etwas sagen. Eine realistische Titelchance hat er in der am 21. Oktober startenden neuen Saison keine.

In Amerika steht Schröder nun als billiges Schnäppchen da, in Deutschland sind die ständigen Vergleiche mit Dirk Nowitzki sein Problem, das möglicherweise schon damit beginnt, dass er noch keinen Titel vorweisen kann. Doch der Eigenbrötler hat auch nicht die Arbeitsethik, den Trainingsfleiß, die natürliche Ausstrahlung, das bescheidene Wesen, die hohe Sozialkompetenz des Würzburgers, der nicht nur in Dallas und hierzulande verehrt wird. Während es für Nowitzki das Größte überhaupt darstellte, umgeben von seinen Kumpels an den Olympischen Spielen teilzunehmen, ließ Schröder den Deutschen Basketball-Bund wie einen Haufen armer Habenichtse dastehen, als die Funktionäre schier aus allen Wolken fielen, dass die Versicherungssumme mehr als 100 Millionen Dollar betrüge für den Fall, dass sich der NBA-Gastspieler in Tokio karrieregefährdend verletzen könnte. Andere Nationen konnten in Tokio auf ihre Legionäre bauen, Schröder juckte das Fernbleiben wenig.

Scheinriese in der Bling-Bling-Welt

Selbst die Wahl seiner neuen Rückennummer wäre um ein Haar zum Eigentor geworden. Die gewohnte 17 durfte er nicht übernehmen, da sie zu Ehren von Klubidol John Havlicek aus dem Verkehr gezogen wurde. Alternativnummer 38 trägt bereits Sam Hauser. Medienwirksam ließ er die Celtics-Fans unter fünf Nummern darüber abstimmen, darunter die 96. „Wie Ihr Euch vorstellen könnt, ist die 96 nicht unbedingt mein Favorit, weil ich aus Braunschweig komme“, klärte er die US-Fans über die erbitterte Fußball-Rivalität zwischen Hannover und seinem Heimatverein auf. Offenbar nahmen erboste 96-Anhänger diese Message als provokante Aufforderung zur Mitabstimmung wahr. Im Endeffekt schrammte er mit 48,84 Prozent für die Siegernummer 71 (41,76 für die 96) nur knapp an der nächsten persönlichen Demütigung vorbei.

Der 1,91-Meter-Scheinriese verkörpert mit Haut und Haaren die der NBA systemimmanente Bling-Bling-Welt, in der der Protz abseits des Parketts mindestens genauso wichtig ist wie die geworfenen Punkte darauf. Ghettoblaster, Stretch-Limousine, ein Juwelierladen an Ketten um den Hals – Schröder stellt man sich sogleich als Leader of the Gang, aber nicht als Anführer eines Erfolgsteams vor.

Bei seinem vierten NBA-Verein seit seinem Einstieg in die beste Liga der Welt 2013 steht er nun am Scheideweg, derzeit verdient er gar weniger als die anderen Deutschen Maxi Kleber (Dallas Mavericks) und Daniel Theis (Houston Rockets). Zumindest Celtics-Fan Nick Kyrgios war begeistert von Schröders Wechsel nach Boston. Der australische Tennis-Exzentriker neigt dazu, seine Schläger wutentbrannt auf dem Court zu zertrümmern. Sein deutsches Idol unternimmt seit geraumer Zeit alles, um das Gleiche mit seiner Karriere anzustellen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
13. Oktober 2021, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 44sec

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